„Der Wahlkampf ist vorbei“ – Cem Özdemir gibt sich bei „Markus Lanz“ diplomatisch

Zu Gast in der ZDF-Talkshow waren am Mittwoch Cem Özdemir, Markus Feldenkirchen, Conchita Wurst und Helge Timmerberg (v. l. n. r.). (Bild: Screenshot ZDF)

Markus Lanz’ Talkshow bewegte sich am Mittwochabend zwischen den Themen Wahlkampf, Koalitionsbildung, Kunstfiguren und Reisegeschichten.

„Die Schulz-Story“ heißt die aktuelle Titelstory des „Spiegel“, für die der Journalist Markus Feldenkirchen den SPD-Kanzlerkandidaten 150 Tage lang im Wahlkampf begleitete. Feldenkirchen erhielt intime Einblicke in Schulz’ Psyche und die sich nach und nach abzeichnende Wahlniederlage. Schulz habe zwei Wochen lang über den Vorschlag Feldenkirchens nachgedacht und sich dann trotz Skepsis in seinem Umfeld für das Projekt entschieden, erzählte der Journalist: „Ich muss sagen, er hat dann – und das finde ich doch bewundernswert – dazu gestanden. Das war an einem Zeitpunkt, wo die Umfragen für die SPD und ihn sehr, sehr gut waren, wo es tatsächlich möglich schien, als könne die SPD die Union überholen. Ein Kanzler Martin Schulz erschien möglich. Er hat aber zu diesem Projekt […] gestanden, auch dann, als es eigentlich eine ständige Talfahrt war.“

Ob sich Grünen-Chef Cem Özdemir ein ähnliches journalistisches Projekt generell vorstellen könnte, fragte Lanz. „Kommt drauf an, mit wem, um es mal deutlich zu sagen“, so der Politiker. Lanz stellte klar: „Mit Markus Feldenkirchen in dem Fall.“ „Nein, klares Nein“, konterte Özdemir mit einem Frontalangriff auf den Journalisten: „Ich kenne seine Geschichten. Ich weiß nicht, ob ich was darüber lesen möchte, welche Körpergeräusche Martin Schulz erzeugt. Das hat am Ende des Tages auch immer etwas mit der Würde des Menschen zu tun.“

Grünen-Politiker Cem Özdemir kritisierte den „Spiegel“-Journalisten Markus Feldenkirchen scharf. (Bild: Bernd Von Jutrczenka/dpa)

Özdemir weiter: „Vielleicht bin ich da ein bisschen altmodisch. Der hat sicher ganz viele Fehler gemacht, der Schulz. Wahrscheinlich haben seine Leute noch mehr Fehler gemacht, das wird ja in der Geschichte deutlich: Dass er manchmal besser auf sich selber gehört hätte als auf seine Berater. Ich hab da keinen Spaß dran, wenn jemand so hingefallen ist, noch mal nachzutreten.“ Ob Feldenkirchen schon eine Reaktion von Martin Schulz auf die sehr schonungslose Titelgeschichte bekommen habe, fragte Lanz. „Er hat es gelesen und er fand es auch in Ordnung“, antwortete der Journalist.

Özdemir gab im Anschluss ein Update, wie es derzeit um eine mögliche Jamaika-Koalition steht: „Bis jetzt läuft‘s noch gar nicht. Jetzt muss erst mal die Union diskutieren, die hat Abstimmungsbedarf zwischen CDU und CSU. Offensichtlich wollen manche auch bis zur Wahl in Niedersachsen warten.“ Dass sich die CDU Zeit lasse, könne Özdemir nicht ändern: „Wir sind jetzt nicht in der Situation, dass wir zu Gesprächen einladen.“ Mit der Koalitionsbildung sei es ihm aber durchaus ernst. „Ich will ernsthaft verhandeln. Es geht um die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt.“ Dabei, so Özdemir, diene es der Sache, Gemeinsamkeiten zwischen den Parteien zu suchen: „Was hilft, ist sicherlich, dass man auch mal ein bisschen guckt: Gibt es eigentlich nicht ein paar Sachen, wo man Schnittmengen hat? […] Zum Beispiel in der Sozialpolitik, wenn die CSU das S wieder stärker entdeckt, könnte man vielleicht da versuchen, zusammenzuarbeiten, Brücken zu bauen. Beim Thema Digitalisierung, Modernisierung, Breitbandinternet hat ja die FDP in Teilen ähnliche Vorstellungen wie wir. Vielleicht kann man da zusammen was gegen die anderen durchsetzen.“ Seinen diplomatischen Ton erklärte Özdemir folgendermaßen: „Der Wahlkampf ist vorbei.“

Als dritten Gast begrüßte Lanz die Sängerin und „Eurovision Song Contest“-Gewinnerin Conchita Wurst, die über die Entwicklung ihrer Kunstfigur sprach. Aus einer nicht ganz nüchternen Laune heraus konzipiert, entwickelte sich die Figur durch den steigenden Erfolg zu einer Art „Präsidentengattin“, die allen Erwartungen gerecht werden wollte, erzählte die Sängerin. Mittlerweile sehne sie sich nach Veränderung: „Ich habe das gelebt und ich habe meinen Fetisch ausgelebt, hohe Schuhe zu tragen, enge Korsagen und wunderschöne Kleider. Aber das war damals. Und das langweilt mich jetzt“. Da passt es auch, dass Lanz die Künstlerin am Ende „Tom“ (Conchitas bürgerlicher Name ist Thomas Neuwirth) nannte.

Einen launigen Abschluss der Sendung bereitete der Reisejournalist Helge Timmerberg, der Geschichten rund um sein neues Buch „Die Straße der Lebenden“ erzählte und alle Anwesenden mit seiner humorvollen Erzählweise zum Lachen brachte.