Anleger gehen vor Jackson Hole in Deckung

Europas Aktien können dem teuren Euro nicht entkommen. Der Flirt mit der 1,20-Dollar-Marke lässt den Dax gefährlich nah an die 12.000 fallen. Am Ende kann sich der Leitindex zwar fangen, doch gute Stimmung gibt es keine.


Europas Anleger haben zur Wochenmitte erst Kasse und dann schlapp gemacht. Rückenwind vom starken Dienstag konnten die Börsianer nicht mit in den Mittwoch retten. In Frankfurt dümpelte der Dax durch einen lahmen Handel, am Ende ging der Deutsche Aktienindex mit 12.174 Punkten ein halbes Prozent leichter in den Feierabend. Der paneuropäische Euro-Stoxx-50 gab ebenfalls ein halbes Prozent nach auf 3439 Zähler. Die angespannte geopolitische Lage in der Korea-Krise rückte auf dem Parkett zwar in den Hintergrund. Kurzfristiger Handlungsspielraum ergab sich daraus aber nicht. US-Präsident Trump trübt mit aggressiver Wortwahl die Stimmung ein. Und das viel beachtete Notenbankertreffen im inzwischen legendären Jackson Hole in der amerikanischen Provinz findet erst morgen statt.

Die Kansas City-Filiale der US-Notenbank Federal Reserve lädt zur jährlich stattfindenden Konferenz ein, bei der sich das Who is Who der Geldpolitik trifft. Vom Treffen in den Rocky Mountains erhofft sich die Finanzwelt einmal mehr Hinweise auf die nächsten Schritte der Zentralbanker. Höhepunkt der Konferenz sind die Reden der Fed-Chefin Janet Yellen und ihres europäischen Amtskollegen Mario Draghi. Die beiden wichtigsten Währungshüter der Welt treten am Freitag ans Podium.

„Dieses Ereignis hat immer das Potenzial, die Märkte zu bewegen“, sagte Analyst Neil Wilson vom Brokerhaus ETX Capital. Unvergessen bleibt Mario Draghis Auftritt im August 2014, wo er den Amerikanern die Show stahl und mit seinen öffentlichen Überlegungen zu Anleihekäufen dem billionenschweren Programm der Gegenwart die Bühne bereitete.


Von Mario Draghi gab es heute schon Neues. Nur nichts, was die Börsianer auf die Zins-Entscheide der nächsten EZB-Ratssitzung Anfang September schließen ließ. Zum Leidwesen der Anleger. Der EZB-Präsident bekräftigte bei einer Rede in Lindau – auf der Tagung der Ökonomie-Nobelpreisträger – den Erfolg der ultralockeren Geldpolitik in der Bekämpfung der Krisen der vergangenen Jahre. Die expansive Geldpolitik als Reaktion auf die weltweite Finanzkrise sei erfolgreich gewesen.

Allerdings räumte der Italiener ein, dass noch viel getan werden müsse: „Wir müssen uns der nach wie vor bestehenden Lücken in unserem Wissen bewusst sein.“ In diesem Zusammenhang seien ökonomische Studien besonders wichtig für den Kurs der Notenbank. Man müsse den Blick auf die Geldpolitik überdenken. Einmal mehr nahm er vor der Elite der Wirtschaftswissenschaften die Politik in die Pflicht, die monetären Maßnahmen zu flankieren.


Zum drängenden Problem des immer stärker werdenden Euros schwieg sich Draghi aus. Die teure Gemeinschaftswährung – und mit ihr der schwache Dollar – dürften eines der prägenden Themen in Jacksons Hole sein. „In Bezug auf den Wechselkurs besteht die Möglichkeit, dass eine beiläufige Bemerkung den Markt in Unruhe versetzt“, sprach ETX-Experte Neil Wilson das aus, was schon so oft der Fall war. Antje Praefcke von der Commerzbank warnt: „Ein kleiner Warnschuss in Richtung Markt kann schon reichen, den Höhenflug des Euro abzubremsen oder gar zu stoppen.“ Zum Frankfurter Handelsschluss notierte der Euro 0,4 Prozent fester und kletterte wieder über die 1,18-Dollar-Marke.


Technische Signale


Auch solide ausgefallene Konjunkturdaten konnten Gewinnmitnahmen heute nicht verhindern. Der deutsche Einkaufsmanager für den Industriesektor legte deutlich zu. Statt den von Experten erwarteten 57,7 Punkten markierte der Frühindikator für den August 59.4 Punkte. Der Index für den Dienstleistungssektor gewann ebenfalls dazu. Für die Euro-Zone insgesamt zeigten die Zahlen des Forschungsinstituts Markit für die Gesamtwirtschaft einen leichten Anstieg von 55,7 auf 55,8 Punkte.

Nicht nur der Dax, auch die zweite Frankfurter Reihe kam nicht recht vom Fleck. Die Nebenwerte des MDax gaben mit 24.906 Punkten 0,2 Prozent nach, der TecDax verlor mit einem Stand von 2267 Zählern 0,3 Prozent. Auch die Wall Street gab leicht bis moderat nach. In New York verschreckte Donald Trump die Anleger mit scharfen Tönen im Kongress. Sollte sein Herzensprojekt der Mauer an der mexikanischen Grenze an der Finanzierung scheitern, würde er nicht vor einem Ausgabenstopp für den Kongress Halt, dem gefürchteten „government shutdown“.


Mit Blick auf die Chart-Technik spielt die Marke von 12.239 Punkten eine wichtige Rolle für den heutigen Handel. Dort durchbricht der Dax nach oben hin eine Widerstandlinie, gebildet aus der Verbindung von seinem Allzeithoch von Mitte Juni mit seinem seitdem erreichten Höchststand, was ein Stabilisierungssignal wäre. Und tatsächlich war der deutsche Leitindex am Morgen bis auf 12.269 Punkte geklettert. Nur um danach ins Minus zu fallen, der nachhaltige Anstieg misslang. Auch charttechnisch bleibt das Umfeld schwierig.

Der mit Abstand schwächste Titel im Dax war die ProSiebenSat.1-Aktie. Das Medienhaus rutschte um 2,7 Prozent ab. Durch die Bank weg gehörten Branchenvertreter zu den schwächsten Papieren in Europa. Ausgelöst hatte die Abschläge die weltgrößte Werbeagentur WPP, sie erwischte die Investoren mit einer Prognosesenkung auf dem falschen Fuß. Im FTSE-100, dem britischen Leitindex, schmierte WPP zeitweise um bis zu 12 Prozent ab. Es ist für die Werber der größte Tagesverlust seit 1998. Auch in Paris fiel der Konkurrent Publicis auf den letzten Platz im CAC40. Die Befürchtung: Geringere Werbe-Etats treffen die Fernsehsender.


Im MDax wiedersetzte sich K&S dem widrigen Marktumfeld, die Scheine stiegen um knapp drei Prozent. In der Spitze ging es bis zu fünf Prozent rauf für den Düngemittel- und Salzfabrikanten. Auf dem Parkett kursierten als Begründung Übernahmespekulationen. Dem Branchendienst Platow Brief zufolge streckt der Hedgefonds Elliot seine Fühler nach den Deutschen aus. Das Vehikel von Star-Investor Paul Singer habe beim britisch-australischen Rohstoffkonzern BHP Billiton einige strategische Entscheidungen durchgesetzt, die den Weg für einen Einstieg bei K+S ebnen könnten, hieß es in dem Bericht ohne Angaben von Quellen. K+S wollte sich zu dem Bericht nicht äußern.

KONTEXT

Die besten Anlagen 2016

Zucker

Die Preise vieler Agrarrohstoffe sind 2016 deutlich gestiegen. Am deutlichsten stieg der Preis für Rohrzucker - auch wenn über die Hälfte der Performance seit dem Herbst wieder abgeschmolzen ist. Wer an den Terminbörsen zu Jahresbeginn 100.000 Euro in Zucker anlegte, hat jetzt 132.950 Euro auf dem Konto. Grund für den Anstieg sind Aussichten auf eine sinkende Produktion. Ähnlich ist es bei Kaffee, Baumwolle und Kakao. Ein höheres Angebot ließ dagegen die Preise für Mais und Weizen fallen.

Aktien Russland

Vom Absturz zu Beginn des Jahres erholten sich sowohl der Leitindex Micex als auch der Rubel deutlich. Hauptgründe dafür sind der steigende Ölpreis und nach der Trump-Wahl die Hoffnung auf ein besseres politisches Verhältnis zwischen den USA und Russland. Aus 100.000 in Russland angelegten Euro wurden so im vergangenen Jahr 152.950 Euro. Zum Vergleich: Aus 100.000 angelegten Euro wurden im amerikanischen Dow Jones - inklusive des Dollar-Anstiegs - "nur" 116.140 Euro, im deutschen Dax waren es 106.780 Euro und im Euro Stoxx 50 der Standardwerte im Euro-Raum 100.770 Euro.

Öl

Der weitere Verfall des Ölpreises schockte die Anleger zu Jahresbeginn. Bis auf das Zwölfjahrestief von 27 Dollar fiel der Preis für ein Fass (159 Liter) der Nordseesorte Bren bis zum Februar. Er erholte sich aber deutlich, in der Hoffnung darauf, dass die Ölstaaten die Fördermengen begrenzen. was sie Ende 2016 tatsächlich machten. Aus 100.000 in Öl-Terminkontrakte investierten Euro wurden bis am Jahresende 161.080 Euro.

Zink

Zink war 2016 der Rohstoff mit dem höchsten Preisanstieg. Im vergangenen Jahr stieg der Preis von Zink, das vielfach in der Industrie eingesetzt wird in Euro gerechnet um 62,84 Prozent.

Aktien Kasachstan

Das zentralasiatische Land ist der zweitgrößte Ölexporteur im postsowjetischen Raum und profitierte damit deutlich vom seit Mitte Februar wieder gestiegenen Ölpreis. Wer 100.000 Euro in den gerade mal neun Werte umfassenden Kase-Index investierte, machte einen Gewinn von 66,27 Prozent.

Aktien Peru

Die Aktie in Peru profitierte von der Wahl des neuen Präsidenten Pablo Kuczynski, der als liberal und wirtschaftsfreundlich gilt. Dazu sind im Leitindex Peru General S&P/BVL viele Minenwerte notiert - und die profitierten vom Anstieg der Minenpreise. Auch die Landeswertung Sol stieg. Das machte bei einer Investition von 100.000 Euro für hiesige Investoren einen Gewinn von 67.210 Euro. Im vergangenen Jahr hatte die Börse allerdings ein Drittel verloren.

Aktien Brasilien

Vor allem das Amtsenthebungsverfahren gegen Staatschefin Dilma Rousseff trieb Brasiliens Aktienkurse und den Real nach oben, weil dadurch die Präsidentin abgelöst wurde, die das Land in die Rezession und den größten Korruptionsskandal aller Zeiten getrieben hatte. Dass inzwischen auch gegen die Regierung und Ihren Präsidenten Michel Temer Korruptionsvorwürfe bestehen, bremste die Hausse nicht - ebenso wenig wie die Tatsache, dass das Land immer noch in der Rezession feststeckt. Unter dem Strich machten Anleger, die Anfang vergangenen Jahres 100.000 Euro in Brasiliens Leitindex investierten einen Gewinn von 76.160 Euro. So viel gab es in keiner anderen Anlageklasse.

Alle Angaben ohne Transaktionskosten. Stand: 30.12.2016