Kommentar: Der Weinstein in uns

Jan Rübel
Freier Journalist
Über Harvey Weinstein regt sich gerade jeder auf – aber reicht das? (Bild: Richard Shotwell/Invision/AP)

Hollywood-Produzent Harvey Weinstein wird wegen seiner Übergriffe der Prozess gemacht – und alle fragen: Warum ließ man es jahrelang geschehen? Leider lautet die Antwort: Hollywood ist überall.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Im Filmgeschäft werden Riesen und Helden perfekt geschneidert. Sie sind groß, ob gut oder schlecht, und nun erwischte es einen aus diesem Business, der vom Schneider zum Geschneiderten wurde: Harvey Weinstein, Filmproduzent und nach Aussagen unglaublich Vieler ein sexueller Ausbeuter. Einer, der dachte, sein Ruhm im Job erlaube ihm, Böses zu tun. Und der hinzufügte: Ach ja, und sie hatte doch die Bluse etwas geöffnet, also wenn das keine Einladung war…

Ohne Frage ist Weinstein ein Monster. Aber ich frage mich, ob er gerade noch stärker als solches beschrieben wird, damit bloß der ganze Dreck bei ihm bleibt und sich keine strukturellen Fragen einschleichen.

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Um diesen Schlamassel genauer zu umreißen, sei hier eine Episode aus Berlin erzählt, die sich vor kurzem ereignete und die in der Weinstein-Skala ganz unten rangiert – aber sich dadurch bestens eignet, um das Gelände zu markieren: Die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli war zu einer Podiumsdiskussion eingeladen und erschienen, nur kriegte dies der Moderator, ein Botschafter a.D., nicht mit und meinte, man würde nun ohne sie anfangen. Als sich Chebli zu erkennen gab, antwortete er mit dem Versuch eines Kompliments, welches nach hinten losging: „Ich habe keine so junge Frau erwartet, und dann sind Sie noch so schön.“

Chebli schrieb später auf Facebook: „Unter Schock. Sexismus.“

Geschockt reagierten manche ihrer Leser: Entspannt euch, hieß es da. Wird man doch noch sagen dürfen. War gut gemeint. Oder ein Kommentator im „Tagesspiegel“: „Immer den größten Hammer schwingen, das ist das Prinzip. Auch wenn die Weinsteins dieser Welt damit nur verzwergt werden.“

Der Skandal und die vielen Ablenkungsmanöver

Oh je, anders herum wird ein Schuh daraus: Die Weinsteins dieser Welt werden durch diesen Sexismus-Vorwurf, der besser formuliert eine Sachstandsaufnahme ist, nicht verzwergt, sondern ans Tageslicht geschoben. Geschieht dies nicht, wird im Gegenteil dieser EINE Weinstein ein Monument, hinter dem sich die anderen Männer in ihren offenen Hosen verstecken.

Zum Vorfall Chebli reicht nur die Frage, was der Herr Botschafter einem Jüngling vorgebracht hätte, etwa ein: „Ich habe keinen so jungen Mann erwartet, und dann sind Sie noch so schön“? Ungesagt schimmert immer die ungleiche Machtbalance mit, die eingehalten werden soll: Mann oben, Frau unten. Und die wird zementiert.

Sawsan Chebli erntet für ihre Sexismuskritik viel Unverständnis (Bild: dpa)

Die Fälle Weinstein und Chebli stecken nur die Extreme ab. Dazwischen befinden sich folgende Daten: In Deutschland zeigen 95 Prozent der Vergewaltigungsopfer den Täter nicht an. Es ist ein Straftatbestand massenhaften Ausmaßes und entsprechend großer öffentlicher Verdrängung: Jede siebte Frau in Deutschland wird Opfer sexueller Gewalt, alle drei Minuten fällt eine Frau einer Vergewaltigung zum Opfer.

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Die EU-Kommission veröffentlichte Ende 2016 eine Studie zu „Geschlechtsspezifischer Gewalt“ mit 27.818 Befragten. Darin heißt es: „Insgesamt geben 27 Prozent der Befragten an, dass Geschlechtsverkehr ohne Einwilligung in mindestens einer der beschriebenen Situationen gerechtfertigt sein kann. Am häufigsten meinen die Befragten dies von Situationen, in denen die Betroffenen betrunken sind oder Drogen genommen haben (12%), freiwillig zu jemandem nach Hause mitgegangen sind (11%), freizügige, provozierende oder sexy Kleidung tragen bzw. nicht deutlich nein sagen oder sich körperlich nicht deutlich wehren (beide 10%).“ Diese 27 Prozent beziehen sich auf alle EU-Länder zusammen. Die Werte für Deutschland sind dieselben.

Es geht nicht um Riesen oder Zwerge. Es geht um fehlenden Respekt und um ungleich verteilte, weil mit Gewalt genommene Macht.

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