Dax geht am Ende die Puste aus

Der deutsche Leitindex schleppt sich am Donnerstag mit leichten Verlusten durch den Mittagshandel. Mangelnde Impulse beenden die Hausse. Die Zinserhöhung der britischen Zentralbank kann die Anleger nicht schocken.


Am Ende hatten sie zu viel gewollt. Die Anleger zeigten sich am Dienstag mutig, hielten den Dax nach verschlafenem Handelsstart im gesamten Handel über der 13.000-Punkte-Marke. Ehe sie im Späthandel die Bestmarke in Angriff nahmen. Das misslang – und hatte seinen Preis. Der Dax schloss mit 12.995 Punkten und damit 0,1 Prozent tiefer. Zum am Freitag erreichten Rekordhoch von 13.037 Zählern fehlten zwischenzeitlich keine drei Punkte.

Gestern war es den Börsianern erstmals – seit dem historischen Sprung über die 13.000 am Donnerstag – gelungen, den Meilenstein in den Feierabend zu retten. So weit oben werden die Schritte nun kleiner. Es scheint, als müssten sich die Börsianer ähnlich dem Bergsteiger, der den Everest besteigen will, erst an die Höhenluft gewöhnen. Die Akklimatisierung zeigt sich in einem engen Handel mit gelegentlichen Ausbrüchen. Am Nachmittag entwickelte sich überraschenderweise Schwung in Frankfurt. Inspiriert von der Wall Street, wo der Dow Jones erstmals in seiner Geschichte die 23.000-Punkte-Marke knackte, testeten die Dax-Anleger das Gipfel-Terrain. Für mehr als einen Test reichte es zur Wochenmitte nicht.


Viele Börsianer sprachen von einem „Käufer- und Verkäufer-Streik“: „Offensichtlich haben viele Angst, die Party zu früh zu verlassen“, sagte Fondsmanager Thomas Altmann vom Frankfurter Vermögensberater QC Partners. „Gleichzeitig gibt es jenseits der 13.000 Punkte aktuell kaum noch Käufer.“ Vom unerwartet geringen Anstieg der Konjunkturerwartungen der vom Mannheimer ZEW-Institut befragten Anleger und Analysten zeigten sich die Börsianer relativ unbeeindruckt. Vor dem Hintergrund der auf Rekordniveau liegenden Aktienmärkten sei das aber schon überraschend, erklärte Helaba-Analyst Patrick Boldt.

Die angelaufene Bilanzsaison sorgt derzeit noch nicht für zusätzlichen Schwung. „Fallende Unternehmensgewinne oder ein schwaches Gesamtbild beim Ausblick wären für den Markt sicherlich ein Problem“, sagte Markus Huber, Händler beim Broker City of London. Das Hauptaugenmerk liege aktuell auf Goldman Sachs und Morgan Stanley, die noch vor Handelsbeginn in New York ihre Zahlen vorlegen wollten.

Viele Händler sehen auch in der unsicheren Entwicklung in Spanien einen Hemmschuh. „Solange die Zukunft von Katalonien nicht geklärt ist, bleibt es schwierig für die europäischen Märkte“, sagte ein Händler. In Madrid gab der Leitindex wieder 0,5 Prozent nach. Das Oberste Gericht des Landes ordnete am Montag die Festnahme von zwei führenden Separatisten an. Bis Donnerstag hat Katalonien Zeit, der Regierung in Madrid ihre Haltung zur Unabhängigkeit eindeutig klarzustellen. Auf den Handel wirkt sich das Autonomie-Bestreben der Katalanen deswegen so problematisch aus, weil es neben kurzfristigen wirtschaftlichen Turbulenzen Sorgen schürt vor einer grundlegenden Destabilisierung der Europäischen Union.


Der Streit um Katalonien belastete auch wieder den Euro. Allerdings war die Gemeinschaftswährung auch wegen Spekulationen auf eine härtere Gangart der Fed nach einem möglichen Wechsel an der Spitze der US-Notenbank unter Druck. Medienberichten zufolge soll Donald Trump von dem Stanford-Ökonomen John Taylor sehr beeindruckt sein, der für eine straffere Geldpolitik einsteht. Der Euro verlor einen halben US-Cent auf 1,1755 Dollar.

Von Konjunkturseite kam kein neuer Dreh für den Devisenmarkt. Die endgültigen Verbraucherpreise aus der Euro-Zone verharrten für den September bei den erwarteten 1,5 Prozent. Für Deutschland hatte die Inflation im Herbstmonat bei 1,8 Prozent gelegen. Die Zahlen sind deswegen so wichtig, weil die europäische Zentralbank EZB ihre Geldpolitik stark an der Teuerungsrate orientiert. Die Währungshüter peilen eine Inflation von knapp unter zwei Prozent an, von denen man aktuell weit entfernt ist, weswegen die EZB einen sehr expansiven Kurs fährt.


Goldman rauf, Morgan Stanley runter


In Europa ging der Blick heute nach Amerika. Aus den Staaten kam eine Vielzahl Zahlen wichtiger Konzerne, unter anderem die Zwischenberichte von Goldman Sachs, Morgan Stanley und Johnson & Johnson sowie nach Börsenschuss in New York IBM. Der schwache Anleihehandel und höhere Steuern setzen der US-Investmentbank Goldman Sachs zu. Der Nettogewinn sank im dritten Quartal um drei Prozent auf 2,04 Milliarden Dollar. Die Erträge stiegen hingegen um zwei Prozent auf 8,3 Milliarden Dollar.

Die US-Großbank Morgan Stanley hat ihren Gewinn im dritten Quartal trotz des schwächelnden Handelsgeschäft gesteigert. Dank der Stärke in der Vermögensverwaltung und im Investmentbanking kletterte der Gewinn um elf Prozent auf 1,69 Milliarden Dollar, die Erträge legten um drei Prozent auf 9,2 Milliarden Dollar zu.


Unter den Einzelwerten im Dax gab es nur wenige Ausreißer. Ganz oben standen die Aktien von Infineon, die um zwei Prozent auf 22,18 Euro stiegen und damit so hoch wie zuletzt im April 2002 notierten. Händlern zufolge macht die Kaufempfehlungen einer großen US-Bank die Runde.

Im TecDax stürzten Sartorius zeitweise um über zwölf Prozent ab. Der Laborausrüster hat seine Jahresprognosen gesenkt. Zwar gehen Börsianer davon aus, dass die Probleme nur temporär und nicht strukturell sind, aber die Aktie sei relativ hoch bewertet Kasse.

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KONTEXT

Meilensteine des Dax

1. Juli 1988

Der Dax wird aus der Taufe gehoben. Basis der Berechnung ist der 30. Dezember 1987 mit einem Wert von 1.000 Punkten.

18. November 1996

Bei der Privatisierung der Deutschen Telekom wird die T-Aktie als Volksaktie vermarktet. Das Interesse der Öffentlichkeit am Dax nimmt dramatisch zu.

7. März 2000

Der Dax erreicht ein Rekordhoch von 8136,16 Punkten. Händler begründen die Euphorie mit Fusionsfieber. Ein geplanter Zusammenschluss der Deutschen mit der Dresdner Bank scheitert aber. Die Dresdner Bank geht an die Allianz, die sie im Mai 2009 an die Commerzbank weiterreicht. Auf dem Höhepunkt der Börseneuphorie wird die Chip-Tochter von Siemens, Infineon, zu einem Emissionspreis von 35 Euro an den Anleger gebracht. Die Platzierung ist 33-fach überzeichnet. Danach beginnt beim Dax eine langjährige Abwärtsbewegung, die von den Anschlägen in New York und Washington am 11. September 2001 verschärft wird.

12. März 2003

Der Dax rutscht unter 2200 Punkte und notiert damit so tief wie zuletzt im November 1995. Im Laufe des Jahres dreht er. Mit der Erholung der Weltwirtschaft in den Folgejahren wächst auch das Vertrauen in die Gewinnentwicklung der Unternehmen wieder.

13. Juli 2007

Mit 8.152 Zählern setzt der Dax einen neuen Meilenstein. Trotz erster Bankenpleiten und Notoperationen der EZB am Geldmarkt hält sich der Dax zu Beginn des Krisenjahres 2008 über 8000 Zählern. Doch ab dann geht es bergab. 2009 beschleunigt der Absturz des Immobilienfinanzierers Hypo Real Estate die Talfahrt des Dax.

9. März 2009

Die Krise der Banken hat Tribut gefordert: Mit 3588 Punkten erreicht der Dax zeitweise den niedrigsten Stand seit Oktober 2003. Doch es gibt Hoffnung. Denn nur wenige Tage später wirft die Fed die Notenpresse an. Von nun an geht es bergauf. Am 25. Oktober schafft der Dax zum ersten Mal in seiner Geschichte den Sprung über die Marke von 9000 Punkten.

5. Juni 2014

Erstmals in seiner Historie ist der Dax fünfstellig. Um 14:33 Uhr knackt der deutsche Leitindex die magische Marke und steigt bis auf 10.014 Punkte.

22. Januar 2015

EZB-Präsident Mario Draghi beschließt ein Anleihekaufprogramm im Stile der Federal Reserve. Die Zentralbank wird bis September 2016 Staats- und Unternehmensanleihen im Wert von 60 Millionen Euro aufkaufen. Insgesamt sollen so 1,14 Billionen in die Märkte gespült werden. Der Dax springt nach nervösen Pendelbewegungen auf ein Rekordhoch von 10.454 Punkten. In den folgenden Tagen hält die Hausse an, am 13. Februar springt der Dax das erste Mal über in seiner Geschichte über die 11.000-Punkte-Marke. Damit sollte die Rekordjagd aber gerade erst beginnen.

16.März 2015

Bereits wenige Wochen nach der Eroberung der 11.000-Punkte steht ein weiterer Meilenstein der Dax-Geschichte auf der Börsen-Agenda. Der Leitindex klettert zum ersten Mal über 12.000 Punkte. Weder der Konflikt in der Ostukraine noch der sich immer weiter zuspitzende Schuldenstreit scheinen die Börsenteilnehmer groß zu stören. Sie kaufen Aktien und befeuern die Hausse.

14. Juni 2017

In Erwartung einer positiven Zinsentscheidung der US-Notenbank knackt der Dax das erste Mal im Laufe seiner Geschichte die 12.900 Punkte und erreicht schließlich sein Allzeithoch von 12.921 Punkten. Schon in den Monaten zuvor hatte der Dax im Anschluss an den Erfolg des europafreundlichen Politikers Emmanuel Macron bei der Präsidentschaftswahl in Frankreich seinen Höchststand mehrfach verbessert.

20. Juni 2017

Einen Tag vor der Sommersonnenwende des Jahres 2017 treiben Dax-Anleger das deutsche Börsenbarometer erneut auf einen Rekord. Im Verlauf des Handelstages steigt der Dax auf 12.952 Punkte. Es sollte ein schwieriger Sommer folgen.