Deutsche Bank bittet Investoren um Geduld


Die internationale Eigenkapitalreform für Banken, im Fachjargon „Basel IV“ genannt, bringt viele Bankmanager in Europa in Wallung. Schließlich bringt die Reform schärfere Eigenkapitalregeln für die Branche mit sich. Die Reaktion von Sylvie Matherat, Regulierungschefin der Deutschen Bank, gerät kühler. „Wir haben da keine Emotionen. Wie auch immer die Regeln ausfallen, wir müssen uns anpassen“, sagte sie am Freitag auf der Handelsblatt-Jahrestagung „European Banking Regulation“ (EBR) in Frankfurt. Was die Reform für die Deutsche Bank in Zahlen bedeutet, wie viel frisches Eigenkapital das Institut benötigen wird, das weiß die Französin zwar, verraten will sie die Zahlen aber nicht.

Lange haben deutsche und französische Banken die internationale Bankenreform bekämpft. Am 7. Dezember wollen sich die internationalen Notenbank- und Bankenaufsichtschefs auf das neue Regelwerk einigen, eine Pressekonferenz dazu wurde bereits anberaumt.


Für europäische Banken enthält der Kompromiss eine dicke Kröte: Die Freiheiten, die Banken bei der Kalkulation ihrer Risiken und damit ihres Kapitalbedarfs ermitteln, sollen beschnitten werden. Aus diesem Grund rechnen vor allem deutsche und französische Institute mit einem deutlich höheren Kapitalbedarf. „Ich weiß, dass uns dieser Wandel gelingt. Wir managen unsere Risiken ziemlich effizient“, sagt Matherat. Sie setzt außerdem darauf, dass die Regulierer der Branche viel Zeit geben, bis die Regeln in Gänze in Kraft treten.

Auch Helaba-Finanzchef Detlef Hosemann geht von „einer sehr langen Übergangsfrist“ aus. Die Risiken in den Büchern der Bank würden durch die neuen Vorgaben zwar steigen, „aber das stellt sich für uns als machbar dar, insbesondere vor dem Hintergrund der langen Übergangsfrist“, sagt er.


Deutsche Bank will internationale Kooperation

Ein Thema treibt viele Banker jedoch um: Die mögliche Ungeduld der Investoren. Die scheren sich selten um Übergangsfristen und beurteilen Banken häufig sofort danach, ob sie die Vorschriften erfüllen. Ganz gleich welche Übergangszeiten den Instituten eingeräumt würden. Die Branche wolle versuchen den Investoren zu erklären, dass Banken sich an Regeln, die erst in drei oder vier Jahren eingeführt würden, erst anpassen müssten, erklärt Matherat.

Helaba-Vorstand Hosemann sieht das ähnlich. Bislang hat die Helaba ihre Geschäftssteuerung nämlich angesichts der Unsicherheiten über das Ergebnis und die Dauer des Übergangs noch gar nicht nach den neuen Vorgaben ausgerichtet. „Das wäre aus meiner Sicht auch nicht vertretbar gewesen. Jetzt will ich erst mal den definitiven Beschluss abwarten, die definitiven Prozentsätze, die definitiven Übergangsfristen“, sagt er. Erst dann werde die Helaba prüfen, „wie wir uns mit unserem Geschäft da annähern“. Er ist sich aber sicher, „dass wir diese Anforderungen erfüllen können.“


Matherats nüchterne Reaktion hebt sich deutlich ab von der Aufregung, die in der deutschen Finanzbranche wegen „Basel IV“ geherrscht hatte. „Kein Kompromiss ist besser als ein schlechter Kompromiss“, hatten viele deutsche Bankmanager in den vergangenen Monaten immer wieder betont. Die Deutsche Bank-Vorständin sieht das anders. „Die internationale Kooperation hat während der Finanzkrise sehr gut funktioniert. Es ist wichtig, dass wir das nicht über Bord werfen und dass Regulierer weiter grenzüberschreitend kooperieren“, sagt sie.

Denn Matherats heimlicher Alptraum sind weniger höhere Kapitalanforderungen, sondern der regulatorische Flickenteppich, den es in anderen Feldern gibt. Vorgaben zur Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung seien noch immer national geregelt, klagt sie. Für eine Bank, die in so vielen unterschiedlichen Ländern aktiv sei wie die Deutsche Bank, ist das ein großes Problem. „Die Regeln unterscheiden sich nicht nur von Land zu Land, sondern sie sind manchmal sogar widersprüchlich.“

Doch trotz aller Regularien verspürt die Deutsche Bank keinen Drang, etwas völlig Neues auszuprobieren – etwa eine Fusion mit einem Technologiegiganten. Ein Zusammenschluss mit Apple oder Google wäre aktuell zwar vielleicht in Mode, „aber ich bin nicht sicher, ob das aus operationeller Sicht Sinn machen würde für unsere Kunden, unsere Mitarbeiter und unsere Aktionäre“, sagt Matherat. „Da muss man vorsichtig sein.“

KONTEXT

Der Vorstand der Deutschen Bank

Fakten zum Vorstand

Im Oktober 2015 hatte Vorstandschef John Cryan einen Großumbau des Vorstands angekündigt. Viele Änderungen traten zum 1. Januar 2016 in Kraft, im Laufe der Jahre 2016 und 2017 gab es einige Umbesetzungen. Zwei Frauen gehören zum Zirkel, vier Manager sind Deutsche.

John Cryan - Vorstandschef

Der Brite führt seit Juli 2015 die Deutsche Bank. An seiner Seite agierte bis Mai 2016 noch Jürgen Fitschen als Co-Vorstandschef.

Cryan war zuvor unter anderem Finanzvorstand der Schweizer Großbank UBS.

Marcus Schenck

Bis 2014 arbeitete Schenck für den Energiekonzern Eon und die Investmentbank Goldman Sachs, bevor er als Finanzvorstand zur Deutschen Bank wechselte. Er behielt beim großen Umbau im Herbst 2015 seinen Posten und wurde im März zum Stellvertreter Cryans gewählt. Er leitet nun das Unternehmens- und Investmentbanking.

Christian Sewing

Zweiter stellvertretender Vorstandsvorsitzender ist Christian Sewing. Er sitzt seit Jahresbeginn 2015 im Vorstand. Nachdem er sich zunächst um die zahlreichen Rechtsstreitigkeiten der Bank kümmerte, übernahm er im Sommer 2015 die Leitung des Privatkundengeschäfts und damit auch die Verantwortung für die Postbank. Die Position Sewings wurde weiter gestärkt, weil sein Bereich auch die Betreuung von sehr reichen Kunden übernahm.

James von Moltke

James von Moltke, früher Treasury-Chef der US-Bank Citigroup, ist neuer Chief Financial Officer.

Kim Hammonds

Die langjährige Boeing-Managerin bringt als Technologiechefin die Informationssysteme der Bank auf Vordermann. Sie hatte zunächst als Generalbevollmächtigte begonnen und rückte im August 2016 in den Vorstand.

Stuart Lewis

Der Brite war bereits vor dem großen Umbau im Jahr 2015 Risikovorstand - und ist es geblieben.

Sylvie Matherat

Die Französin war seit gut einem Jahr bei der Bank, bevor sie im Oktober 2015 in den Vorstand einzog. Sie kümmert sich um die Bereiche Regulierung, gute Unternehmensführung und Kampf gegen Finanzkriminalität.

Nicolas Moreau

Der Franzose blickt auf eine mehr als 25-jährige Karriere beim französischen Versicherungskonzern Axa zurück, wo er zuletzt das Frankreich-Geschäft leitete. Zum 1. Oktober 2016: Wechsel in den Vorstand der Deutschen Bank mit der Zuständigkeit für die Vermögensverwaltung (Deutsche Asset Management). Sein Sitz: London.

Garth Ritchie

Der britische Manager leitete vor seiner Bestellung in den Vorstand 2016 das Aktiengeschäft in London. Gemeinsam mit Marcus Schenck verantwortet er den Unternehmensbereich Unternehmens- und Investmentbank.

Karl von Rohr

Der Deutsche übernahm ab Oktober 2015 die Verantwortung für die Rechtsstreitigkeiten und das Personal. Vorher war er für das Management der globalen Regionen der Bank zuständig.

Werner Steinmüller

Der Banker arbeitet seit 1991 für das Institut und führte seit 2004 die Transaktionsbank, die etwa Zahlungsdienstleistungen und Handelsfinanzierungen anbietet.

1. August 2016: Aufstieg zum Vorstand für das Asien-Geschäft mit Sitz in Hongkong.