Dembele-Deal: Gibt es wirklich nur Gewinner?

Johannes Fischer
Ousmane Dembele wechselt von Borussia Dortmund zum FC Barcelona

Am Freitagnachmittag war es soweit. Wochenlang hatte das Tauziehen um Ousmane Dembele den BVB in Atem gehalten, bevor Dortmund und der FC Barcelona endlich Vollzug meldeten.

Vorbehaltlich des Medizinchecks am Montag wechselt Dembele vom Ruhrpott nach Katalonien.

Doch was bedeutet der zweitteuerste Transfer der Fußballgeschichte für die Protagonisten? Wer geht als Gewinner aus dem Mega-Deal hervor? Und gibt es überhaupt Verlierer?

SPORT1 beantwortet die wichtigsten Fragen.

Wie viel kassiert der BVB - und was muss er abgeben?

105 Millionen Euro bekommen die Westfalen quasi bar auf die Kralle - die restlichen 42 Millionen speisen sich aus den "variablen Transferentschädigungen", wie es in der Ad-Hoc-Meldung der Borussia heißt.

Nach SPORT1-Informationen kann der BVB davon allerdings mit etwas über 30 Millionen Euro fast sicher planen - sie setzen sich zum Beispiel aus Teilnahmen am internationalen Geschäft, Einsatzzahlen oder Nationalmannschaftsberufungen zusammen.

Generell sind solche vertraglichen Bonuszahlungen schon lange Usus, zumeist werden damit Einsätze, Tore oder Titel nachträglich vergütet.

Sollte Dembele also Stammspieler werden, regelmäßig Tore erzielen, mit seinem neuen Klub viele Titel abräumen und im Idealfall die Champions League gewinnen, würde der BVB den Jackpot erhalten. Über die genauen Details lässt sich indes nur spekulieren.

Sicher ist jedoch, dass der BVB 20 Millionen Euro sofort abschreiben kann, denn dieser Betrag fließt in die Kassen von Stade Rennes. Dembeles Ex-Klub hatte den damals 19-Jährigen vor einem Jahr für 15 Millionen Euro an den BVB verkauft.

Weitere 12,5 Millionen Euro gehen indes ebenfalls von den Einnahmen ab - der Dembele-Transfer war in der Bilanz der Dortmunder über die vier kommenden Jahre abgeschrieben. Abzüglich der Steuern bleiben dem BVB so etwas unter 60 Millionen Euro Reinerlös.


Wer profitiert am meisten von dem Deal?

Klar, Dembele selbst darf sich zuallererst als Sieger fühlen. Mit seinem Druckmittel, einfach nicht mehr zum Training zu erscheinen, um den Transfer zu erzwingen, hat sich der 20-Jährige letztlich durchgesetzt - allerdings auch viele Sympathien verspielt.

Dembele wird künftig um Champions-League-Titel spielen, er wurde offiziell zum Neymar-Nachfolger gekürt - und er wird ein Vielfaches seines aktuellen Gehalts verdienen.

Um zu erkennen, dass sich aber auch der BVB als Gewinner fühlen darf, genügt schon ein Blick auf den Verlauf der BVB-Aktie. Weil die Borussia zwar einen hochtalentierten Spieler verliert, dafür aber einen dreistelligen Millionenbetrag überwiesen bekommt, schoss die Aktie in den vergangenen Tagen in die Höhe.

Um satte 25 Prozent kletterte sie seit Anfang des Monats - also etwa dem Zeitpunkt, zu dem der Poker um Dembele begann. Dass die Märkte so euphorisch reagieren, verwundert wenig: Immerhin handelt es sich beim Dembele-Deal um eine Wertsteigerung von über 500 Prozent, selbst wenn man die Bonuszahlungen komplett weglässt.


Sportlich gesehen bleibt der Abgang eines der größten Talente im europäischen Fußball aber natürlich ein herber Verlust für den BVB. Mit Christian Pulisic haben die Dortmunder einen würdigen Nachfolger aber schon in der Hinterhand, wie auch US-Experte Andreas Herzog im SPORT1-Interview betont.

"Bei allen Qualitäten von Dembele ist Christian im Endeffekt eine richtige Waffe für Dortmund", erklärt der Österreicher: "Und er ist charakterlich besser als Dembele und da hat Trainer Peter Bosz auch mehr Freude. Weil er auf lange Sicht konstanter spielen wird. Nicht ganz so genial wie Dembele, auf Dauer jedoch kann man mit ihm vernünftiger arbeiten."

Ob sich auch der FC Barcelona als Sieger fühlen darf, wird die Zukunft zeigen. Dembele ist sicher eines der größten Talente auf dem Weltmarkt, doch ob er tatsächlich in Neymars Fußstapfen treten kann, ist ungewiss.


Was macht der BVB jetzt mit dem Geld?

Dass Geld nicht glücklich macht, sagt schon der Volksmund. Das musste auch Barca am eigenen Leibe erfahren, nachdem man die sagenhaften 222 Millionen Euro für den Neymar-Transfer aus Paris überwiesen bekam.

Mit prallgefüllten Geldkoffern zog man nach Liverpool und Dortmund - und war am Ende einen Großteil der Summe los, obwohl man den zweiten Wunschspieler Philippe Coutinho (noch?) nicht bekam.

Ein ähnliches Problem dürften nun die Westfalen haben, die Geld im Überfluss haben, aber nur noch eine Woche, um es (zumindest teilweise) wieder auszugeben.

Als möglicher Ersatzkandidat gilt der 20 Jahre alte Malcom von Girondins Bordeaux, der als durchaus ähnlicher Spielertyp wie Dembele gilt.

Nach SPORT1-Informationen ist Malcom aber nur einer von vielen Spielern, die der BVB auf dem Zettel hat. Auch Hakim Ziyech, ein Lieblingsschüler von Peter Bosz bei Ajax Amsterdam, Maxwell Cornet von Olympique Lyon und Kasper Dolberg (Ajax Amsterdam) werden gehandelt.


Wie reagieren Ex-Kollegen und Fans?

Gonzalo Castro und Sokratis hatten schon vor dem Ende des Tauziehens Mitspieler Dembele kritisiert. "Er muss begreifen, dass kein Spieler größer als die Mannschaft ist. Er kann nicht einfach machen, was er will", sagte der Grieche.

Inwieweit der aufmüpfige Jungstar im Team überhaupt noch "resozialisierbar" und den Fans zu vermitteln gewesen wäre, steht ohnehin auf einem anderen Blatt.

Bislang äußerte sich nur Pierre-Emerick Aubameyang zum feststehenden Wechsel - und dies zum Ärger der Dortmunder Fans. "Herzlichen Glückwunsch, mein Bruder, bring mich zum Träumen!!!", twitterte der Gabuner: "Und vergiss nicht, mir Eintrittskarten zu besorgen."


Nichtsdestotrotz dürfte in Dortmund bald wieder Ruhe einkehren. "Wir haben ein Team mit großer Perspektive", sagte Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke am Freitag.

Auch ohne Dembele wird beim BVB künftig guter Fußball zu sehen sein.