Eine Dekade der Dämmerung steht bevor


Vanguard ist die weltweite Nummer zwei der Vermögensverwalter. Die Amerikaner betreuen Kundengelder in einer schwindelerregenden Höhe von 4,4 Billionen Dollar. Im ersten Halbjahr des Jahres vertrauten Investoren Vanguard jeden Tag eine zusätzliche Milliarde an. Auf dem Gebiet der Publikumfonds ist man der weltgrößte Anbieter. Insgesamt aber muss sich Vanguard mit Platz zwei begnügen. Blackrock verwaltet 5,7 Billionen Dollar. Mit der Low-Cost-Strategie fährt der Fondsaufleger jedenfalls gut, der Abstand zum ewigen Konkurrenten wird kleiner.

Wenn ein solcher Player wie Vanguard nun Prognosen anstellt für die Weltwirtschaft, dann findet das Gehör. Und genau das hat das Investmenthaus mit Sitz in Pennsylvania gemacht. Bloß: Es sind keine Prognosen, die zu Freudensprüngen veranlassen. Vanguard erwartet einer Dekade abnehmender Renditen. Die Stärke der Weltwirtschaft in diesem Jahr kam für ihre Experten überraschend. Aber das bedeutet nicht, dass Vanguard optimistischer bei ihrem Investmentausblick ist. Investoren sollten sich auf ein Jahrzehnt der „gedämpften Erträge“ einstellen, sagt Nathan Zahm, leitender Investmentstratege bei der Vanguard.


Vanguard geht davon aus, dass die Aktienrenditen auf fünf bis acht Prozent pro Jahr sinken werden, und die Anleiheerträge auf zwei bis drei Prozent. Und das, obwohl sich die Weltwirtschaft 2017 besser als erwartet entwickelt, getrieben von Wachstum in Japan und Europa.

Der S&P 500 Index der US-Aktien ist in diesem Jahr um 12 Prozent gestiegen und nimmt Kurs auf den größten jährlichen Zuwachs seit 2013. Nur zwei der 24 Aktienmärkte entwickelter Länder, die von der Nachrichtenagentur Bloomberg beobachtet werden, verzeichneten für den Zeitraum Verluste. Aktieninvestoren haben die politischen Unruhen in den USA und das Risiko eines Konflikts mit Nordkorea mit einem Achselzucken quittiert und sich auf die Wirtschaftsleistung und die Unternehmensgewinne konzentriert. Aber für Vanguard werden die guten Zeiten abnehmen.

„Dieses Jahr war wahrscheinlich eine Überraschung nach oben“, sagt Zahm, 34, in einem Interview mit Bloomberg bei einem Besuch in Tokio. „Das Wachstum ist relativ stabil oder nimmt in einigen Ländern sogar zu, und die Marktbedingungen und Zinsbedingungen sind immer noch sehr günstig“, sagt er. Aber „wir warnen Investoren, vor allem angesichts des starken Laufs, den wir hatten, dass die zukünftigen Erträge ziemlich gedämpft sein werden.“


Vanguard, der Anbieter von Index-Fonds, vertritt seit Jahrzehnten die Ansicht, dass kostengünstige passive Fonds den Investoren über mehrere Marktzyklen hinweg besser dienen als hochpreisige Angebote. Aus Vanguards Sicht sind die starken Erträge nach der Finanzkrise einfach nicht nachhaltig.

Das liege zum Teil an den Bewertungen, sagt Zahm. Der S&P 500, der seit 2009 bis letztes Jahr auf einen durchschnittlichen jährlichen Zuwachs von zwölf Prozent kam, wird zum 19,2fachen der erwarteten Unternehmensgewinne gehandelt und ist damit so teuer wie seit 2002 nicht mehr, nachdem er am Mittwoch einen rekordhohen Schlussstand erreichte.

Es liegt auch an den niedrigen Zinsen. Der Vermögensverwalter verweist auf eine alternde Bevölkerung, die Globalisierung der Arbeitskräfte und die Zunahme der  Technologie als Faktoren, die gedämpfte Inflationserwartungen stärken. „Auch wenn wir dieses starke Wirtschaftswachstum haben, mit den derzeitigen Bewertungen und Zinsen, sind Erwartungen auf künftige signifikante Erträge, wie wir sie vor kurzem erlebt haben, zwar möglich aber nicht unbedingt wahrscheinlich“, sagt Zahm.


In diesem Umfeld rät Vanguard Investoren, zu kontrollieren, was sie kontrollieren können - etwa wie viel sie ausgeben und wie viel sie sparen. Viele Anleger werden sich in Aktien übergewichtet finden und müssen ihre Portfolios anpassen, so Zahm, der zu einem 70 Personen starken, globalen Investment-Strategie-Team unter der Leitung des weltweiten Chefökonomen Joseph Davis gehört.

Abgesehen davon, dass es ratsam sei, die Kosten niedrig zu halten, sagt Zahm, weise sein Team die Anleger auch daraufhin, risikobewusst zu sein und tolerant mit Blick auf die geringeren Anlageerträge, die Vanguard voraussieht.

Wenn das Worst-Case-Szenario eintritt, „werden Sie dann noch solvent bleiben? Werden Sie dann noch in der Lage sein, Ihre Ziele zu erreichen und Ihre Verpflichtungen zu erfüllen?“, so Zahm. „In einem Umfeld niedriger Erträge wird es viele Investoren geben, die sich sicherlich diese Frage stellen.“

KONTEXT

Die zehn größten Vermögensverwalter der Welt 2017

1. Platz: BlackRock

Land: USA/ Großbritannien Verwaltetes Vermögen (2017): 4.884.550 Millionen Euro Entwicklung gegenüber 2016: + 11,1 Prozent

2. Platz: Vanguard Asset Management

Land: USA/ GroßbritannienVerwaltetes Vermögen (2017): 3.727.455 Millionen Euro Entwicklung gegenüber 2016: 20,6 Prozent

3. Platz: State Street Global Advisors

Land: USA/ Großbritannien Verwaltetes Vermögen (2017): 2.340.323 Millionen Euro Entwicklung gegenüber 2016: 13,3 Prozent

4. Platz: Fidelity Investments

Land: USA Verwaltetes Vermögen (2017): 2.129.650 Millionen Euro Entwicklung gegenüber 2016: 16,4 Prozent

5. Platz: BNY Mellon Investment Management

Land: USA/ Großbritannien Verwaltetes Vermögen (2017): 1.518.420 Millionen Euro Entwicklung gegenüber 2016: 1,7 Prozent

6. Platz: J.P. Morgan Asset Management

Land: USA/ GroßbritannienVerwaltetes Vermögen (2017): 1.479.125 Millionen Euro Entwicklung gegenüber 2016: 8,7 Prozent

7. Platz: Pimco

Land: Deutschland/ USA/ Großbritannien Verwaltetes Vermögen (2017): 1.406.350 Millionen Euro Entwicklung gegenüber 2016: 6,4 Prozent

8. Platz: Capital Group

Land: USA Verwaltetes Vermögen (2017): 1.401.780 Millionen Euro Entwicklung gegenüber 2016: + 10,2 Prozent

9. Platz: Prudential Financial

Land: USA Verwaltetes Vermögen (2017): 1.201.082 Millionen Euro Entwicklung gegenüber 2016: + 10,2 Prozent

10. Platz: Goldman Sachs Asset Management Int.

Land: USA/ Großbritannien Verwaltetes Vermögen (2017): 1.116.606 Millionen Euro Entwicklung gegenüber 2016: + 12,0 Prozent