Der unwürdige Umgang eines Landes mit seinen Fußballerinnen

Die deutschen Fußballdamen sind bei der EM sensationell ausgeschieden. Der Frust ist groß.

Der Frauenfußball stand aufgrund der EM in den Niederlanden gerade wieder etwas stärker im Fokus der Öffentlichkeit. In einem spektakulären Spiel holten sich die Niederländerinnen erstmals den begehrten Titel. Diskutiert wird jedoch kaum über die sportlichen Leistungen der Teams, sondern über das schwache Abschneiden der deutschen Mannschaft, die als großer Favorit schon im Viertelfinale die Segel streichen musste. 

Dabei gerät außer Acht, wie prekär es um den deutschen Frauenfußball als Ganzes bestellt ist. Diese Situation zu verbessern ist kein Selbstzweck, sondern gesellschaftlicher Auftrag. Ein Lagebericht.

Ein Gedankenspiel: Stellen Sie sich vor, Sie sind ein außergewöhnlicher Fußballer. Selbst im durchgestylten, von hochtalentierten Spielern gefüllten Spitzensport, stechen Sie heraus. Ihre Torquote: Atemberaubend. Ihr Einfluss auf das Spiel Ihrer Mannschaft: Außergewöhnlich. Sie sind ein Weltstar mit einer einzigartigen Begabung – und wissen das auch.

Welches Gehalt würden Sie für diese Art von Talent erwarten? Man kennt ja mittlerweile die Einkommen der Messis, Ronaldos oder Neymars dieser Welt, dementsprechend würde man sich nicht mit weniger als einem zweistelligen Millionenbetrag abspeisen lassen – reines Gehalt, versteht sich. Mit Sponsoren-Deals und Prämien springt gerne das Doppelte raus, richtig?

Frauenfußball: Für ein finanziell unabhängiges Leben reicht das nicht

Und nun nehmen wir mal an, Sie seien eine Frau. Mit denselben fußballerischen Fähigkeiten. Sie bringen alles mit, um ein Star zu sein. Nein, Sie sind ein Star. Was Sie verdienen? Keine Million im Jahr! Wenn Sie Glück haben, können Sie den Sport, in dem Sie so außergewöhnlich gut sind, hauptberuflich ausüben.

Marta ist der große Superstar im Frauenfußball. Bild: REUTERS/Mike Blake

Mit ganz, ganz viel Glück und Ihrem Talent springt vielleicht eine halbe Million Euro im Jahr für Sie raus. Aber dann müssen Sie schon die beste Fußballerin des Planeten sein, der Lionel Messi oder der Cristiano Ronaldo der Frauenfußball-Welt. Also Marta heißen.

Der brasilianische Superstar verdiente bei ihrem früheren Verein FC Rosengård genau diesen Betrag. Mittlerweile spielt sie in der US-amerikanischen National Women’s Soccer League bei Orlando Pride. Ihr Jahresehalt: 41.000 US-Dollar brutto, der Standardvertrag einer ausländischen Spielerin in der nordamerikanischen Frauenfußball-Liga.

150 Euro Fahrtgeld, Studium, Zweitjob…

Das reicht in weiten Teilen der westlichen Welt nicht für ein eigenes Häuschen und ein finanziell unabhängiges Leben. Ohne ihre Sponsoren-Verträge müsste sich Marta wohl einen Zweitjob suchen. So reicht es für sie etwa zum durchschnittlichen Einkommen eines Spielers von Bundesliga-Absteiger FC Ingolstadt. Dort verdienten die Spieler im Jahr 2016 im Schnitt etwa 420.000 Euro. Und das ist die obere Grenze. Bei vielen hochklassigen Fußballspielerinnen sieht es sehr viel düsterer aus.

Einer, der das ganz genau weiß, ist Ansgar Brinkmann: Die Fußball-Legende setzt sich ausgiebig mit dem Frauenfußball auseinander, verfolgt nahezu alle Spiele der 1. und 2. Bundesliga, der ausländischen Topligen und der aktuell laufenden Europameisterschaft. Brinkmann ist top vernetzt in der Szene. Seine Schwester spielt selber Fußball.

Was er erzählt, wirkt in der Zeit von Wahnsinnsgehältern und Millionentransfers wie blanker Hohn: “Eine Spielerin, die ich sehr gut kenne, bekam in ihrer Anfangszeit in der zweiten Liga 150 Euro Fahrtgeld. Parallel zu den vielen Trainings, den Trainingslagern und den Spielen absolvierte sie ein Studium. Und wenn sie mal in den Urlaub fahren wollte, hat sie einen Zweitjob aufgenommen, Wahnsinn.”

Dzenifer Marozsan ist der Superstar des deutschen Frauenfußballs. (Photo by Christopher Lee/Getty Images)

…und trotzdem glücklich

Deutsche Topspielerinnen wie Dzsenifer Marozsán, bei Olympique Lyon unter Vertrag, seien in puncto Einkommen “eine absolute Ausnahme”, so Brinkmann. Marozsán bewegt sich gehaltstechnisch im sechsstelligen Bereich – und überflügelt ihre DFB-Kolleginnen damit bei weitem.

Wer glaubt, dass diese finanziell hochprekäre Situation frustrierend und abschreckend auf die Bundesligaspielerinnen wirkt, irrt: “Die Mädels lieben den Fußball so sehr, dass sie das nicht stört”, weiß Ansgar Brinkmann. Er geht sogar noch weiter: “Die Frauen können gegenüber sich selber in einer Weise hart sein, die ich von den männlichen Profis nicht kenne.”

Seite 2: Das Klischee wird zur selbsterfüllenden Prophezeiung

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