„Entweder bist du für die Unabhängigkeit, oder du bist Faschist“

Die Katalanen stimmen bald über ihre Unabhängigkeit ab. Die Separatisten sparen zum Ende ihres Wahlkampfes nicht mit Feindbildern. Elternverbände besetzen nun Schulen, um am Sonntag ihre Stimme abgeben zu können.


Die Hauptpersonen gestern Abend in Barcelona waren nicht anwesend: Der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy und der verstorbene Diktator Francisco Franco. Immer wieder nahmen die Redner auf der mehr als vierstündigen Abschlussveranstaltung des Wahlkampfes für das illegale Unabhängigkeitsreferendum auf sie Bezug. Rajoy war dabei der aktuelle und Franco der vergangene Unterdrücker. „Uns bleiben noch 48 Stunden bis zur Unabhängigkeit“ rief Mireia Boya, katalanische Abgeordnete der antikapitalistischen Partei CUP in die Menge an der Plaza de España. „Sonst bleibt der Diktator.“

Das Bild ist in Katalonien viel strapaziert. „Entweder du bist für die Unabhängigkeit, dann bist du Demokrat, oder du bist dagegen, dann bist du Faschist“, sagt ein junger Katalane, der gegen die Trennung von Spanien ist und seinen Namen lieber nicht nennt. Rajoy, der mit Polizeigewalt versucht, das für Sonntag geplante, illegale Referendum zu verhindern, ist für die Separatisten der Beweis, dass sie vom spanischen Staat unterdrückt werden.


Es war ein Abschlussveranstaltung, die keine Konkurrenz hatte: Außer den separatistischen Parteien hat niemand einen Wahlkampf geführt. Die Parteien, die dagegen waren, haben ihre Anhänger aufgerufen, nicht abzustimmen. Doch die katalanische Regierung will, dass die 5,4 Millionen wahlberechtigten Katalanen wählen, ob sie sich von Spanien trennen und einen eigenen Staat gründen möchten. Einen Tag vorher ist aber weiter unklar, ob es zu einer Abstimmung überhaupt kommen kann. Das Referendum verstößt gegen die spanische Verfassung, die die Einheit des Landes vorsieht. Die Zentralregierung in Madrid will es deshalb unbedingt verhindern.

Sie hat die katalanische Polizei Mossos d’Esquadra angewiesen, die Schlüssel der Schulen und Gebäude zu konfiszieren, in denen die Katalanen am Sonntag abstimmen sollen. Doch am Freitagnachmittag haben Elternverbände zahlreiche Aktivitäten in einigen Schulen begonnen, die bis Sonntag andauern. Sie wollen so die Schließung verhindern und die Abstimmung am Sonntag sichern. Das Programm reicht von open air Kino über Workshops bis Pyjama Parties, bei denen Eltern und Kinder vor Ort übernachten.

Um sich über die vermeintlich hilflose Anordnung aus Madrid lustig zu machen zogen am Freitagabend beim Wahlkampfabschluss Tausende Menschen an der Placa España ihre Hausschlüssel aus der Tasche und veranstalteten damit ein Rasselkonzert. Dazwischen reckten sie immer wieder die Hände in die Höhe und riefen „wir werden wählen“ und „Unabhängigkeit“.

Es war ein fröhlicher Abend, dessen Reden immer wieder von Bands unterbrochen wurden, die Rumba gespielt haben. Die Katalanen wippten im Takt oder hielten sich an den Händen wie auf dem Oktoberfest. Die Stimmung war entspannt, von Gewalt keine Spur.


Aber den siegessicheren Drang von Revolutionären, die kurz vor dem Anbruch einer neuen Epoche stehen, vermittelten sie nicht. Zu sehr ist bei aller demonstrierten Zuversicht wohl jedem klar, dass das Referendum am Sonntag keine legale Bedeutung haben wird. In den vergangenen Tagen hatte es sich so angehört, als würden die Parteien ab Montag womöglich wieder bereit sein zum Dialog. Der katalanische Regierungschef Carles Puigdemont etwa sagte in einem Interview mit der spanischen Onlinezeitung eldiario, eine einseitige Unabhängigkeitserklärung sei nicht geplant. Doch am Freitag am Fuß der großen Bühne für die Abschlussveranstaltung hört sich das ganz anders an. „Wir verhandeln nur über eine Sache – unser Referendum“, sagte Umweltminister Josep Rull dem Handelsblatt. Behält er Recht, stehen Spanien noch turbulente Zeiten bevor.