Ein moralischer Sieg

Es war eine schwierige Handelswoche, die Korea-Krise verunsichert die Börsianer nachhaltig. Doch am Freitag wollten die Dax-Anleger einen versöhnlichen Ausklang: Die 12.000 hielt stand und ein Minus gab es auch nicht.


Erst haben Europas Anleger Nerven gezeigt, dann aber starke Nerven bewiesen. Inmitten des Säbelrasselns zwischen Nordkorea und den Vereinigten Staaten konnte das Frankfurter Parkett seine Verluste stoppen. Auch am Freitag stiegen Investoren über weitere Strecken des Handels aus dem Aktienmarkt und bevorzugten sichere Häfen wie Gold, das ein neues Zwei-Monats-Hoch erreichte, oder Bundesanleihen. Der Dax kämpfte um die 12.000-Punkte-Marke, unter die er gleich zum Handelsbeginn gefallen war. Der Sprung über selbige gelang dem Leitindex erst am Nachmittag, als die US-Inflation die Märkte erreichte. Die war leicht hinter den Erwartungen zurückgeblieben, was prompt Hoffnungen auf weiterhin niedrige US-Zinsen schürte. Die Stimmung aber bleibt eingetrübt, die Korea-Krise nagt am größten Gut der Finanzwelt: Der Sicherheit.

Am Ende gelang den Dax-Anlegern nach einem Hin und Her nicht nur die Rettung des Tausenders. Auch hievten sie den Leitindex aus dem Minus. Der Deutsche Aktienindex schloss letztlich mit 12014 Punkten völlig unverändert. Der paneuropäische Euro-Stoxx-50 hingegen verlor 0,9 Prozent auf 3402 Punkte. Die Wall Street war es, die den Frankfurter Handel stützte. In New York rückte der Dow-Jones-Index nach drei Verlusttagen in Folge 0,2 Prozent vor auf 21.890 Punkte, der breite S&P-500 kletterte 0,3 Prozent rauf auf 2444 Zähler. Die volatilere Technologie-Börse Nasdaq stieg mit ihrem Composite um ein halbes Prozent auf 6248 Stellen.


Mit Blick auf den Konjunkturkalender hatte es heute nur eine Möglichkeit gegeben, versöhnlich ins Wochenende zu gehen. Und nicht nur ergab sie sich tatsächlich, sondern nahmen sie die Anleger auch dankbar an. Es geht um die US-Inflation, die mit 1,7 Prozent zwar leicht gegenüber dem Vormonat anzog, aber: Experten hatten sie bei 1,8 Prozent erwartet. Die niedriger als erwartete Teuerungsrate reichte den Anlegern aus, um in der Hoffnung auf ein Vertagen der nächsten Zinserhöhung auf das Parkett zurückzukehren.

Der verhaltene Inflationsdruck liefere keine deutlichen Impulse für baldige Zinserhöhungen der Fed, sagten Analysten. Laut der Nachrichtenagentur Reuters sehen nur noch 40 Prozent der Händler die Chance darauf, dass die US-Notenbank bis zum Jahresende einen weiteren Zinsschritt wagt. Im März und Juni hatten die Dollar-Hüter bereits zwei Anhebungen beschlossen. Danach trat Fed-Chefin Janet Yellen auf die Bremse. Ein weitere Justierung der Zinsen war offen kommuniziert worden, aber aktuell gehen die Meinungen hierüber auseinander. Die nächste Gelegenheit bietet sich am 20. September, wenn der zuständige Offenmarktausschuss tagt.


Dass die niedrigen Inflationszahlen von Reden zweier Fed-Gouverneure flankiert werden, die allgemein zum vorsichtigen Vorgehen bei der Straffung des Zinsumfeldes raten, ist ein glücklicher Zufall, der dem Parkett am Freitag gelegen kam. Robert Kaplan und Neel Kashkari sind im laufenden Jahr beide stimmberechtigt für den Offenmarktausschuss, dementsprechend viel Gewicht haben ihre Worte in der Öffentlichkeit. Während Kaplan, Chef der Fed-Filiale Dallas eher als jemand zwischen den Flügeln der Falken und Tauben anzusiedeln ist, steht Kashkari von der Fed Minneapolis für eine dezidiert lockere Geldpolitik. Kaplan sprach sich zuletzt für Geduld mit dem nächsten Zinsschritt aus, will im September aber den Bilanzabbau der Fed in Angriff nehmen.

Um die Finanzkrise zu bewältigen hatte die Fed Staatsanleihen im Billionenwert aufgekauft. Nun wollen die Notenbanker damit beginnen, die gigantische Summe zu reduzieren, indem auslaufende Papiere nicht mehr durch neue abgelöst werden. Details und ein endgültiger Beschluss sollen in den nächsten Sitzungen folgen.


Kim und Trump spielen Damokles


Die Freude über die niedrige Inflation war im trüben Marktumfeld und angesichts der bedrohlichen geopolitischen Lage so groß, dass die Kurse in Europa bis kurz vor dem Wochenende minimal zulegten, obwohl der Wechselkurs sich nicht zugunsten der exportorientierten Europäer entwickelte. Der Euro verteuerte sich um 0,3 Prozent auf 1,1794 Dollar.

Das leichte Aufbäumen war aber nicht mehr als der Versuch eines versöhnlichen Wochenausklangs, der angesichts des Späthandels nicht wirklich gelang. Die Lage im Hintergrund bleibt bedrohlich, auch wenn es heißt: Politische Börsen haben kurze Beine. Denn die Furcht basiert vor allem darauf, dass die Korea-Krise zumindest verbal bereits entglitten zu sein scheint. Wie ein in weiter Ferne Hintergrund glänzendes Damoklesschwert schwebt ein bewaffneter Konflikt zwischen dem autoritären Nordkorea und der Atommacht USA über dem Parkett. Grund für die zunehmende Risikoscheu is die Dynamik. Auf erwidernder Drohungen von US-Präsident Donald Trump gegen die Führung um Kim-Jong Un folgt deren Nachschlag.

„Obwohl alle Seiten sowohl die USA als auch Nordkorea zur Mäßigung und zur Rückkehr an den Verhandlungstisch aufrufen, ist das zurzeit unwahrscheinlich“, sagte Analyst Dirk Gojny von der Essener National-Bank. „Nach wie vor zeichnet sich keine verbale Abrüstung zwischen den beiden emotionalen Führern aus Nordkorea und den USA ab“, sagte Commerzbank-Analyst Lutz Karpowitz.


Vor genau einer Woche hatten Anleger zu einem Befreiungsschlag angesetzt. Doch die unsichere geopolitische Lage verhinderte einen positiven Trend. Auch die Wall Street, die anders als Europa einen hervorragenden Rekordsommer erlebt, geriet in der laufenden Woche ins Stottern. Im Vergleich zum Freitag verlor die Frankfurter Benchmark 2,3 Prozent, der Euro-Stoxx-50 genau drei und der Dow-Jones-Index 1,3 Prozent.

Zu den wenigen deutlichen Gewinnern zählten die beiden Fresenius-Titel. Die Mutter legte im Dax 1,7 Prozent vor, FMC-Scheine verteuerten sich um 1,7 Prozent. Im MDax verloren die Aktien von Innogy 1,3 Prozent. Die Ökostrom-Tochter von RWE konnte im ersten Halbjahr 2016 zwar operativ zulegen, doch die Aktionäre zeigten sich nicht überzeugt, der schwierige Vertrieb in Großbritannien stört.