EZB sorgt für Erleichterung an der Börse

Nach der Entscheidung der EZB, den Leitzins unverändert zu belassen, hat sich der Dax schlagartig erholt. Auch die anderen Indizes rückten am Donnerstag vor.


Die Absage der Europäischen Zentralbank (EZB) an eine baldige Zinserhöhung versetzt Aktienanleger in Kauflaune und schickt den Euro auf Talfahrt. Die Gemeinschaftswährung verbilligte sich am Donnerstag um bis zu 1,5 Prozent auf 1,1617 Dollar und steuerte damit auf den größten Tagesverlust seit zwei Jahren zu.

Weil sich dadurch die Wettbewerbschancen heimischer Firmen auf dem Weltmarkt verbessern, erhielten Dax und EuroStoxx50 zusätzlichen Schub. Sie gewannen jeweils etwa eineinhalb Prozent auf 13.107 und 3.532 Punkte.

Der MDax der 50 mittelgroßen Börsentitel rückte um 1,20 Prozent auf 27.170 Punkte vor. Der Technologiewerte-Index TecDax stieg um 1,39 Prozent auf 2.943 Zähler auf den höchsten Stand seit Anfang 2001. Der SDax der kleinen Börsenwerte gab am Ende leicht nach. Er war zuvor jedoch zwei Tage in Folge auf ein Rekordhoch geklettert.



Die EZB halbiert das Volumen ihrer vor allem in Deutschland umstrittenen Anleihekäufe ab Oktober auf 15 Milliarden Euro monatlich und stellt sie zum Jahresende ein. „Notenbank-Chef Mario Draghi ist den Hardlinern innerhalb des EZB-Rates entgegengekommen“, urteilte Thomas Romig, Geschäftsführer des Vermögensverwalters Assenagon. Er habe sich aber auch die Option offen gehalten, die Konjunktur bei Bedarf mit zusätzlichen Geldspritzen zu stützen.

Draghi betonte außerdem, dass die Zinsen „über den Sommer 2019 hinweg“ auf dem aktuellen Niveau bleiben werden. „Er beugt damit Spekulationen auf eine baldige Zinserhöhung vor“, sagte Thomas Gitzel, Chef-Volkswirt der VP Bank. „Die Währungshüter wollen damit eine Aufwertung des Euro verhindern.“

Die EZB habe zudem deutlich gemacht, dass eine Zinserhöhung im Herbst 2019 keine ausgemachte Sache sei, betonte Jan Holthusen, Chef-Anleiheanalyst der DZ Bank. „Sie macht damit deutlich, dass sie es mit Zinserhöhungen auch weiterhin nicht eilig hat.“ Investoren griffen daraufhin wieder bei Staatsanleihen zu und drückten die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihen auf 0,423 von 0,476 Prozent.

In den USA hatte die Notenbank Fed am Mittwochabend den Leitzins erneut um einen Viertel Prozentpunkt auf 1,75 bis zwei Prozent angehoben und für 2018 zwei weitere Schritte signalisiert. Zuletzt gab es vor dem Höhepunkt der Weltfinanzkrise 2008 eine Zwei vor dem Komma.




Die Aussicht auf längerfristig niedrige Zinsen in Europa und damit schwindende Spekulationen auf höhere Einnahmen aus dem klassischen Kreditgeschäft machte den heimischen Finanzwerten zu schaffen. Der Index für die Banken der Euro-Zone verlor gegen den Trend 0,1 Prozent. Im Dax war die Commerzbank mit einem Kursminus von 1,9 Prozent das Schlusslicht. Deutsche Bank traten in dem starken Börsenumfeld nur auf der Stelle.

Karen Ward, Chef-Anlagestrategin der Vermögensverwaltung der Bank JPMorgan, warnte dagegen vor überzogenem Pessimismus. „Wenn niedrige Zinsen die Konjunktur stützen – nicht zuletzt durch einen niedrigeren Wechselkurs – hilft das der Kreditnachfrage.“

Profiteure des EZB-Entscheids waren dagegen Automobilwerte und Versorger, deren Aktien üblicherweise sensibel auf Zinsspekulationen reagieren. Die Indizes für diese beiden Sektoren gewannen jeweils etwa zwei Prozent. Derjenige für die Investitionsgüterbranche erreichte sogar ein Rekordhoch von 873,03 Punkten.

Die Aussicht auf eine weiter lockere Geldpolitik der EZB sorgte für Kursgewinne bei den Aktien von RWE und Eon. Versorger gelten angesichts einer vergleichsweise hohen Verschuldung und hoher Investitionen als besonders zinsabhängig, sie profitieren von niedrigen Zinsen. RWE stiegen um 3,24 Prozent, Eon um 3,36 Prozent.


Aktien von Airbus verteuerten sich um 4,37 Prozent. Der Flugzeughersteller hat am Donnerstag im Werk Hamburg-Finkenwerder eine vierte Produktionslinie für Flugzeuge der A320-Familie offiziell in Betrieb genommen. Auch der schwache Euro dürfte den Airbus-Kurs gestützt haben, sagte ein Händler.

Europaweit wurden Aktien gekauft: Der Eurozonen-Leitindex EuroStoxx 50 stieg um 1,37 Prozent auf 3527,11 Punkte. Der Pariser CAC-40 legte ähnlich stark zu, der Londoner FTSE 100 blieb dagegen mit einem Plus von 0,81 Prozent etwas zurück. Der New Yorker Leitindex Dow Jones Industrial trat zum europäischen Börsenschluss auf der Stelle. Denn in den USA stehen die Zeichen auf weitere baldige Zinserhöhungen.

Anleger haben am Donnerstag allerdings einen weiten Bogen um die Aktien des schwedischen Modehändlers H & M gemacht. Die Titel rauschten in der Spitze um fast sechs Prozent nach unten. Der Haupteigentümer und Vorsitzende Stefan Persson wies Spekulationen zurück, wonach die Persson-Familie eine Komplettübernahme des Unternehmens anstreben und die Firma anschließend von der Börse nehmen könnte. H & M-Aktien haben seit Jahresbeginn gut 15 Prozent verloren.

An der Londoner Börse honorierten die Anleger den Sparkurs des Triebwerkbauers Rolls-Royce. Der Konzern will 4600 Stellen vor allem in Großbritannien streichen und so bis 2020 umgerechnet rund 454 Millionen Euro einsparen. Die Aktien legten in der Spitze 4,2 Prozent zu. Nach oben ging es auch für GlaxoSmithKline (GSK), deren Aktien nach Studienfortschritten bei einem HIV-Medikament um 1,5 Prozent vorrückten.


Bergauf ging es kurz vor dem Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft für den russischen Rubel. Am Tag des Eröffnungsspiels Russland gegen Saudi-Arabien deckten sich Anleger mit der russischen Währung ein. Der Dollar schwächte sich im Gegenzug zeitweise um ein Prozent auf 61,97 Rubel ab. Der Euro verbilligte sich um ein halbes Prozent auf 73,26 Rubel.

Am Rentenmarkt stieg die Umlaufrendite von 0,29 Prozent am Vortag auf 0,32 Prozent. Der Rentenindex Rex fiel um 0,12 Prozent auf 140,28 Punkte. Der Bund-Future stieg um 0,61 Prozent auf 160,78 Punkte. Der Euro sackte nach den Aussagen der EZB kräftig ab und fiel weit unter 1,17 US-Dollar. Zuletzt wurde er zu 1,1630 Dollar gehandelt. Die EZB hatte den Referenzkurs zuvor auf 1,1767 Dollar (Mittwoch: 1,1764) US-Dollar festgesetzt. Der Dollar kostete damit 0,8525 (0,8501) Euro.

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