Der R-Wert des Coronavirus: Was er aussagt - und was nicht

Neuinfektionen, Todesfälle, Verdopplungsrate: Der R-Wert hat all diese Werte des Coronavirus hinter sich gelassen und ist aktuell der neue Daten-Star in Virologie und Politik. Aktuell (30. April) liegt er laut Robert Koch-Institut bei 1,0. Das sagt einiges, aber noch lange nicht genug aus.

RKI-Präsident Prof. Dr. Lothar Wieler gibt regelmäßige Updates zum Coronavirus. (Bild: AFP)

Einfach erklärt: Was ist der R-Wert?

Der R0-Wert, oder auch Basisreproduktionszahl, gibt an, wie viele Menschen ein einzelner Infizierter ohne Maßnahmen und ohne Immunität in der Bevölkerung ansteckt.

Der R-Wert, auch effektive Reproduktionszahl, hingegen gibt an, wie viele Menschen ein Infizierter aktuell ansteckt: Dabei werden Maßnahmen und auch eine steigende Immunität in der Bevölkerung berücksichtigt.

Heißt: Nach aktuellem Stand (30. April) würde der R-Wert von 1,0 bedeuten, dass jeder Infizierter einen weiteren Infizierten hervorbringt. Die Zahlen blieben damit stabil, das Virus würde nicht aufgehalten werden.

Der R0-Wert, der sich ganz allgemein auf das Coronavirus bezieht, wurde in diversen Studien zu ermitteln versucht. Wirklich genau sind diese allerdings nicht. Forscher des Imperial College aus London hatten eine Zahl von etwa 2,6 veröffentlicht, diese aber in einem Intervall (dazu später mehr) von 1,5 bis 3,6 verankert.

Wie hat sich der R-Wert in Deutschland verändert?

Das RKI hat über die letzten Wochen immer wieder einen aktuellen R-Wert berechnet. Über lange Sicht ist ein positiver Trend erkennbar: Anfang bis Mitte März lag der R-Wert teilweise über 3,0, fiel dann aber bis Ende März knapp unter 1,0 und befindet sich seitdem immer eng an dieser Marke. Die folgende Grafik aus dem Epidemiologischen Bulletin (17/20) verdeutlicht dies. Kurzfristig zeigt sich nach einem Tief Anfang April inzwischen wieder aber ein Anstieg.

Der Verlauf des R-Werts in Deutschland nach Berechnung des RKI. (Bild: RKI / Epidemiologisches Bulletin 17/20)

Auf kurze Sicht sind die Schwankungen teilweise enorm: Am 28. April wurde ein Wert von 0,96 vermeldet, am 29. April ein Wert von 0,75, am 30. April wieder ein Wert von 1,0.

Seit dem 29. April wird ein Zeitraum von vier Tagen zur Ermittlung des Werts herangezogen, zuvor waren es drei Tage. Das RKI änderte also die Rechenart: “Für einen bestimmten Tag ergibt sich der R-Wert jetzt alseinfacher Quotient der geschätzten Anzahl von Neuerkrankungen für diesen Tag geteilt durch dieAnzahl von Neuerkrankungen 4 Tage davor.”

Beachtet werden muss dabei, dass der R-Wert vom 30. April sich eigentlich auf den 27. April bezieht, weil das RKI die aktuellsten Tage nicht in die Rechnung einbezieht. Das liegt daran, dass die einzelnen Gesundheitsämter teilweise stark verzögert ihre Neuinfektionen melden.

Warum ist der R-Wert so wichtig für die Politik?

Die Politik ist derzeit in zwei Dingen gefragt: Auf der einen Seite stehen Maßnahmen, um die Ausbreitung des Coronavirus in der Bevölkerung zu hemmen und damit im Sinne von #FlattenTheCurve das Gesundheitssystem so zu schützen, das jeder Bürger adäquat versorgt werden kann. Bezüglich einer langfristigen Perspektive scheiden sich die Geister: Für eine langsame Durchseuchung wäre ein R-Wert von 1,0 in Ordnung. Soll das Virus aber komplett gestoppt werden, muss der R-Wert lange Zeit bei unter 1,0 bleiben.

Zweitens muss die Politik aber die immer lauteren Rufe nach einer Öffnung wahrnehmen. Entsprechend ist der R-Wert theoretisch Indikator in zwei Richtungen:

  • Funktionieren unsere Maßnahmen und senken den R-Wert?

  • Sind unsere Lockerungen im Rahmen oder treiben sie den R-Wert über 1,0?

Ebenfalls zu bedenken ist dabei, dass die Maßnahmen seltenst perfekt umgesetzt werden. Das erschwert ein genaues Nachverfolgen der Veränderungen. Das muss die Politik durchaus berücksichtigen.

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Warum ist der R-Wert nicht voll aussagekräftig?

Nicht minder problematisch ist bei der Auswertung des R-Werts die Ungenauigkeit dessen. Das geht auf verschiedene Faktoren zurück.

Das RKI berechnet den R-Wert anhand der gemeldeten Fälle. Die Dunkelziffer, die beim Coronavirus ohnehin schon ein riesiges Fragezeichen darstellt, erschwert die Berechnung. Mehr Tests bedeuten auch mehr positive Ergebnisse, also wieder einen höheren R-Wert. Auch die Schwankungen der Meldungen über Wochenenden und Feiertage (insbesondere Ostern!) beeinflussen die Berechnung extrem.

Dazu ist der R-Wert nunmal nur ein Mittelwert - mit bekannten Schwächen. Mittelwerte sind anfällig für extreme Ausreißer: Halten sich 9 von 10 Menschen genau an die Anweisungen und stecken niemanden an, hilft das alles nichts, wenn Nr. 10 das Virus fleißig verteilt.

Deshalb berechnet das RKI, das ist auch der oben stehenden Grafik zu entnehmen, ein 95%-Konfidenzintervall. Einfach gesagt bedeutet das, dass das RKI mit 95 prozentiger Sicherheit sagen kann, dass der R-Wert aktuell irgendwo zwischen 0,7 und 1,1 liegt. Das zeigt bereits, wie ungenau die Berechnung ausfällt. Ob 100 Infizierte nun 70 oder 110 Menschen anstecken ist ein großer Unterschied.

Obendrein, das erklärte RKI-Präsident Prof. Dr. Lothar Wieler am Dienstag, wird der R-Wert gerundet. Aus 0,96 wurde für die Öffentlichkeit eine glatte 1. Läge der Wert am nächsten Tag aber bei 0,94, würde auf 0,9 abgerundet - das suggeriert einen großen Unterschied und sorgte für einige Schlagzeilen.

Zuletzt ist auch zu beachten, dass es große regionale Unterschiede bezüglich des R-Werts gibt. Berechnungen vom 24. April ergaben etwa einen R-Wert in Bremen jenseits der 1,5, während in Mecklenburg-Vorpommern der R-Wert sogar unter 0,5 liegen könnte.

Welche Schlüsse können aus dem R-Wert gezogen werden?

Bundeskanzlerin Angela Merkel erhielt für ihre Erklärung des R-Werts international große Aufmerksamkeit: Bei einem R-Wert von 1,1 wäre Deutschland im Oktober an der Kapazitätsgrenze, bei 1,2 im Juli und so weiter. Dabei ging es der Kanzlerin aber um einen langfristigen Trend des R-Werts.

Die täglichen Schwankungen des R-Werts können kaum eine seriöse Basis für die Politik darstellen. Vielmehr muss es um den langfristigen Trend in der Entwicklung des Wertes gehen. Das ist ein altbekanntes mathematisches Phänomen: Umso größer die einbezogene Datenmenge, umso genauer die Berechnung.

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Ein für das Coronavirus spezifisches Problem ist die ungenaue Dauer der Inkubationszeit. Es vergeht viel Zeit zwischen Ansteckung, Bemerken der Symptome, Test, Testergebnis, Meldung. In manchen Modellen wird entsprechend eine Verzögerung von über 20 Tagen geschätzt, bis sich die Maßnahmen im R-Wert niederschlagen.

Die große Aufmerksamkeit, die der Wert aktuell erhält, ist somit durchaus kontraproduktiv. Gegner der ergriffenen Maßnahmen der Bundesregierung berufen sich in ihren zahlreichen Videos und Erklärungen immer wieder auf den R-Wert um zu verdeutlichen, das die Restriktionen überflüssig seien. FDP-Politiker Wolfgang Kubicki unterstellte dem RKI das Herausgeben “politisch motivierter” Zahlen.

Insgesamt ist der R-Wert von Tag zu Tag also kein ausreichender Indikator für eine Verbesserung oder Verschlechterung der Lage. Politisches Handeln und Argumentieren basierend auf einzelnen Wasserstandsmeldungen des RKI sollte vermieden werden. Darauf weißt das Institut auch selbst immer wieder hin. Mindestens müssen noch die absolute Zahl der Neuerkrankungen sowie die Zahl schwerer Verläufe in alle Überlegungen einbezogen werden.

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