DB-Cargo-Chefin Sigrid Nikutta will trotz roter Zahlen wachsen und investieren: „Es gibt kein Gesundschrumpfen“

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DB-Cargo-Chefin Sigrid Nikutta
DB-Cargo-Chefin Sigrid Nikutta

Als Sigrid Nikutta am 1. Januar 2020 Vorstandsvorsitzende bei DB Cargo wurde, war der Anfang alles andere als einfach. Die Top-Managerin fand ein marodes und heruntergewirtschaftetes Unternehmen vor. Seit vielen Jahren ist der Schienengüterverkehr bei der Bahn defizitär. Allein im vergangenen Jahr betrug der Verlust 728 Millionen Euro, in 2019 waren es 308 Millionen Euro. Nikutta hatte gerade erst die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) saniert. Jetzt also das nächste Problem-Unternehmen.

Wir wollten von ihr wissen, warum sie sich das antut. Und wie sie es schaffen will, das Unternehmen wirtschaftlich zu machen - eine Aufgabe, an der vor ihr bereits einige Manager scheiterten. Wir treffen Nikutta zum Gespräch im 23. Stock des Bahn-Towers, am Potsdamer Platz in Berlin. Es ist neun Uhr morgens, Nikutta wirkt, als wäre sie schon eine ganze Weile wach. Sie überlegt kurz bei der Getränkewahl, entscheidet sich dann für Pfefferminztee - und schon starten wir ins Gespräch.

Etwas im Scherz sagt Nikutta, sie frage sich auch, warum es sie immer zu Unternehmen zieht, denen es nicht sonderlich gut geht. „Mein Grundantrieb ist es, Veränderungen so zu gestalten, dass Unternehmen erfolgreich sind“, sagt Nikutta. „Für mich ist es wichtig, dass ich mit meiner Arbeit großes bewege. Das ist relativ simpel.“ Der Güterverkehr habe eine hohe Wichtigkeit zum Erreichen der CO2-Ziele in Deutschland und in Europa. „Wir werden unsere Klimaziele nicht erreichen, wenn wir es nicht schaffen, mehr Güterverkehr auf die Schiene zu verlagern.“

"Irgendwann auch schwarze Zahlen schreiben"

Ihre Aufgabe bei DB Cargo sei eine „hybride Aufgabe“. Zum einen lautet das Ziel der Bundesregierung, den Anteil der Güter, die auf der Schiene transportiert werden, von derzeit 18 Prozent auf 25 Prozent bis 2030 zu steigern – DB Cargo habe als größte europäische Güterbahn hier einen hohen Einfluss. „Und natürlich soll das Unternehmen irgendwann auch schwarze Zahlen schreiben und nicht wie in den letzten Jahrzehnten rote Zahlen.“

Als Saniererin will sich Nikutta aber nicht bezeichnen. „Never ever. Sanieren hat immer einen negativen Touch, weil das damit verbunden ist, das Unternehmen zu verkleinern. Ich sehe mich vielmehr als Modernisiererin. Als Person, die Wachstum möglich macht." In der Theorie sei es total simpel, DB Cargo zu sanieren. „Ich schneide das Unternehmen so klein, bis ich einen Kern habe, der wirtschaftlich ist“, sagt Nikutta. "Das kann aber nicht das Ziel sein, das wäre fatal für Deutschland, Europa – und für die Umwelt."

„Damit vergrößert man das Elend nur"

Stattdessen will Nikutta wachsen. „Auch wenn wir durch die Verluste aus der Vergangenheit nicht so viel Geld haben, um zu investieren.“ Sie sei fest überzeugt: „Es gibt kein Gesundschrumpfen.“ Wenn man in einem gigantischen Netzwerk wie bei der Bahn anfange zu schrumpfen, dann werde man niemals wirtschaftlicher. „Damit vergrößert man das Elend nur. Das hat die Vergangenheit, glaube ich, gezeigt.“ Nikuttas Rechnung geht so: „Wenn ich es schaffe, mehr Verkehr in das Netzwerk zu holen und die Ressourcen dabei stabil halte, werde ich wirtschaftlicher.“

Aktuell gebe es noch sehr viele manuelle Tätigkeiten, die das System entsprechend teuer machen. „Wir fangen jetzt mit dem Modernisierungsschub an, den man schon vor 50 Jahren hätte machen können“, sagt Nikutta. „Es liegt in meiner Hand, bei der Automatisierung und Digitalisierung Tempo zu machen und die politischen Stakeholder davon zu überzeugen, wie wichtig das ist.“ Zu lange sei es das Ziel gewesen, Transporte möglichst schnell und direkt über die Autobahn zu machen. „Nur hat niemand die Gesamtkosten betrachtet und berücksichtigt, welche volkswirtschaftlichen und Umweltkosten damit produziert werden.“ Der Schienengüterverkehr sei das umweltfreundlichste Transportmittel. „Entsprechend sollten wir auch in Deutschland die Rahmenbedingungen so setzen, dass das umweltfreundlichste Verkehrsmittel gewählt wird“, sagt Nikutta.

"Auch Business-Entscheider sind Menschen"

Mit einer groß angelegten Imagekampagne („Güter gehören auf die Schiene“) zielt Nikutta auf die Bürgerinnen und Bürger. Dafür kauft sie dann auch mal die Werbe-Minute vor der Tagesschau, um in einem Spot im Stil einer Game-Show Aufmerksamkeit zu erhalten. "DB Cargo ist ein klassisches B2B-Geschäft. Aber auch Business-Entscheider sind Menschen - und die treffen in den Unternehmen die Entscheidungen."

„Die Zeiten haben sich geändert, dem Güterverkehr auf der Schiene kommt eine neue Bedeutung zu. Mit diesem Selbstbewusstsein sollten wir auftreten und das auch in die Wahrnehmung aller bringen“, sagt Nikutta. Außerdem sollten die Verbraucherinnen und Verbraucher wissen, wie ihre Waren transportiert werden. „Das sind teilweise maximal grausame Transportketten, mit irgendwelchen alten Diesel-LKW.“ Nikutta bemüht sich bei der EU um ein Gütesiegel für den Transport. „Jeder ärgert sich über die vollen Autobahnen. Aber wer verursacht das denn? Das sind auch wir alle.“

Lobbyarbeit in eigener Sache

Damit ihre Anliegen Gehör finden, muss Nikutta laut sein und Lobbyarbeit in eigener Sache betreiben. Das fällt der 52-jährigen Top-Managerin scheinbar nicht schwer. Sie hat sich in der deutschen Wirtschaft als Marke etabliert, auf Veranstaltungen ist sie ein gern gesehener Gast. In den sozialen Netzwerken ist sie sehr aktiv, auf LinkedIn zählte sie zu den „Top Voices 2020“. Sie zeigt sich nahbar, achtet aber auch darauf, nicht zu viel Privates preiszugeben. Bilder ihrer Kinder etwa zeigt sie nicht.

Nikutta ist Mutter von fünf Kindern. In der Vergangenheit engagierte sie sich etwa für die Initiative „#stayonboard“, die es zum Ziel hatte, dass Vorstandsmitglieder in Zukunft einen Anspruch auf familiär bedingte und haftungsfreie Auszeiten haben. Mit dem jüngst beschlossenen zweiten Führungspositionen-Gesetz, das auch eine Frauenquote für Vorstände großer Unternehmen beinhaltet (bei mehr als drei Vorstandsmitgliedern muss künftig mindestens eine Frau im Vorstand sitzen), soll das künftig möglich sein.

"Mich stresst es viel mehr, wenn ich nichts machen kann"

Nikutta hingegen nahm sich diese Auszeit nicht. Als sie 2011 ihr viertes Kind bekam, war sie BVG-Chefin - und arbeitete weiter. Die „Taz“ machte ihr daraus medienwirksam einen Vorwurf: Sie untergrabe damit den gesetzlich geregelten Mutterschutz. Die BVG hingegen sah darin keinen Rechtsverstoß. „In meiner Lebenssituation war das optimal. Das ist auch mein Wesen. Mich stresst es viel mehr, wenn ich nichts machen kann und das Gefühl habe, weniger Einfluss zu haben“, sagt Nikutta. Das neue Gesetz sei „der richtige Einstieg“. Denn 50 Prozent Frauen in Führungspositionen müssten das Ziel sein. „Mädchen und Frauen sind die besseren Schulabgänger, haben an den Unis die besseren Noten. Das muss sich fortsetzen.“

Nikuttas eigener Weg in die Führungspositionen verlief nicht geradlinig. Kurz nach ihrer Geburt in Polen zog es Nikuttas Familie nach Ostwestfalen. „Ich bin eine spannende Kombination aus ostpreußischen Wurzeln und ostwestfälischer Sozialisation. Den Ostpreußen sagt man absolute Dickköpfigkeit nach und den Ostwestfalen ihre Direktheit“, beschreibt sich Nikutta selbst. In Ostwestfalen gehe es immer zur Sache. „Da kommen nur wenige Diplomaten her“, sagt Nikutta. „Auch ich bin sehr klar und direkt, auch im Führungsstil. Und ich fühle mich damit auch extrem wohl.“

"Eigentlich wollte ich Gefängnispsychologin werden“

Konzernkarriere war nicht ihr erstes Ziel. "Eigentlich wollte ich Gefängnispsychologin werden“, sagt die promovierte Psychologin. Doch als sie während des Studiums im Gefängnis in Bielefeld-Brackwede arbeitete, habe sie feststellen müssen, „dass ich mir mehr Einflussmöglichkeiten versprochen hatte“. Also zog es sie in die Wirtschaft. Bei einem Mittelständler aus Bielefeld, der insolvente oder kurz davorstehende Unternehmen kaufte, arbeitete sie während des Studiums und wurde danach Assistentin des Inhabers. Weiter ging es zur Deutschen Bahn, wo sie im Bereich Bildung arbeitete. Dann zu DB Cargo, wo sie von 2001 bis 2010 bereits in verschiedenen leitenden Funktionen tätig war.

„Als ich angefangen habe zu arbeiten, da war das noch maximal ungewöhnlich, als Psychologin in die Wirtschaft zu gehen“, sagt Nikutta. Doch auch bei einem Maschinenbau-Studium, sagt Nikutta, wäre heute kaum noch etwas aktuell. „Ich arbeite jetzt seit mehr als 30 Jahren in Unternehmen. Was sich am allerwenigsten verändert hat, ist der Mensch. Damit ist mein Studium eigentlich das ideale für das Management von Unternehmen."

"Es musste noch nie jemand so viele technischen Erläuterungen abgeben wie ich"

Trotzdem werde ihr das Studienfach bis heute gelegentlich negativ ausgelegt. Auch die Tatsache, dass Nikutta eine Frau ist, spiele eine Rolle. Sie erinnere sich noch daran, wie sie 2010 zur BVG kam und dort für die gesamte Technik und den Betrieb verantwortlich war. „Ich glaube, es musste noch nie jemand so viele technischen Erläuterungen abgeben wie ich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand anderes als Vorstandsvorsitzender nach so vielen technischen Details gefragt worden wäre. Aber mir macht Technik Spaß, also bin ich oft extrem genau in diesen Themen unterwegs.", sagt Nikutta. Früher, am Anfang ihrer Karriere, habe sie die ungläubigen Fragen, ob sie das auch als Frau könne, als nervig empfunden. „Heute bin ich darüber hinweg, mich zu ärgern und lächle solche Fragen oder Bemerkungen weg.“

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