Den Exorzisten geht der Nachwuchs aus: kein Wunder!

Ann-Catherin Karg
Freie Journalistin
Alleine im Erzbistum Köln arbeiten nach Aussagen eines Priesters drei Exorzisten. (Bild: ddp)

Vor wenigen Wochen machte eine ziemlich schräge Meldung die Runde: Die Internationale Vereinigung der Exorzisten bemängelte, dass es zu wenige Vertreter ihrer Zunft gäbe. Wir wollten herausfinden, woran das liegt – und haben die Antwort gefunden. Ein Protokoll, das aufzeigt, wie dick die Mauern der katholischen Kirche in Deutschland wirklich sind.

Wer in Italien Exorzist ist, kann von einem Burn-out nicht weit entfernt sein. 500.000 Menschen würden dort jedes Jahr gerne die Hilfe eines Exorzisten in Anspruch nehmen, sagte Paolo Carlin gegenüber der Zeitung „Corriere della Sera“. Vor einigen Wochen war der Sprecher der Internationalen Vereinigung katholischer Exorzisten bei einem Exorzistentreffen in Palermo und wies bei diesem Anlass darauf hin, dass nicht nur Italien unter einem enormen Nachwuchsmangel leide. Den 500.000 mutmaßlich Besessenen stünden dort nämlich nur 240 Exorzisten gegenüber: „Wir sind zu wenige, die Wartezeiten sind lang“. Die Internationale Vereinigung der Exorzisten gibt es seit 1994, im Jahr 2014 wurde sie vom Vatikan offiziell anerkannt. Nach eigenen Angaben sind dort 400 Priester aktiv.

Schon das Wort „Exorzismus“ weckt ganz üble Assoziationen

Wer „Exorzist“ denkt, dem kommen wahrscheinlich Bilder des gleichnamigen Horrorfilms aus dem Jahr 1973 in den Kopf. Dort wird aus einem süßen Mädchen ein besessenes Monster, das mit Gruselstimme Obszönitäten brüllt, seinen Körper verrenkt und im Strahl grünen Schleim kotzt. Älteren dürfte der Fall Anneliese Michel ein Begriff sein: Die paranoide und magersüchtige Studentin der Religionspädagogik hatte 76 Mal den Ritus des Exorzismus erfahren, als sie 1976 mit nur 24 Jahren starb.

„Wir haben keine Lust, die Arbeit der deutschen Bischöfe zu erledigen“

Verständlich, dass alleine das Thema bei vielen ein Schaudern hervorruft. Wer sich dem Komplex aber annähern und die Gruselfantasien an der Realität messen will, hat es zumindest in Deutschland schwer. Offizielle Zahlen dazu, wie viele Exorzisten hierzulande aktiv sind, gibt es nicht. Und auch die Namen von Teufelsaustreibern hält die katholische Kirche unter Verschluss. In der Schweiz ist das anders. Christoph Casetti ist Bischofsvikar im Bistum Chur und einer von drei dort tätigen Exorzisten. Generell habe er nichts gegen Interviews zu dem Thema, sagt er gegenüber Yahoo Nachrichten.

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Er verweigert seine Aussagen aber aus folgendem Grund: Die Schweizer hätten einfach keine Lust, die Arbeit der deutschen Bischöfe zu erledigen, die sich immer noch weigerten, sich zu den Exorzisten zu bekennen. Einen Tipp habe er aber: Man solle sich doch an den Pfarrer Martin Ramoser im niederbayerischen Reisbach wenden. Der sei schließlich der Vertreter der deutschen Sprachgruppe innerhalb der Internationalen Vereinigung der Exorzisten. Am Telefon hat aber auch der keine Lust, sich zu dem Thema zu äußern: „In diesem Kontext ist es bei uns so, dass wir überhaupt nicht sprechen.“

Was genau passiert bei einem Exorzismus? Darüber möchte die katholische Kirche lieber nicht sprechen. (Bild: Filmszene aus “Exorzismus von Emily Rose”; ddp)

Das Gespräch mit einem weiteren Geistlichen beginnt da schon vielversprechender. Drei Typen von Exorzisten gebe es, erklärt er. Diejenigen, die aus freien Stücken in eigener Verantwortung handeln können. Diejenigen, die bei jedem Fall den Diözesanbischof um Erlaubnis bitten müssen. Und drittens Leute, die nur als Assistenten wirken, den Befreiungsdienst, wie die Kirche den Exorzismus nennt, selbst aber nicht vollziehen können. Dazwischen eine Grauzone von ernannten und nicht ernannten Exorzisten. Er wisse, dass es im Erzbistum Köln drei Exorzisten gebe. Ein Glücksgriff, dieser Glaubensmann, denkt man erst, wird dann aber eines besseren belehrt.

„Wir mauern nicht – aber bitte nennen Sie nicht meinen Namen“

Er will auf keinen Fall zitiert werden, sagt er, weist aber im gleichen Atemzug zurück, dass die Kirche mit Informationen zum Thema Exorzismus geize oder gar mauere. Wie ein Exorzismus ablaufe, könne schließlich jeder im „Rituale Romanum“ nachlesen. Das liturgische Buch der Feiern nach dem Ritus der katholischen Kirche enthält die Vorschriften zum Spenden der Sakramente und eben auch zum Exorzismus.

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Das alte Ritual des so genannten Großen Exorzismus geht auf das Jahr 1614 zurück. Es bot Priestern, die die Teufelsaustreibungen bis dahin auf unterschiedliche Weise vorgenommen hatten, eine feste Struktur. Es beinhaltet Gebete, Psalmen, Evangeliums-Texte und Glaubensbekenntnisse. Zusätzlich bedient sich der ausführende Priester Weihwasser, Kruzifix, Rosenkranz und Handauflegung. 1999 wurde das etwa zweistündige Ritual vom Vatikan überarbeitet und sieht jetzt unter anderem vor, dass sich Exorzisten vor der Durchführung mit Medizinern und Psychiatern beraten, um eine psychische Erkrankung des vermeintlich Besessenen auszuschließen.

Was nicht erklärt werden soll, kann offiziell nicht erklärt werden

„Der Exorzist kann vor einem Exorzismus Mediziner hinzuziehen, muss dies aber nicht“, sagt der Priester, der anonym bleiben will. Weitere Fragen möchte er nicht beantworten: Wer nicht mindestens zehn Fachbücher zu dem Thema gelesen habe und nicht jahrzehntelang im katholischen Glauben sozialisiert worden sei, könne dieses Phänomen genauso wenig verstehen wie ein Laie einen Spezialisten, den er zu einer Operation des Herzens befrage. Ihm fehlten dazu schlicht die Voraussetzungen. Ein Argument, dass im Vorfeld nahezu alle Menschen von einem Diskurs ausschließt und eine offene Diskussion unmöglich macht.

In Italien kämpfen Exorzisten für eine moderne Wahrnehmung

Dabei gibt es in anderen Ländern durchaus das Bestreben, den Ruf des Exorzismus zu verbessern. Vor allem unter Benedikt XVI. hat sich die Idee eines quasi wissenschaftlichen Umgangs mit Teufelsaustreibungen in der Kirche durchgesetzt, sagte Gabriele Amorth 2015 gegenüber dem „Deutschlandfunk“. Amorth wurde 1986 von Papst Johannes Paul II. zum amtlichen Exorzisten berufen, gründete 1990 die Internationale Vereinigung der Exorzisten und hat bis zu seinem Tod im Jahr 2016 rund 70.000 Teufelsaustreibungen vorgenommen.

„Vermeintlich Besessene haben oft eine psychische Störung“

Für einen „zeitgemäßen Exorzismus“ steht auch Pfarrer Dr. Reiner Nieswandt. Vor einigen Jahren war er Teil des „Arbeitskreis Exorzismus“, den das Erzbistum Köln aus Priestern, Theologen, einem Psychiater und einer Ärztin zusammengestellt hatte. „Ich habe Beratungsgespräche geführt mit Menschen, die selber der Meinung waren, sie seien von einem Dämon besessen. Mich persönlich hat das nie überzeugt. Ich habe immer den Eindruck gehabt, da liegt eine andere Störung vor“, sagt Dr. Nieswandt im Interview mit Yahoo Nachrichten.

Unter anderem der römische Chefexorzist Gabriel Amorth würdigte den Einsatz von Papst Benedikt XVI. für das Anliegen der Teufelsaustreiber.

Es seien vor allem Frauen, die sich besessen wähnen, meint der Geistliche. Und in vielen Fällen führt er das auf einen oder mehrere konkrete Anlässe zurück: „Teilweise hat dies mit einem psychologischen Verdrängungsmechanismus zu tun, der auf Missbrauch, auch sexuellen, in der Kindheit oder Jugend zurückzuführen ist. Und dass diese Erfahrung in eine schwere psychiatrische Störung übergeht.“ Seiner Meinung nach sind es die Erkenntnisse der Psychologie, Psychiatrie und Medizin, die dazu geführt haben, dass das Thema Exorzismus vor allem in Deutschland sehr skeptisch gesehen wird. Neben dem Trauma aus den 70er-Jahren, dass der Tod von Anneliese Michel verursacht habe.

Ein Dämon kann viele Formen haben

So weit gehen, die Existenz von Dämonen ganz zu verneinen, würde er nicht. Allerdings hat Dr. Nieswandt einen aufgeklärten Begriff davon, worin diese bestehen können: „Es gibt negative Stimmungen in ganzen Gesellschaften, die wie eine dämonische Last auf uns wirken. Die psychischen Auswirkungen des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs haben wir bis heute nicht überwunden. Das geht bis in die Urenkel-Generation ein. In dem Sinne gibt es sicherlich dämonische Belastungen der Menschen.“

„Ein Vaterunser reicht völlig“

Und ja, manchen Menschen helfe da religiöser Beistand: „Mit denen mache ich, was ich mit anderen Menschen, die in einer seelischen Not sind, auch mache. Ich bete ein Vaterunser und das reicht auch völlig.“ Die darin enthaltene Bitte „erlöse uns von dem Bösen“ ist wie die Taufe im Sinne eines Kleinen Exorzismus zu verstehen: Ein Gebet um die Befreiung vom Bösen.

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Der „Arbeitskreis Exorzismus“ übrigens ist schon vor Jahren aufgelöst worden. Das Ergebnis der Handlungsempfehlung sei an den damaligen Erzbischof Kardinal Meisner übergeben worden, sagt der Pfarrer. „Aber wie der damit konkret umgegangen ist, entzieht sich meiner Kenntnis.“

Der Pfarrer vermutet, dass in Deutschland eine dreistellige Zahl an Exorzisten den Ritus des Großen Exorzismus durchführe. Einige mit offizieller Erlaubnis des Ortsbischofs, vermutlich weitaus mehr, die heimlich und ohne Erlaubnis unterwegs seien und oft aus anderen Ländern anreisten. Von einem innerkirchlichen Diskurs könne man nicht sprechen: „Die einen ignorieren die anderen. Letztendlich redet man da nicht drüber.“ Ein Umfeld, das schaurigen Mythen ebenso in die Hände spielt wie selbst ernannten Exorzisten und viele abhält, die sich seriös mit dem Thema beschäftigen wollen. Vermutlich auch potenziellen Nachwuchs.