DAX – bei der nächsten Krise 5.000 oder 50.000 Punkte?

David Ehlers, Motley Fool beitragender Investmentanalyst

Wie verhält sich der Aktienmarkt und vor allem der DAX im Falle einer erneuten Finanzkrise?

Der Großteil der Investoren erwartet fallende Kurse. Doch wegen der bereits sehr fortgeschrittenen Geldpolitik und der verbleibenden, extremen Mittel sind vor allem in Verbindung mit einer möglichen Inflation paradoxerweise auch steigende Kurse denkbar.

In einer Krise fällt der DAX

In den letzten Krisen sind die Aktienkurse, aufgrund einer Verschiebung von Aktien hin zu „sicheren“ Anlageformen, stark gefallen.

Das könnte nochmal passieren. Sollte z. B. die Eurokrise erneut aufflammen, besteht die Möglichkeit, dass der DAX wieder vierstellig notiert und seinen seit mittlerweile fast zehn Jahren bestehenden Aufwärtstrend beendet. Dies ist wohl das Szenario, das der Großteil der Investoren für den „Krisenfall“ annimmt.

Aufgrund der sehr weit fortgeschrittenen, weltweiten Verschuldung und der historisch noch nie dagewesenen Niedrigzinsen in der gesamten westlichen Welt, besteht meiner Meinung nach eine weitere Möglichkeit, deren Wahrscheinlichkeit nicht vernachlässigt werden sollte.

Die Ursache für diese Möglichkeit liegt in der Geldpolitik der vergangenen Jahre. Die Notenbanken haben kaum noch Feuer, um in einer Krise zu reagieren. Es bleiben nur wenige Möglichkeiten übrig, und (fast) alle sprechen für steigende Aktienkurse (ja, es klingt paradox).

Ein steigender DAX in der Krise?

Eine Möglichkeit, die bspw. die EZB im Falle einer erneuten Krise hat, ist das Senken der Zinsen auf ein stark negatives Niveau. Das würden die Banken dann endgültig an alle Kunden weitergeben.

Damit wird dann auch dem letzten „Sparer“ klar, dass das Geld auf der Bank nicht nur keinen Ertrag mehr bringt, sondern im Gegenteil, auch noch sehr schnell sehr viel an Wert verliert. Die Folge könnte ein verstärktes Investieren in Sachwerte  sein – und da durch das Senken der Zinsen auch die Verzinsung von Staatsanleihen noch weiter fällt, werden Aktien für noch mehr Menschen eine Alternative darstellen.

Das spricht für steigende Aktienkurse.

Eine weitere Maßnahme der Notenbanken könnte ein Ausweiten der Ankaufprogramme sein – die EZB könnte bspw. analog der Schweizer Nationalbank, auch Aktien oder andere Sachwerte kaufen. Auch in diesem Fall würde voraussichtlich sehr viel zusätzliches Geld in die Aktienmärkte fließen und der DAX sowie alle anderen europäischen Indizes wahrscheinlich steigen.

Das Risiko einer Inflation steigt

Bevor du jetzt mit dem Feiern dieser Möglichkeit beginnst, gibt es vielleicht ein Problem damit.

Durch die extremen Maßnahmen steigt die Gefahr extremer Reaktionen, vor allem bei der Inflation (Entwertung der Kaufkraft des Geldes). Es kann passieren, dass unser auf Vertrauen basierendes Geldsystem immer stärker leidet und die Inflation deutlich an Fahrt aufnimmt.

Dieser Trend ist meines Erachtens bereits jetzt in Teilen sichtbar, anders lassen sich die stark gestiegenen Immobilienpreise und Aktienmärkte kaum erklären. Zurzeit ist die Inflation zwar noch nicht (offiziell) in die Realwirtschaft durchgedrungen, allerdings kann das jederzeit passieren.

Im Bezug auf die Inflation gibt es einen sehr anschaulichen Vergleich des Wahrscheinlichkeitstheoretikers Nassim Taleb. Er nutzt den Begriff der Ketchup-Inflation: Erst passiert lange nichts, dann entlädt es sich in einem großen Schwall und lässt sich nicht mehr zurückdrängen.

Aktien können als Inflationsschutz helfen

Es stimmt zwar, dass sich die hohen Inflationsraten in den 1970er Jahren nicht positiv auf die Aktienmärkte ausgewirkt haben. Allerdings sind Unternehmen an sich wandlungsfähig und können sich an hohe Inflationsraten und Zinsen anpassen (wenn sie solide finanziert sind – und nicht nur aufgrund der niedrigen Zinsen noch existieren). Wer 1970 in ein solides Unternehmen investiert hatte und das Investment bis 1979 gehalten hat, konnte auch die Zeit hoher Inflation ohne großartige Verluste überstehen.

Sollte das Vertrauen in das Geld ganz und gar verloren gehen und wir im Euroraum eine Hyperinflation erleben, reicht ein Blick auf den Aktienmarkt in Argentinien oder Venezuela, um zu erkennen, dass Aktien (zumindest kurzfristig) in so einem Szenario eine der Anlageklassen der Wahl sein sollten. So hat sich z. B. der Caracas General Stock Market Index von rund 12.000 Punkten in Mitte 2016 auf über 500.000 Punkte bis Anfang Oktober 2017 bewegt – getrieben durch die ausufernde Hyperinflation in Venezuela. Unter solchen Umständen wäre ein DAX-Punktestand von 50.000 und mehr durchaus denkbar.

Auch wenn vor allem das Szenario einer stark steigenden oder gar einer Hyperinflation aktuell noch sehr weit weg erscheinen mag, ist es dennoch eine mögliche Alternative, die man als Investor nicht ausschließen sollte – auch der bekannte Investor Peter Thiel sagte in einem Vortrag im vergangenen Jahr:

„In den 30iger Jahren hat die keynesianische Geldpolitik zumindest dahingehend funktioniert, dass aufgrund des starken Produktivitätswachstums Geld gedruckt werden konnte, ohne Inflation zu erzeugen. Das wird heute nicht funktionieren.“

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