Anleger starten nach Draghis Worten Endspurt

Mario Draghi hat es wieder mal geschafft. Nachdem seine Worte in der inhaltsschwachen Januar-Ratssitzung der Europäischen Zentralbank an den Märkten einen Kursrutsch auslösten, konnte er die Märkte auf der heutigen Pressekonferenz überzeugen. Der Dax drehte ab dem Nachmittag ins Plus, am Ende ging er mit 12.374 Punkten 0,9 Prozent fester aus dem Donnerstag. Der Euro-Stoxx-50 gewann mit 1,1 Prozent bei 3413 Zählern noch etwas deutlicher. In New York rückten die Börsen leicht vor.

Nach Veröffentlichung der heutigen Sitzungsergebnisse des EZB-Rats hatten sich die Anleger zunächst zurückgehalten. Die Führungsriege der Europäischen Zentralbank um den Italiener hat weder Zinsen noch Anleiheprogramm angetastet, wer genauer hinschaut, entdeckt aber doch eine Änderung. In der Pressemitteilung fehlt das Draghi-Mantra, die milliardenschweren Anleihekäufe im Notfall auszuweiten oder das gesamte Programm zu verlängern.

Von allen Möglichkeiten war es das wahrscheinlichste Signal, das die EZB senden konnte. Dennoch kommt es für Ökonomen überraschend, auch im Zuge der kontinuierliche Euro-Aufwertung. Immer noch entfernt ist es von dem, was Falken – die Befürwortet einer strengeren Gangart – wie der Bundesbank-Chef Jens Weidmann fordern, nämlich ein konkretes Enddatum für das Anleihekaufprogramm, das noch bis September 2018 läuft.


Aber in der Welt der Geldpolitik, wo Kommunikation alles ist, ein unmissverständliches Zeichen: Der Einstieg in den Ausstieg aus dem ultralockeren Kurs ist im Gange. In einer ersten Reaktion drehte der Euro ins Plus, gab dann aber wieder nach. Zuletzt notierte er mit 1,2347 Dollar 0,5 Prozent deutlich leichter. Auf den europäischen Parkett hatten die Aktienmärkte ihr leichtes Minus weiter ausgebaut.

In Frankfurt gab der Dax zeitweise ein halbes Prozent ab, eher die Börsianer mit Draghis souveränen Worten aufs Parkett zurückkehrten. Vom Tagestief aus gesehen, führten allein die Aussagen des obersten Wächters der Euro zu einem Aufschlag von anderthalb Prozent.

Die Märkte hätten von der EZB vorerst weiter nicht viel zu befürchten, fasste Fondsmanager Thomas Altmann vom Vermögensberater QC Partners zusammen. „Die Zinsen bleiben auf absehbare Zeit niedrig.“ Die leichte Reduzierung der Inflationsprognose verschaffe der EZB zudem Zeit.

Die Teuerungsrate sehen die hauseigenen Ökonomen nun für 2018 bei 1,4 Prozent, für 2019 senkten sie den Ausblick von 1,5 auf ebenfalls 1,4 Prozent. Auch wenn die Wachstumsprognosen nach oben korrigiert wurden; der als Zielmarke anvisierte Inflationswert von knapp unter zwei Prozent wird erst für 2021 erwartet.

Wie erwartet blieb der Instrumentenkasten für die Leitzinsen unberührt in der Vitrine. Dass die Währungshüter die Zinsen zeitnah neu stimmen, gilt als ausgeschlossen. Eine Erhöhung der Leitzinsen, die seit nunmehr genau zwei Jahren auf dem Rekordniedrigniveau von 0,0 Prozent liegen, dürfte ganz unten auf der Agenda stehen - als letzter Schritt hin zu einer Normalisierung dieser ultralockeren Geldpolitik.


Die Normalisierung hatten die Währungshüter erst im Herbst angestoßen, im Oktober entschied man sich die Anleihekäufe zu verlängern, das monatliche Anlagevolumen aber zu halbieren. Bis September kauft die EZB monatlich für 30 Milliarden Euro Staats- und im geringen Umfang auch Unternehmensobligationen.

Indem die EZB die Papiere erwirbt, sinken deren Renditen und mit ihnen die Attraktivität für Geschäftsbanken. Diese sollen, ohnehin mit billigen Notenbankgeld ausgestattet, in die Realwirtschaft investieren und damit Konjunktur und Niedrig-Inflation ankurbeln.


Merck kann Anleger nicht überzeugen


Und weil das zu funktionieren scheint, geraten Mario Draghi und die EZB-Führung unter Druck. Denn die Wirtschaft in der Euro-Zone nimmt an Fahrt auf, neben dem deutschen Wirtschaftsmotor zeigt auch die Peripherie nach Krisenzeiten wieder höhere Wachstumsraten. Zeit also, die Zügel zu straffen, bevor sich Blasen bilden und die Dynamik überhitzt, sagen die Kritiker. Die finden sich nicht nur in der deutschen Politik und unter den deutschen Sparern, bei denen die expansive Geldpolitik höchst umstritten ist, sondern inzwischen auch im obersten Zentralbankgremium selbst.

Im EZB-Rat fordern die Falken, die sich für einen Abbau der Impulse aussprechen, weitere Restriktionen. So ist es Bundesbank-Chef Jens Weidmann, der auch öffentlich immer wieder einem Auslaufdatum für das Anleihekaufprogramm das Wort redet. Denn im Oktober hatten die Währungshüter das Ende offen gelassen. Mit dem Streichen des Im-Notfall-mehr-Passus' dürfte das Ende des Zweieinhalb-Billionen-Euro-Programms nun aber mittelfristig näher rücken.

Derweil geht die Bilanzsaison weiter, heute präsentierten mit Continental, Linde und Merck, drei Konzerne aus der ersten Frankfurter Reihe ihre Jahreszahlen. Ein gesunkener Betriebsgewinn und ein trüber Ausblick schlugen Merck-Anlegern auf die Stimmung.


Die Aktien des Pharma- und Spezialchemiekonzerns verloren bis zu 3,4 Prozent und waren Dax-Schlusslicht. „Positive Überraschungen sind ausgeblieben, da sollte sich die lustlose Kursentwicklung der Aktien zunächst fortsetzen“, sagte ein Händler. Seit Jahresbeginn haben die Titel knapp zehn Prozent verloren.

Auch das Zahlenwerk von Axel Springer enttäuschte. Die Aktien rutschen um bis zu 10,7 Prozent auf ein Neun-Wochen-Tief ab. Damit waren sie mit Abstand der größte Verlierer im Nebenwerteindex MDax. Das Ergebnis im vierten Quartal sei geringer ausgefallen als erwartet, sagte Analyst Christoph Bast vom Bankhaus Lampe. Ebenfalls abwärts ging es nach einem trüben Ausblick für Hugo Boss, die mehr als sieben Prozent nachgaben. Währungseffekte und Umbaukosten bremsen den Modekonzern in diesem Jahr aus.