Kampf ums Weiße Haus: Woran das Ergebnis der US-Wahl noch hängt

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Joe Biden liegt in vier von fünf entscheidenden Staaten vorn und baut seinen Vorsprung weiter aus. Donald Trump will seine wahrscheinliche Niederlage nicht akzeptieren.

Auf den Straßen solidarisierten sich Dutzende Demonstranten mit Trump. Foto: dpa
Auf den Straßen solidarisierten sich Dutzende Demonstranten mit Trump. Foto: dpa

Auch am Mittag deutscher Zeit geht das Warten auf weitere Ergebnisse weiter. In einem wahren Wahlkrimi steht Joe Biden kurz vor der Ziellinie – doch entschieden ist das Rennen immer noch nicht. Nach seinem Triumph in Michigan und Wisconsin am Mittwochabend trennen den demokratischen Präsidentschaftskandidaten nur noch die Stimmen weniger Wahlleute vom Einzug ins Weiße Haus – zumindest nach den Erwartungen von AP und Fox.

Sie sehen Biden in Arizona vorn, womit der Kandidat der Demokraten nur noch einen weiteren der noch offenen Staaten für sich entscheiden müsste. Für andere große US-Medien wie CNN ist das Rennen um Arizona dagegen noch offen. Trump hat zuletzt Stimmen gut gemacht, nach CNN-Zahlen führt Biden nach Angaben von Samstagmittag deutscher Zeit mit 29.861 Stimmen.

Am Vormittag wurde bekannt, dass Biden seinen Vorsprung in dem Bundesstaat Georgia ausgeweitet hat. Dieser beträgt laut dem Datenanbieter Edison Research nun 7248 Stimmen.

Die wichtigsten Punkte:

Joe Biden gibt sich siegessicher

In einer Ansprache am Freitagabend zeigte sich Biden siegessicher. Er werde die Wahl in Pennsylvania, Georgia und Arizona gewinnen und sei auf dem Weg, mehr als 300 Wahlleute zugesprochen zu bekommen. Zusammen mit seiner Vize-Präsidentschaftskandidatin Kamala Harris habe er bislang mehr als 47 Millionen Stimmen bekommen – mehr als jedes andere Wahl-Team in der Geschichte des Landes.

Biden sicherte erneut zu, er werde im Fall eines Sieges der Präsident aller Amerikaner sein – auch derjenigen, die bei der Wahl nicht für ihn gestimmt haben. „Wir mögen Gegner sein, aber wir sind keine Feinde.“ Der 77-Jährige fügte hinzu: „Ich war noch nie so optimistisch über die Zukunft dieser Nation.“

Demokraten sind kurz vor dem Ziel

Im Kopf-an-Kopf-Rennen bei der US-Präsidentschaftswahl ist Biden einem Sieg näher gekommen. In dem besonders wichtigen Bundesstaat Pennsylvania (20 Wahlleute) machte er im Laufe des Freitags deutlich Boden auf den republikanischen Amtsinhaber Donald Trump gut und ging dort schließlich am Freitagnachmittag in Führung.

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Und auch in Georgia (16 Wahlleute) zog Biden an Trump vorbei. Dieser rückte seinerseits in Arizona (11 Wahlleute) näher an Biden heran. Den meisten Zählungen zufolge hat Biden 253 Wahlleute sicher und Trump 214. Benötigt für einen Sieg werden 270.

Große Biden-Chance in Pennsylvania

Donald Trump führte am Freitag in Pennsylvania zunächst mit rund 18.000 Stimmen, am Nachmittag überholte Biden den US-Präsidenten. Mittlerweile konnte der Demokrat seinen Vorsprung auf 28.833 Stimmen ausbauen. Mit jeder neuen Meldung der County vergrößert Biden seinen Vorsprung leicht. Damit rückt auch das Weiße Haus in greifbare Nähe. Wenn der Demokrat hier gewinnt, sind alle anderen Bundesstaten für die Präsidentschaft irrelevant.

Warten auf Nevada

In Nevada verdoppelte Biden am Freitag seinen Vorsprung auf 22.657 Stimmen. Etwa 125.000 Stimmen stehen noch aus. Hier gingen Wahlkommentatoren nicht davon aus, dass sich durch noch ausstehende Stimmen etwas an dieser Mehrheit ändern würde, weil diese zu 90 Prozent aus Clark County mit der Großstadt Las Vegas stammen, wo die Demokraten starke Unterstützung bekommen.

Die Behörden hatten bereits am Mittwoch (Ortszeit) darauf verwiesen, dass noch rechtzeitig per Post verschickte Stimmzettel gültig seien, die bis zum späten Nachmittag am 10. November eintreffen. Updates zum Stand des Rennens solle es täglich um 9 Uhr Ortszeit (18 Uhr MEZ) geben.

Auszählung in Arizona

Für AP und Fox ist klar: Joe Biden gewinnt die Stimmen der Wahlleute aus Arizona. CNN und ABC etwa sind sich noch nicht sicher und geben noch keine definitive Prognose ab. Derzeit stehen die Ergebnisse aus einigen Countys aus. Mittlerweile sank Bidens Vorsprung auf 29.861 Stimmen. Etwa 173.000 Stimmen stehen am Wochenende noch zur Auszählung an. In welchem Takt neue Ergebnisse verkündet werden sollen, ist unklar.

Zuletzt hatte Trump am Freitag zwar Boden gut gemacht, allerdings lag er damit nicht im nötigen Korridor, um am Ende doch noch den Staat zu gewinnen. Die Entscheidung von AP und Fox spricht stark für Biden, denn diese Prognosen („Calls“) werden nur ausgesprochen, wenn die Wahlexperten für den Kontrahenten keine Chance mehr sehen. Doch auch das ist keine Garantie für Biden und die Demokraten.

Wende in Georgia

Viele Republikaner haben fest mit Siegen in Georgia und Pennsylvania gerechnet, auch noch am Tag nach der Wahl. Doch die aktuelle Entwicklung in Georgia bringt das Trump-Team in Not: Der Vorsprung des amtierenden Präsidenten ist weg, Biden hat die Führung übernommen – am Samstagmittag deutscher Zeit lag er mit 7248 Stimmen vorn und konnte seinen anfänglich knappen Vorsprung weiter vergrößern.

Einige tausend Briefwahlstimmen liegen noch vor, außerdem stehen ebenso viele Stimmen zur Überprüfung an. Bei 8400 Stimmen, die an Militärangehörige nach Übersee verschickt worden waren, war unklar, wie viele davon noch zurück auf dem Weg an die Wahlleiter waren. Experten erwarteten, dass die noch ausstehenden Stimmen den Vorsprung für Biden vergrößern. Der in Georgia für die Wahl zuständige Minister erklärte allerdings bereits, er rechne mit einer Neuauszählung, da der Abstand zwischen den Kandidaten sehr gering sei.

In Wisconsin wird wohl nachgezählt

Joe Biden hat den Bundesstaat laut Prognosen denkbar knapp für sich entschieden. Da der Vorsprung weniger als einen Prozentpunkt beträgt, kann eine Neuauszählung beantragt werden. Trumps Team kündigte an, dies tun zu wollen. Vor vier Jahren hatte Trump Wisconsin im Mittleren Westen gewonnen.

Klare Sache in North Carolina und Alaska

In dem Ostküsten-Staat lag Trump mit mehr als 76.000 Stimmen vorn, was für Biden kaum noch einzuholen war. Besonderheit: In North Carolina werden sogar noch Briefwahlstimmen gezählt, die bis zum 12. November eingehen – also neun Tage nach dem Wahltag. Mit einem Ergebnis wurde am Freitag nicht mehr gerechnet.

Alaska, wo es ebenfalls noch kein Ergebnis gab, gilt als sichere Bank für Trump. Der Präsident hat hier bislang etwa zwei Drittel der Stimmen erhalten.

Trump wütet und reicht Klagen ein

Falls der Amtsinhaber tatsächlich verlieren sollte, rechnet kaum jemand mit einem Eingeständnis seiner Niederlage. Trump machte erneut deutlich, dass er sich nicht mit einer Niederlage abfinden will. Er warnte Biden davor, sich als Sieger der Abstimmung auszurufen. „Joe Biden sollte das Amt des Präsidenten nicht zu Unrecht beanspruchen. Ich könnte diese Behauptung auch machen. Gerichtsverfahren beginnen gerade erst!“, schrieb Trump am Freitag bei Twitter – obwohl er den Sieg bereits in der Wahlnacht vorzeitig für sich beansprucht hatte.

Der Präsident kündigte an, sich mit einer ganzen Serie von Klagen bis hinauf zum Obersten Gericht gegen eine Niederlage zu wehren. Trumps Wahlkampfteam reichte bereits in Michigan, Pennsylvania, Nevada und Georgia Klagen ein. Diese Klagen wurden von Richtern in den jeweiligen Staaten abgewiesen. Seine Anhänger rief Trump zu Spenden für diese Rechtsstreitigkeiten auf. Mit dem Geld will er aber auch Wahlkampfschulden abbezahlen – das geht allerdings erst aus dem Kleingedruckten seiner Spendenaufrufe hervor.

Trumps Stabchef: Positiv auf Corona getestet

Der Leiter der Rechtsabteilung von Trumps Team, Matt Morgan, erklärte dennoch am Freitag: „Diese Wahl ist nicht vorbei.“ Die Prognosen von Wahlsiegen Bidens in Pennsylvania, Georgia, Nevada und Arizona beruhten auf Ergebnissen, die noch lange nicht vollständig seien. „Sobald die Wahl abgeschlossen ist, wird Präsident Trump wiedergewählt sein“, zeigte sich Morgan optimistisch. In einigen Bundesstaaten wurden schon Klagen eingereicht.

Bereits am späten Donnerstagabend (Ortszeit) hatte Trump in einer Rede erneut umfassenden Betrug beklagt, Wahlhelfer angegriffen und von „Horrorgeschichten“ über Verstöße speziell bei der Briefwahl gesprochen. So sieht er sich weiterhin und trotz noch laufender Auszählung in einer Reihe von Staaten als legitimer Sieger. „Wenn man die legalen Stimmen zählt, gewinne ich mit Leichtigkeit“, sagte Trump. „Wenn man die illegalen Stimmen zählt, dann können sie versuchen, uns die Wahl zu stehlen.“

Bisher keine Beweise vorgelegt

Beweise für seine Behauptungen hat er bislang nicht vorgelegt. Außerdem gab es keine Anhaltspunkte dafür: Die Wahlbeobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa haben eigenen Aussagen zufolge „keinerlei Hinweise auf systemische Probleme finden können“.

Auch die für die Sicherheit der US-Wahl zuständige Behörde wies Fälschungsvorwürfe zurück. Die lokalen Wahlbüros verfügten über Aufklärungsmöglichkeiten, die es „extrem schwierig“ machten, Wahlbetrug mit gefälschten Stimmzetteln zu begehen, erklärte die Behörde für Cybersicherheit und Infrastruktur-Sicherheit (Cisa) in einer Mitteilung.

Trump kritisierte weiter, dass vor der Wahl zu seinem Schaden wissentlich falsche Umfrageergebnisse veröffentlicht worden seien. Tatsächlich sahen viele Umfragen Herausforderer Joe Biden deutlich besser als es die bisherigen Ergebnisse tun.

Demonstrationen für Donald Trump

Auf den Straßen solidarisierten sich Dutzende Demonstranten mit Trump. „Stoppt die Auszählung!“ und „Stoppt die Abstimmung!“, riefen seine Anhänger in Detroit in Michigan. Die Polizei hielt sie davon ab, in einem Gebäude in einen Bereich vorzudringen, wo Stimmen ausgezählt wurden. Auch in Phoenix, Arizona, waren wütende Protestierende zu sehen, sie skandierten: „Stoppt den Diebstahl!“ (Stop the Steal)

Biden baut Vorsprung aus: USA warten auf Entscheidung

Es gab aber auch Proteste von der anderen politischen Seite: In New York City und Seattle etwa gingen Tausende Menschen auf die Straße, um die Auszählung aller abgegebenen Stimmen zu fordern.

Auch in der eigenen Partei gibt es an Trumps Auftreten inzwischen massive Kritik. Mehrere führende Republikaner mahnten, die demokratischen Regeln einzuhalten. „Es gibt keine Rechtfertigung für die Äußerungen des Präsidenten heute Abend, die unseren demokratischen Prozess untergraben“, schrieb der republikanische Gouverneur des Bundesstaats Maryland, Larry Hogan, auf Twitter.

Facebook hat Gruppe „Stop the Steal“ verboten

Facebook hat eine große Gruppe, deren Mitglieder nach der US-Wahl zu einem Auszählungsstopp aufgerufen haben. „In Übereinstimmung mit den außergewöhnlichen Maßnahmen, die wir in dieser Zeit erhöhter Spannung ergreifen, haben wir die Gruppe „Stop the Steal“ entfernt“, teilte Facebook am Donnerstag mit. „Die Gruppe war um die Delegitimierung des Wahlprozesses herum organisiert und wir sahen besorgniserregende Aufrufe zu Gewalt von einigen Mitgliedern der Gruppe.“ Am Donnerstag entfernte Facebook ebenfalls das Schlagwort #stopthesteal.

Mit Material von AP, dpa und Reuters

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