Die Dax-Rally dürfte noch weiterlaufen

Seit Ende Juni konnte das deutsche Börsenbarometer mehr 600 Punkte zulegen. Doch ein Ende von weiteren Kursgewinnen ist noch nicht in Sicht.


Eigentlich müssten die Anleger jubeln, schließlich ist der Dax seit Ende Juni dieses Jahres um 5,6 Prozent auf über 12.800 Zählern gestiegen. „Doch kaum ein Anleger feiert diese Kursgewinne, Euphorie sieht anders aus“, stellt Börsenexperte Stephan Heibel fest, nachdem er die aktuelle Handelsblatt-Umfrage Dax-Sentiment unter mehr als 3000 Anlegern ausgewertet hat. Seine Schlussfolgerung lautet: „Dadurch kann die Rally noch ein wenig weiterlaufen“. Zumindest aus Sentiment-Sicht gäbe es noch keine Warnsignale für eine Überhitzung, die zu einem bösen Erwachen führen könnten.

Hinter solchen Erhebungen wie dem Dax-Sentiment stehen – vereinfacht formuliert – zwei Annahmen: Wenn viele Anleger optimistisch sind, haben sie bereits investiert. Dann bleiben wenige übrig, die noch kaufen und damit die Kurse in die Höhe treiben könnten.

Umgekehrt gilt: Wenn die Anleger pessimistisch sind, sind sie mehrheitlich nicht investiert. Dann können nur noch wenige verkaufen und damit die Kurse drücken. Für seine Prognose, wie sich der deutsche Leitindex in den kommenden Handelstagen entwickeln könnte, wertet Heibel zusätzlich weitere Indikatoren aus.


Wie treffsicher die Prognosen des Animusx-Geschäftsführers sind, zeigt ein Rückblick: Am 2. Juli, als der Dax bei 12.200 Punkten stand, prognostizierte er steigende Kurse als Gegenbewegung nach den vorherigen Verlusten. Die Konflikte hätten – so seine Aussagen damals - nur noch geringes Potenzial für eine weitere Eskalation, seiner Einschätzung nach dürfte es in den kommenden Wochen Verhandlungen geben „Das heißt zwar nicht, dass eine Lösung bereits in Sicht ist, aber schlimmer kann es kaum noch werden“, meinte Heibel Anfang Juli. „Und ,Schlimmer kann’s nimmer‘ ist in der Regel ein guter Augenblick, um Aktien zu kaufen.“

Auch am vergangenen Montag war für ihn klar: „Das Risiko bleibt auf der Oberseite.“ Wenn die Aktienmärkte weiter ansteigen sollten, seien viele Marktteilnehmer zu gering investiert und müssten dann den Kursen hinterherlaufen – und würden mit späten Käufen vermutlich für noch höhere Notierungen sorgen.

Dieses Szenario hat sich auch nicht verändert. „Wir haben genau die Situation, die ich Ihnen in den Vorwochen in Aussicht gestellt habe: Viele Anleger hatten auf einen Crash spekuliert, weil sie eine Rezession befürchteten“, erläutert Heibel. Nun habe sich das Blatt gewendet und im ersten Schritt hätten diejenigen, die mit ihren Short-Positionen falsch lagen, mit ihren Eindeckungskäufen für steigende Kurse gesorgt. Im zweiten Schritt würden nun unterinvestierte Anleger folgen, die feststellen, dass Rally ohne ihre Beteiligung einfach weiterlaufe. Diese Anleger würden dann durch ihre späten Käufe die Kurse weiter steigen lassen.

Seiner Erfahrung nach werden häufig die größten Kursgewinne am Aktienmarkt in einer Phase der Skepsis erzielt, und erst am Ende drehe sich das Stimmungsblatt. Wenn die Euphorie dann aufkomme, seien die größten Kursgewinne meist schon erzielt.


„Meiner Einschätzung nach ist die aktuelle Aufwärtsbewegung eine ganz normale Rally, die nun in eine späte Phase einlenkt, wenn Anleger einen Zeithorizont von wenigen Wochen vor Augen haben“, erläutert er. Wer mit seiner Anlagestrategie jedoch einen langfristigen Horizont habe, also stets mindestens anderthalb Jahre in die Zukunft schaue, der könne im aktuellen Kursniveau durchaus noch Kaufkurse sehen.

Ein wichtiges Indiz für weiter steigende Kurse bietet auch der Fünf-Wochen-Durchschnitt des Handelsblatt-Dax-Sentiments, seit Beginn der Umfrage im September 2014 stets ein zuverlässiger Indikator. Dieser Durchschnitt befindet sich weiterhin auf einem niedrigen Niveau und signalisiert damit eher steigende als fallende Kurse. „Das bedeutet, dass die Rally, mit einigen Unterbrechungen, durchaus noch einige Monate weiterlaufen kann“, schlussfolgert der Animusx-Inhaber.

Die Ergebnisse der aktuellen Umfrage: Mit 36 Prozent (ein Plus von 25 Prozentpunkten gegenüber der Vorwoche) betrachten die meisten Anleger die derzeitige Dax-Bewegung als Aufwärtsimpuls. Im Gegenzug ist das Lager der Pessimisten deutlich kleiner geworden. Nur noch acht Prozent (minus zwölf Prozentpunkte) der Umfrageteilnehmer schätzen die Entwicklung als Abwärtsimpuls an. Auch die Zahl derer, die eine Seitwärtsbewegung sehen, ist um zehn Prozentpunkte auf 45 Prozent gefallen.



„Die Stimmung ist somit deutlich angesprungen, von Euphorie, die eine Überhitzung an den Aktienmärkten aufzeigen würde, sind wir jedoch noch weit entfernt“, lautet das Fazit von Heibel.

Jeder zweite Anleger (plus drei Prozentpunkte) sieht sich in seinen Erwartungen von vor einer Woche durch die aktuelle Entwicklung zum größten Teil bestätigt. 16 Prozent (plus acht Prozentpunkte) wollen sogar auf diese deutliche Erholung in der vergangenen Handelswoche spekuliert haben. Nur noch fast jeder Vierte (24 Prozent, minus acht Prozentpunkte) sieht seine Erwartungen an die vergangenen Handelstage als kaum erfüllt an und jeder Zehnte (unverändert) wurde auf dem falschen Fuß erwischt.

Diese Zahlen signalisieren: Die Selbstzufriedenheit der Anleger steigt vorsichtig an. Seit Anfang Februar dieses Jahres waren Anleger verunsichert über die Börsenentwicklung, die Selbstzufriedenheit in unserer Umfrage notierte kontinuierlich im negativen Bereich. Heute ist erstmals wieder eine moderat positive Selbstzufriedenheit zu sehen.


Jeder Dritte (plus sechs Prozentpunkte) geht nun von weiter steigenden Dax-Kursen in drei Monaten aus. Fast die gleiche Zahl (34 Prozent, plus drei Prozentpunkte) erwartet eine Seitwärtsbewegung. Hingegen fürchtet plötzlich nur noch jeder Fünfte (minus neun Prozentpunkte) einen Abwärtsimpuls. Die Skepsis zur künftigen Aktienmarktentwicklung ist also stark zurückgegangen.

Entsprechend will auch wieder jeder Fünfte (plus sechs Prozentpunkte) Aktien zukaufen, nur noch 17 Prozent (minus drei Prozentpunkte) wollen ihre Positionen verkleinern. Mit 62 Prozent (minus drei Prozentpunkte) geben die meisten Anleger an, derzeit noch nicht zu wissen, wie sie sich in den kommenden zwei Wochen verhalten werden.

Das Euwax-Sentiment der Börse Stuttgart ist eingebrochen. Laut diesem Indikator mit einem Wert von minus 9,46 sichern sich Privatanleger wieder maximal gegen fallende Kurse ab. Das Euwax-Sentiment wird anhand realer Trades mit Hebelprodukten auf den deutschen Leitindex berechnet. Anleger haben demzufolge erheblich mehr Short-Produkte gekauft, die bei fallenden Kursen an Wert gewinnen.

Damit zeigt sich ein gegenteiliges Bild zur Situation Anfang Februar 2018, dem Beginn der Aktienmarktkorrektur. Damals notierte der deutsche Leitindex bei rund 13.500 Punkten und gleichzeitig spekulierten die Privatanleger an der Euwax extrem auf steigende Kurse. Das Sentiment der Börse Stuttgart hatte damals einen Wert von plus zehn.


Auch die institutionellen Anleger, die an der Frankfurter Terminbörse Eurex handeln, haben sich in den vergangenen Tagen extrem stark gegen fallende Kurse abgesichert. Das Put/Call-Verhältnis ist auf 2,3 gesprungen und liegt damit deutlich über dem Durchschnitt der vergangenen Monate von 1,4.

Die US-Finanzprofis verhalten sind hingegen viel optimistischer. Das Put/Call-Verhältnis an der Chicagoer Terminbörse CBOE ist deutlich zurückgegangen und deutet somit auf ein Übergewicht von Call-Spekulationen, die an einer Fortsetzung der Rally verdienen würden. Dennoch ist die Investitionsquote der US-Profis mit 85 Prozent (plus drei Prozentpunkte) gegenüber der Vorwoche angestiegen und notiert noch immer auf einem moderaten Niveau.


Die Privatanleger in den USA weisen derzeit eine Bulle/Bär-Quote von 4,6 Prozent aus und sind somit nur leicht bullish gestimmt. Der auf technischen Marktdaten basierende „Angst-und-Gier-Index“ der US-Aktienmärkte zeigt mit 72 Prozent leichte Gier an. „Sollte dieser Index weiter ansteigen, ist das als Warnsignal zu deuten“, erläutert der Sentiment-Experte. Entwarnung hingegen komme von weiteren technischen Indikatoren, die sich im neutralen Bereich bewegen und somit keine akute Überhitzung anzeigen.

Die Sentiment-Umfrage der Börse Frankfurt zeigt ein anderes Bild. Für Joachim Goldberg, der diese Erhebung auswertet, bleiben die Chancen für einen größeren Trend des Dax in die eine oder andere Richtung derzeit recht übersichtlich, schrieb er am vergangenen Mittwoch.

Denn sollte sich das Börsenbarometer deutlicher abschwächen, erwarte er steigende Nachfrage, während an der Oberseite steigendes Angebot aus den heimischen Positionen größere Fortschritte - über zwei Prozent bezogen auf den heutigen Erhebungskurs von 12.680 Zählern - des Dax deckeln würde.


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