Warum der Dax wieder im Rallymodus ist


Seit Monaten herrscht an den Börsen eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Die US-Märkte eilen von einem Rekordhoch zum nächsten, während der Dax seit Monaten seitwärts tendiert. Sein Allzeithoch hat das deutsche Börsenbarometer Anfang November mit 13.525 Punkten markiert. Seitdem notierte die Frankfurter Benchmark – grob betrachtet – in einer Spanne zwischen 12.800 und 13.200 Punkten.

Lediglich Mitte Dezember und Anfang Januar gab es Ausbruchsversuche nach oben – die aber schnell wieder beendet wurden. „In den USA peitscht die Unternehmenssteuerreform die Wirtschaft an, in Deutschland lähmen die Probleme der Regierungsbildung“, meint Börsenexperte Stephan Heibel. Zuletzt verhinderten Gedankenspiele der Europäischen Zentralbank (EZB), ihr Anleihenkaufprogramm vorzeitig zu beenden, steigende Kurse am deutschen Aktienmarkt.

Mittlerweile beträgt die Performance-Differenz zwischen dem Dow-Jones-Index und dem Dax seit Sommer 2017 circa 20 Prozent. Optimistische Anleger glauben deshalb, dass das deutsche Börsenbarometer nun erhebliches Nachholpotenzial hat. Pessimisten hingegen erwarten deutlich fallende Kurse bei deutschen Aktien, sollte die Wall Street mal korrigieren.


Einige Indizien sprechen dafür, dass der Dax mit dem Erreichen der Marke von 13.400 Punkte am Freitag wieder in den Rallymodus geschaltet hat und bald ein neues Allzeithoch erreicht – zumal der Index am Freitagmittag nur noch 120 Punkte unterhalb des Rekordhochs notierte.

Das ist durchaus überraschend, schließlich waren die Voraussetzungen für steigende Kurse zuletzt eher schlecht. Die US-Börsen tendieren seit vier Tagen nur noch seitwärts, außerdem ist die europäische Gemeinschaftswährung auf 1,2283 US-Dollar gestiegen und liegt nur knapp unterhalb einer Mehrjahreshoch-Marke. Je stärker der Euro ist, desto mehr kann er zum Belastungsfaktor für exportstarke deutschen Unternehmen werden. „Dass der Dax die Stärke trotz eines Euros weiter in der Nähe der 1,23er-Marke zum Dollar entwickelt, ist ein starkes Signal“, betont Marktanalyst Jochen Stanzl vom Brokerhaus CMC Markets.

Vor allem die Börsenstimmung spricht für weiter steigende Kurse: Laut dem Börsenexperten Joachim Goldberg ist der deutsche Leitindex zum einen sehr gut unterstützt, weil sich viele Anleger nach den Äußerungen der europäischen Notenbanker zu einem vorzeitigen Ende des Anleihekaufprogramms von ihren Aktien getrennt haben, einige sogar offenbar mit Verlusten. Deswegen würde das Börsenbarometer bei stärkeren Kursrückgängen auf entsprechende Nachfrage dieser Pessimisten treffen.

„Noch interessanter gestaltet sich jedoch das Geschehen, wenn man sich einen möglichen Run auf das Allzeithoch des Dax vorstellt“, meint der Verhaltensökonom. Dann nämlich kämen die Skeptiker von heute in Verlegenheit und müssten womöglich dem Markt hinterherrennen – was wahrscheinlich die Rally beflügeln dürfte.


Hinter Umfragen zur Börsenstimmung wie dem Dax-Sentiment stehen zwei Annahmen: Wenn die große Masse von Anlegern bereits investiert hat, bleiben wenige übrig, die noch zusätzlich kaufen und damit die Kurse in die Höhe treiben könnten. Umgekehrt gilt natürlich entsprechendes: Wenn die Anleger mehrheitlich nicht investiert haben, können nur noch wenige verkaufen und damit die Kurse drücken.

Auch die Handelsblatt-Umfrage Dax-Sentiment signalisiert seit mehreren Wochen steigende Kurse. „Meiner Erwartung nach wird der Dax diese im Vergleich zum US-Markt schwache Entwicklung aufholen, sobald sich für das Problem der Regierungsbildung eine Lösung abzeichnet – egal ob dies eine GroKo sein sollte, oder Neuwahlen benötigt werden“, erläutert Stephan Heibel, der die Umfrage seit dem Start im September 2014 auswertet. „Ungewissheit lastet auf dem Dax, Gewissheit, welche auch immer, wird von Börsianern stets begrüßt“, sagte er.