Was denkt Warren Buffett wirklich über die aktuellen Aktienkurse?

Motley Fool beitragende Investmentanalysten

Als Warren Buffett Anfang des Monats auf CNBC erschien, fragte Becky Quick ihn, ob er glaubte, dass Aktien zu hoch bewertet würden.

Buffett antwortete: „Sie sind im Verhältnis zu den Zinsen nicht hoch bewertet.“

Wenn das vertraut klingt, dann liegt das daran, weil es das Gleiche ist, was Buffett im Mai 2017 bei der Jahresversammlung von Berkshire Hathaway (WKN:A0YJQ2) gesagt hatte — was er in einem anderen CNBC-Auftritt im Oktober wiederholt hatte. Im Verhältnis zu den Zinsen sind Aktienkurse sinnvoll bewertet, solange die Zinsen so niedrig bleiben, wie sie heute sind.

Die Zinsen

Im CNBC-Interview fügte Buffett hinzu, dass die Zinssätze als Gravitation für die Aktienkurse fungieren. Wenn die Zinsen hoch sind, sollten die Aktienkurse niedriger sein. Wenn die Zinsen niedrig sind, sollten die Aktienkurse höher sein. Schließlich ist in der Finanzwirtschaft alles relativ. Ob eine Investition „gut“ oder „schlecht“ ist, hängt von den jeweils verfügbaren Alternativen ab.

Man kann die relative Attraktivität von Aktien und Anleihen vergleichen, indem man das üblicherweise verwendete Kurs-Gewinn-Verhältnis auf den Kopf stellt und daraus eine „Ertragsrendite“ für jede Aktie errechnet. Ein Unternehmen, das für das 15-fache seines Gewinns handelt, hat z.B. eine Ertragsrendite von 6,7 %. Diese Aktie könnte teuer sein, wenn 10-jährige US-Staatsanleihen 10 % Rendite abwerfen, aber sie könnte ein Schnäppchen sein, wenn US-Staatsanleihen nur 2,6 % Rendite abwerfen, wie sie es derzeit tun.

Dass Buffett kontinuierlich auf die Zinssätze verweist, wenn es um die Bewertung geht, ist für mich interessant. Daher vermute ich, dass Buffett mehr an die Zinsen denkt, als er zugeben kann. Wenn ich bedenke, wie er Berkshire Hathaways Geld investiert hat, bekomme ich auch das Gefühl, dass er denkt, dass die Zinssätze schnell steigen werden, und er nicht komplett in Aktien oder Anleihen investiert sein möchte.

Setzt Buffett auf steigende Zinsen?

Betrachten wir für einen Moment die Zusammensetzung der Bilanz von Berkshire Hathaway. Trotz seiner Einschätzung, dass die Bewertungen auf Basis der aktuellen Zinssätze vernünftig sind, hat er es seit der Finanzkrise 2008 und der darauf folgenden neunjährigen Hausse weitgehend vermieden, besonders große Investitionen in Aktien zu tätigen.

Berkshire Hathaway hat jetzt 109 Milliarden US-Dollar an Bargeld, wovon vielleicht 89 Milliarden als „überschüssiges“ Bargeld betrachtet werden könnten, das Berkshire in Aktien stecken könnte, wenn Buffett das tun wollte. Er investiert auch sehr wenig in längerfristige Anleihen und andere zinsgebundene Wertpapiere und zieht es vor, sein Geld in Bargeldäquivalenten und kurzfristigen U.S. Staatsanleihen zu halten, die bei steigenden Zinsen nicht viel an Wert verlieren.

Leute, die denken, dass Aktienbewertungen „vernünftig“ sind, sitzen normalerweise nicht auf 89 Milliarden US-Dollar. Sie halten es auch nicht in kurzfristigen US-Staatsanleihen, wenn sie denken, dass die Zinssätze bleiben, wo sie sind. Diese beiden Dinge liegen meiner Überzeugung zugrunde, dass er glaubt, dass die Zinssätze in großem Stil steigen werden — vielleicht genug, um den Aktienkursen ein wenig „Schwerkraft“ zu geben.

Einige von Buffetts offensichtlichen Wetten

Es ist bemerkenswert für mich, dass Berkshires Aktieninvestments im Allgemeinen auf Unternehmen konzentriert sind, die mehr Geld verdienen, wenn die Zinsen steigen. Wells Fargo und  Bank of America, die größte und fünftgrößte Aktienposition im Portfolio von Berkshire, werden bei steigenden Zinsen zulegen.

Ebenso sitzt Apple, Buffetts größte Position der letzten Jahre und Berkshires zweitgrößte Aktienanlage, auf etwa 279 Milliarden US-Dollar an Bargeld und kurzfristigen Wertpapieren. Ein kapitalkräftiges Unternehmen wie Apple würde von einem Anstieg der Zinssätze profitieren und in einer Baisse vielleicht weniger an Wert verlieren, weil es Bargeld hat. (Vor kurzem verkündete Apple einen Plan, Investitionen in sein Geschäft und größere Dividenden und Rückkäufe zu tätigen, ein Plan, der nicht notwendigerweise abzusehen war, als Buffett investierte.)

Wir wollen auch die Tochterunternehmen von Berkshire Hathaway nicht vergessen. Buffett hat ausdrücklich erwähnt, dass Geico versucht, Marktanteile zu gewinnen, obwohl der Bereich Kfz-Versicherung gerade jetzt preislich brutal umkämpft ist. Marktanteile jetzt zu gewinnen, selbst wenn es bedeutet, kurzfristig Geld zu verlieren, ist genau das, was man tun möchte, wenn man glaubt dass die Zinsen steigen werden. Die Barvorräte von Geico, die Anfang 2017 bei rund 17 Milliarden US-Dollar lagen, sind viel wertvoller, wenn die Zinsen bei 5 % liegen, als wenn die Zinsen bei 2 % liegen.

Mir ist klar, dass das alles reine Spekulation meinerseits ist. Nur Buffett kann für sich selbst sprechen. Aber wenn wir alle seine Handlungen zusammengenommen ansehen, dann deuten sie zumindest für mich darauf hin, dass Buffett eine Zukunft sieht, in der die Zinsen höher und die Bewertungen niedriger sind. Berkshire’s Aktienportfolio hat einen Wert von etwa 200 Milliarden US-Dollar zu aktuellen Marktpreisen. Damit ist er abgesichert, aber immer noch stark investiert.

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The Motley Fool besitzt und empfiehlt Apple und Berkshire Hathaway (B-Aktien) und empfiehlt diese. 

The Motley Fool besitzt die folgenden Optionen: Long Januar 2020 $150 Calls auf Apple, Short Januar 2020 $155 Calls auf Apple.

Dieser Artikel wurde von Jordan Wathen auf Englisch verfasst und am 21.01.2018 auf Fool.com veröffentlicht. Er wurde übersetzt, damit unsere deutschen Leser an der Diskussion teilnehmen können.

The Motley Fool besitzt die folgenden Optionen: Long Januar 2020 $150 Calls auf Apple, Short Januar 2020 $155 Calls auf Apple.

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