Depressionen, Heroin, Knast: Absturz einer NBA-Hoffnung

Andreas Pfeffer, Ljubo Herceg

Dass ein 32-jähriger Basketballer aus den USA einen Vertrag bei einem spanischen Fünftligisten unterschreibt, ist zunächst nicht außergewöhnlich. Ebenso wenig wie sein Double-Double im ersten Spiel.

Mehr als außergewöhnlich wird es, wenn es sich um jemanden handelt, der mit 18 Jahren als zukünftiger NBA-Star galt, daran zerbrach und dann so tief fiel, wie man es keinem Menschen wünscht. 

Sein Name ist Robert Swift. Seine Geschichte ist atemberaubend und traurig zugleich.

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NBA statt Universität

Swift lebt zunächst den amerikanischen Traum: Vom Jungen aus ärmlichen Verhältnissen zum Millionär. Im NBA-Draft 2004 wird der 2,16-Meter-Mann direkt von der High School von den Seattle SuperSonics mit dem 12. Pick ausgewählt. Um seiner Familie finanziell zu helfen, schlägt er ein Angebot der University of Southern California aus. Sein Rookie-Vertrag über drei Jahre ist mit 4,4 Millionen Dollar dotiert - doch der Wechsel in die beste Liga der Welt war der Anfang einer Reihe von Tiefschlägen.

Der schüchterne Junge mit den roten Haaren steckt einen Großteil des Geldes in seine Familie und Freunde. Nach zwei eher durchschnittlichen Jahren in der NBA wollen die Sonics ihn in der Saison 2006/07 zum Starting-Center machen. Diesen Plan zerstört jedoch ein Kreuzbandriss, den sich Swift sich in einem Pre-Season-Spiel zuzieht.

Nach der Rückkehr folgt nach acht Einsätzen in der Saison 2007/08 der nächste Schock - eine schwere Meniskusverletzung. Im Dezember 2009 löst das Team, nach Umzug und Umbenennung mittlerweile als Oklahoma City Thunder unterwegs, dann den Vertrag mit Swift auf.

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"Abhängigkeit ist keine Krankheit, es ist eine Wahl"

Die Abwärtsspirale nimmt Fahrt auf: Der Center unterschreibt in der D-League bei den Bakersfield Jam, für die er aber nur zwei Spiele absolviert. Persönliche Gründe und Übergewicht seien der Grund, hieß es damals.

Über die noch schlechteren NABL bei den Snohomish County Explosion und eine Station in Japan bei Tokio Apache reicht es in der Saison 2010/11 immerhin zum Probetraining bei den Portland Trail Blazers. Mit einem NBA-Vertrag klappt es aber wieder nicht - und Swift stürzte komplett ab.

"Ich traf meine Entscheidungen immer selbst. Auch wenn es Leute gab, die mir falsche Ideen in den Kopf setzten, und Menschen, mit denen ich mich besser nicht abgegeben hätte: Immer waren es meine eigenen Entscheidungen", blickt er heute in der Sports Illustrated zurück: "Abhängigkeit ist keine Krankheit, es ist eine Wahl." Die falsche Wahl.


Depressionen, Drogen - Knast

Während seine Freundin schwanger ist, wird Swift im Juni 2011 unter Alkoholeinfluss von der Polizei im Auto aufgegriffen. Der Alkohol ist noch das kleinere Übel. Wegen seiner Depressionen greift Swift zu immer schlimmeren Drogen: Marihuana, Kokain, Crystal Meth und zuletzt Heroin. Er versinkt im Niemandsland, ohne Profi-Vertrag und ohne Verein.

Familiäre Sorgen, finanzielle Probleme, Drogenkonsum und Depressionen führen dazu, dass er 2014 sein Haus verliert. Es wird zum halben Preis des ursprünglichen Kaufwerts zwangsversteigert.

Im Januar 2013 wirft ihn die Polizei aus der besagten Villa, die er einst selber für 1,3 Millionen Dollar gekauft hatte, die mittlerweile aber einen neuen Eigentümer hat. Über 100 Pizza-Schachteln und mehr als 1000 Schnapsflaschen sollen sich am Boden stapeln. In den Wänden seien Einschusslöcher zu sehen. Doch auch das ist nicht der Tiefpunkt.

Der mittellose und verwahrloste Swift zieht bei seinem Drogendealer ein, wo ihn die Polizei Ende 2014 wieder aufgreift. Der Polizist, der ihn erkennt, fragt entsetzt: "Was ist bloß mit dir passiert?"


Swift: "Es war die Hölle"

Swift ist gefangen im Teufelskreis. "Die Verletzungen zogen mich runter, eines führte zum anderen, und am Ende konnte mich nicht einmal mehr Basketball erheitern", gesteht der Basketballer. Ein letztes Mal wird Swift Anfang 2015 verhaftet, zugedröhnt schläft er auf der Rückbank seines Wagens.

Während der dreiwöchigen Haftstrafe kommt er mit kaltem Entzug immerhin von den Drogen los. Auf Besuche von Freunden oder Familienangehörigen wartet er - wie immer - vergebens.

"Es war die Hölle", erinnerte er sich, "wie die schlimmste Grippe, die du je hattest - hoch zehn. Doch ich wollte einfach nicht mehr süchtig sein. Ich wollte wieder Basketball spielen. Und irgendwann ließen die Schmerzen nach." Im März 2018 scheint es, als hätte er die Kurve bekommen. Mit 32 Jahren. Swift nimmt Stift und Papier und stellt sich selbst die Frage: Was braucht es , um wieder den richtigen Weg einzuschlagen? Ein Punkt auf seiner Check-Liste lautete, wieder professionell Basketball zu spielen.

Neuanfang in der spanischen Provinz

Vor wenigen Wochen unterschrieb er bei Fünftligist Circulo Gijon in der spanischen Provinz wieder einen Vertrag, legt gleich im ersten Spiel ein Double-Double auf. "Auch wenn ich mich etwas eingerostet fühlte. Es war einer meiner besten Tage seit langem", freut er sich bei Hoops Hype.

Mit kleinen Schritten lässt er die dunklen Zeiten allmählich hinter sich und freut sich, endlich wieder auf dem Platz zu stehen. Erst trainierte Swift einmal pro Woche, dann dreimal. Jetzt wieder täglich.


"Ich will mich und meinen Körper langsam wieder an mein früheres Niveau herantasten, mich mit harter Arbeit konstant verbessern - und dieses Mal auch wirklich alles selbst verdienen", sagt er und erinnert daran, dass ihm 2004, vor seiner NBA-Karriere, alles zugeflogen war. Der plötzliche Geldsegen, Freunde und Familie, die stets nur die Hand aufhielten, überforderten ihn damals zu sehr.

Im Hier und jetzt macht es ihm daher auch nichts aus, dass Gijon keine große Nummer im Basketball ist. Nicht einmal in Spanien. Trotzdem will Swift bis nächstes Jahr in der Küstenstadt im Norden Spaniens bleiben und jeden Tag in vollen Zügen auskosten, "denn ich liebe diese Stadt, und idealerweise ist mein Engagement langfristig." Sollte Tabellenführer Gijon den Aufstieg schaffen, würden sich die Mühen auch lohnen, denn sein Gehalt würde sich verdreifachen.

Problem: Familie hält nur die Hand auf

Ein nicht zu vernachlässigendes Problem ist und bleibt aber das zerrüttete Verhältnis zu seinen mittellosen Eltern, denen er einst ein Haus gekauft und über Jahre einen monatlichen Lohn bezahlt hatte. An Swift nagt heute noch, dass sie ihn nicht im Gefängnis besucht hatten. Trotzdem unterhält er sich ab und zu mit seiner Mutter Rhonda über Facebook. Als sie erfährt, dass ihr Sohn von der NBA etwas Geld wegen seiner Bildrechte erhalten hat, schreibt sie ihm ein SMS: "Ich bin glücklich für dich. Ich könnte wirklich 10.000 Dollar brauchen."

Man kann nur hoffen, dass er nicht darauf eingegangen ist. "Wenn man zusammenzählt, was Swift für andere ausgegeben hat, bleibt einem das Staunen", sagte Dwight Daub, sein früherer Konditionstrainer aus Seattle-Zeiten.

Seine Fans wünschen sich vielmehr, dass Swift seinen eingeschlagenen Weg zu Ende geht, dem Basketball treu bleibt und glücklich wird.