Deniz Yücel über seine Zeit im Gefängnis: "Keine Geräusche und kein Tageslicht"

Ein Jahr lang saß Deniz Yücel im Hochsicherheitsgefängnis Silivri Nr. 9 in Istanbul, zehn Monate davon in Isolationshaft – und das ohne Anklageschrift. Seit über einem Monat ist er wieder auf freiem Fuß. Nun sprach er in seinem bislang einzigen Fernseh-Interview nach der Haft darüber, wie es ihm im Gefängnis ergangen ist.

Deniz Yücel ist endlich wieder frei (Bild: Getty Images)

Deniz Yücel drohen 15 Jahre Haft. Am 28. Juni soll ihm in der Türkei der Prozess gemacht werden wegen “Terrorpropaganda”. “Ich bin mit meiner Arbeit den richtigen Leuten auf den Zeiger gegangen“, sagte der Journalist in seinem ersten TV-Interview nach der Haftentlassung bei “ttt – titel thesen temperamente“ am Sonntagabend in der ARD. “Und so soll es auch sein“.

Besonders spannend an dem Interview mit “ttt“ ist Yücels Schilderung seiner Haftbedingungen. Ein Jahr lang saß der Türkei-Korrespondent der Tageszeitung “Die Welt” im Gefängnis. Die Zeit dort sei nicht leicht gewesen: “Im drei mal vier Meter großen Innenhof habe ich Sport getrieben, bin gelaufen, immer im Kreis“. Vom Hof aus habe er sich unterhalten können, seinen Zellennachbar, einen Richter, habe er aber nie sehen können. “Das war der einzige Mensch neben Dilek, meiner Frau, die ich einmal die Woche hinter der Trennscheibe sehen konnte, und neben meinen Anwälten, war das der einzige Mensch, mit dem ich mich unterhalten konnte”.

Trotz Schreibverbot schrieb er alles auf

Er habe in der Haft viel gelesen und sich später auch einen Fernseher gekauft. Schreiben wurde ihm allerdings verboten. Doch das war Yücel egal. Beim Arztbesuch lag ein Stift vor seiner Nase, keiner schaute hin. Da habe er sich den Stift gegriffen und in die Zelle geschmuggelt. Papier hatte er zwar nicht nicht, aber Bücher durfte man haben. “Ich hatte ein Buch, die türkische Ausgabe des ‘Kleinen Prinzen, was mir meine Frau Dilek mitgegeben hatte”, so Yücel.

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“Ausblick aus meiner Zelle: Oben Wanduhr mit türkischer Fahne auf Ziffernblatt. Rechts Heizkörper mit eingeklemmten Essenskonserven. Außenwelt: Man hört ab und zu die Straßenbahn, sonst keine Geräusche und kein Tageslicht“, notierte er auf die vielen freien weißen Flächen des Saint-Exupery-Werkes.

Nun, da er sich wieder in Freiheit befindet, ist Yücel sicher, solange er in Deutschland bleibt – die türkischen Behörden können ihn nicht dazu zwingen, persönlich beim Prozess in der Türkei im Juni zu erscheinen. Und wie fühlt es sich momentan für ihn an, das Gefängnis hinter sich gelassen zu haben? Auch das verrät er bei “ttt“: “Das ist ein gutes Gefühl, in Freiheit zu sein, aus dem Gefängnis zu sein, auch wenn es eine Weile dauern wird, bis sich so etwas wie Normalität eingestellt haben wird.”