"Schwedischer Weg" basiert wohl auf Studie von 2010

Schweden fährt einen Sonderweg in der Coronakrise. Das Land setzte von Anfang an eher auf Empfehlungen und Freiwilligkeit, anstatt auf Verbote. Hinter der Strategie, das legen Dokumente nahe, die dieses Wochenende an die Öffentlichkeit gekommen sind, steckt eine Untersuchung aus dem Jahr 2010.

Der schwedische Staatsepidemiologe Anders Tegnell. Foto: Folkhälsomyndigheten / dpa

Schweden geht in der Corona-Krise einen Sonderweg. Doch wer vergleicht, stellt fest, dass die Maßnahmen im Vergleich zu Deutschland nicht so unterschiedlich sind: Auch in Schweden sollen ältere Menschen und Risikogruppen die Öffentlichkeit meiden. Generell sollen Menschen nur außer Haus gehen, wenn es sein muss. Von Reisen wird generell abgeraten und wer kann, soll von Zuhause aus arbeiten.

Im Gespräch mit Quarks erklärt der Außenminister Ann Linde, es sei also nur ein Mythos, dass in Schweden das normale Leben weitergehe: „Es gibt zwar keinen vollständigen Lockdown.“ Aber viele Teile des gesellschaftlichen Lebens seien eingestellt.

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Mehr Infektionen am Anfang, dafür weniger nach Ende der Maßnahmen

Der Unterschied ist, dass Schweden eher auf Freiwilligkeit und Empfehlungen setzt. Es gibt aber auch Verbote: Veranstaltungen mit mehr als 50 Personen sind untersagt, es gilt ein Besuchsverbot in Altersheimen, Universitäten und Schulen ab der neunten Klasse sind geschlossen.

Trotzdem sind in all der Zeit Grundschulen und Kitas, Restaurants und die meisten Geschäfte offengeblieben. Die Idee dahinter: Am Anfang der Pandemie sollten mehr Infektionen in Kauf genommen werden, um dafür einen steilen Anstieg nach Lockerung der Maßnahmen zu vermeiden.

Schweden konnte besonders gefährdete Menschen nicht schützen

Nur: Die Strategie hat zunächst zu einem rasanten Anstieg der Fallzahlen geführt. Und zu vielen Toten. Mit rund 3700 Todesfällen hat das Land relativ zu seinen Einwohnern eine höhere Todesrate zu beklagen als seine Nachbarländer oder etwa Deutschland. Vor allem in schwedischen Altersheimen sowie in häuslicher Altenpflege traten Corona-Infektionen auf. Schätzungen gehen laut Quarks inzwischen von bis zu 50 Prozent aller Todesfälle in der Alten- und Pflegebranche aus.

Großen Einfluss auf den schwedischen Sonderweg hat der Chef-Epidemiologe des Landes, Anders Tegnell. Er berät die Regierung und ist weiterhin überzeugt davon. Dokumente, die am Wochenende an die Öffentlichkeit gekommen sind, zeigen: Tegnell hat seine Corona-Strategie nicht kurzfristig aufgestellt, er gründet sie auf eine Untersuchung aus dem Jahr 2010. Damals wurde in der Großstadtregion Malmö eine Grippe-Epidemie simuliert und die gewonnenen Daten über Jahre ausgewertet. Mitautor der Studie, die 2013 erschien: Anders Tegnell.

Der Grund für die Simulation war die damals grassierende Schweinegrippe. Malmö hatte in der Folge die Risikoanalyse in Auftrag gegeben, um folgende Fragen zu beantworten: Wie würde eine Epidemie die Region treffen und welche Schutzmaßnahmen wären wirklich effektiv?

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Die psychologische Gesundheit der ganzen Bevölkerung im Blick 

Zuerst über die neuen Dokumente berichtet hat die schwedische Zeitung Sydsvenskan. Dort sagt die heutige Leiterin der Analyseabteilung im „Volksgesundheitsamt“, Lisa Brouwers: „Gewisse Aussagen aus den Studien von 2010 sind heute rund um den Covid-19-Ausbruch anwendbar.“

Außerhalb Schwedens haben bislang vor allem Medien aus der Schweiz über die Veröffentlichung berichtet. Die Luzerner Zeitung etwa hat Professor Göran Bengtsson, ebenfalls Mitautor der Studie, dazu befragt. Er sagt: „Die Arbeit von vor zehn Jahren bildet in den Entscheidungen von Anders Tegnell heute sicher ein wichtiges Puzzleteil.“ Die damalige Analyse habe etwa gezeigt, dass Schulschließungen nur einen sehr geringen Effekt auf die Ausbreitung des Virus hätten – obwohl Kinder eine wichtige Rolle bei der Übertragung spielten. Wohl auch deshalb blieben in Schweden die Schulen durchgehend geöffnet.

Aber auch aus einem anderen Grund, den Lisa Brouwers betont. So seien vor allem die psychischen Folgen einer Schulschließung für die gesamte Gesellschaft nicht zu unterschätzen. Ihr „Volksgesundheitsamt“ habe deshalb abgewogen, wie lange die Bevölkerung eine Maßnahme durchzuhalten imstande sei.

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