Deniz Yücel – investigativ, unbequem, „Terrorist“

Seine Meinung zurückgehalten hat Deniz Yücel nie, auch in Deutschland nicht. In der Türkei unter Erdogan wurde ihm das zum Verhängnis.

Ein Paar Schuhe, Zeitschriften, ein Stapel mit Briefen von seiner Frau – viel Privatsphäre hatte Deniz Yücel nicht in den vergangenen 367 Tagen Gefängnis. Doch die wenigen Personen, die ihn während seiner Untersuchungshaft in der Türkei besuchen durften, betonten in Hintergrundgesprächen regelmäßig: Seine gute Laune habe Deniz Yücel nie verloren. Er soll sich sogar mit den Angestellten der Haftanstalt Silivri westlich von Istanbul angefreundet haben.

Die Inhaftierung des deutsch-türkischen Journalisten vor gut einem Jahr war von der ersten Sekunde an ein Politikum. Die bilateralen Beziehungen gingen auf Talfahrt, das Vertrauen in den türkischen Rechtstaat ist in Deutschland seitdem dahin. Yücel soll eine politische Geisel Erdogans gewesen sein. Umgekehrt wird Yücel in der Türkei häufig als Agent dargestellt, der dem Land bewusst Schaden zufügen wolle. Jetzt ist er frei und auf dem Weg zum Flughafen.

Seine Meinung zurückgehalten hat Deniz Yücel nie, auch in Deutschland nicht. Vor allem in seinen „taz“-Kolumnen provozierte er und eckte an. Über den Buchautor Thilo Sarrazin schrieb Yücel unter anderem, „der nächste Schlaganfall möge sein Werk gründlicher verrichten“. Die Zeitung musste Sarrazin anschließend 20.000 Euro Entschädigung zahlen.


Im Januar 2015 schrieb Yücel außerdem, es sei an der Zeit, das Verbot der Terrororganisation PKK aufzuheben und die separatistische Gruppierung als internationalen Gesprächspartner anzuerkennen. Die PKK ist aus der kurdischen Unabhängigkeitsbewegung entstanden und führt seit den 1980er-Jahren Anschläge vor allem in der Türkei aus. Zehntausende Menschen sind dabei ums Leben gekommen.

Der deutsch-türkische Journalist aus dem hessischen Flörsheim ist Sohn einer türkischen Gastarbeiterfamilie und studierte Politikwissenschaft an der Freien Universität in Berlin. Anschließend arbeitete er bei der linken „Jungle World“, bevor er zur „taz“ kam.

2015 ging er dann für die Tageszeitung „Die Welt“ als Korrespondent in die Türkei. Auch dort machte er schnell von sich reden. Im Juni desselben Jahres wurde Yücel gemeinsam mit drei weiteren Journalisten von der Polizei eine Stunde lang festgehalten. Zuvor hatte er auf einer Pressekonferenz an der syrischen Grenze kritische Fragen gestellt.

Als er auf einer weiteren Konferenz Kanzlerin Merkel in Istanbul im Februar 2016 vorwarf, sie würde Missstände in der Türkei ignorieren, griff ihn nicht nur die türkische Presse an, sondern auch der damalige Ministerpräsident Ahmet Davutoglu.

Am 25. Dezember 2016 schrieb die türkische Tageszeitung Sabah, gegen Yücel sei ein Haftbefehl verhängt worden. Daraufhin „suchte Yücel auf dem Gelände der deutschen Kulturakademie Zuflucht, die kurioserweise an die Istanbuler Residenz Erdogans grenzt“, schreibt die Bild-Zeitung.

Da diese Situation auf Dauer nicht haltbar gewesen sei, habe sich Yücel am 14. Februar 2017 der Polizei zur Befragung gestellt, heißt es in dem Artikel. „Die nahm ihn umgehend in Gewahrsam, zwei Wochen später ordnete ein Richter U-Haft an.“


So wurde er unfreiwillig zur Symbolfigur für den Konflikt zwischen der Türkei und Deutschland. Von da an erfuhr der Deutschtürke eine Welle der Solidarität. Menschen in Deutschland organisierten Autocorsos und Mahnwachen, Politiker fast aller Parteien forderten regelmäßig seine Freilassung.

Die türkische Führung hatte mit der Unterstützung des Journalisten offenbar nicht gerechnet. „Der Fall Yücel wurde in Deutschland aufgebauscht“, meinte zum Beispiel der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu in einem Interview im Oktober. „Die türkische Öffentlichkeit interessiert sich nicht für ihn. Für uns ist er ein türkischer Staatsbürger, der sich wegen Verdachts auf eine Straftat in Haft befindet.“ Je früher es zu einem Prozess komme, „desto besser“, fügte er hinzu.

Einen wie auch immer gearteten Tauschhandel für seine Freilassung wollte Yücel nicht, erst recht nicht, solange etliche türkische Journalisten hinter Gittern sind. Auch nach mehr als elf Monaten hinter Gittern sagte er in einem dpa-Interview: „Für schmutzige Deals stehe ich nicht zur Verfügung."

Stattdessen forderte er von Anfang an einen fairen Prozess, der nach seiner Überzeugung gar nicht anders als mit einem Freispruch enden könne. Er werde „dieses Gefängnis nicht durch eine Hintertür verlassen, sondern durch jene Vordertür, durch die ich es betreten habe“, wie er in der „Welt“ schrieb.

An diesem Freitag soll ein Buch von und über Yücel vorgestellt werden. Es umfasst Reportagen, Satiren und andere Texte aus den vergangenen 13 Jahren, heißt es. Dazu kommen zwei Texte, die er in Haft verfasst hat, sowie ein Beitrag seiner Frau.