Datenleck bringt Facebook und Twitter in Bedrängnis

Juri Milner ist eine Investoren-Legende im Silicon Valley. Doch wie die „Paradise Papers“ zeigen, ermöglichte Kreml-Geld die Millionen-Investments in Facebook und Twitter. Für die Firmen kommt die Enthüllung zur Unzeit.


Jede Branche hat ihre Helden. Im Silicon Valley sind es die Investoren. Ihr Wort ist Gesetz. Sie entscheiden mit ihrem Risikokapital darüber, wessen Tech-Träume in Erfüllung gehen. Sie bestimmen mit, wer vom einfachen Programmierer zum Millionär aufsteigt, welche Innovationen als nächstes das Licht der Welt erblicken.

Juri Milner war so eine Legende. Der Reichtum des russischstämmigen Start-up-Schmieds, der im kalifornischen Los Altos lebt, erschien ebenso fabelhaft wie sein Erfolg. Welches Projekt Milner – bis vor Kurzem noch die Nummer 15 auf der „Forbes Midas List” der weltweit erfolgreichsten Investoren des Jahres 2017 – auch anfasste, es schien sich in Gold zu verwandeln.


Mehr als sieben Milliarden Dollar steckte der 55-Jährige über sein Firmen-Konsortium Digital Sky Technologies (DST) Global in 30 digitale Firmen und investierte auch privat. Zu den aussichtsreichen Tech-Beteiligungen gehörten Investments in Facebook, Twitter, den Wohnraum-Vermittler Airbnb, die Kommunikationsplattform Slack oder den chinesischen Uber-Konkurrenten Didi.

Nun scheint die Legende entzaubert. Wie die „Paradise Papers“ enthüllen, eine Recherchearbeit des Netzwerks investigativer Journalisten (ICIJ), zu dem auch die „Süddeutsche Zeitung“ gehört, halfen vom russischen Kreml kontrollierte Firmen dabei, den fabelhaften Erfolg des Geldgebers im Silicon Valley zu finanzieren.

Die zu Milners Imperium gehörige DST Investments 3 soll Geld von der russischen Bank VTB erhalten haben, um sich 2011 Anteile in Höhe von 191 Millionen Dollar an Twitter zu sichern, berichtet das ICIJ. Den Erwerb von Anteilen in Höhe von 78 Millionen Dollar am sozialen Netzwerk Facebook im Jahr 2009 habe Milner über die Offshore-Firma Kanton Services gesteuert, die vom russischen Staatskonzern Gazprom mitfinanziert worden sei.


Zwischenzeitlich hielt die DST fünf Prozent an Twitter und mehr als acht Prozent der Anteile an Facebook. Zwar gibt es laut ICIJ bislang keine Hinweise darauf, dass die russischen Geldgeber direkt auf ihre Investments einwirkten. Die Beteiligung an Milners DST Global hätte allein kommerzielle Gründe, erklärten Gazprom und VTB, die wegen der russischen Ukraine-Politik unter US-Sanktionen stehen.

Investor Milner betonte gegenüber der „New York Times“, die Geldflüsse seien nur „ein kommerzielles Arrangement“. Er erwirtschafte Geld für seine Geschäftspartner und gebe es an diese zurück. VTB habe nur sporadisch Informationen über den Erfolg seines Twitter-Investments erhalten. Den Firmen, in die er über die DST-Firmen investierte, will der Investor seine russischen Teilhaber angeblich verschwiegen haben.

Für Facebook-Gründer Mark Zuckerberg und Twitter-Chef Jack Dorsey kommen die Enthüllungen zur Unzeit.


Mangelhafte Kontrollen in den Tech-Konzernen

Erst vergangene Woche mussten sich die Firmen wegen der russischen Einflussnahme auf die amerikanische Präsidentschaftswahl über ihre Plattformen vor einem Untersuchungsausschuss in Washington verantworten – und wieder einmal einräumen, dass sie die Problematik unterschätzt haben.

Facebooks oberster Anwalt Colin Stretch erklärte, russische Wahlpropaganda habe 2016 noch mehr Bürger erreicht als gedacht, „um 150 Millionen“, wenn man die Plattform Instagram miteinrechnet. Die Firma Internet Research Agency aus St. Petersburg soll bei Facebook 46.000 Dollar für rund 3000 Anzeigen und 80.000 Beiträge ausgegeben haben. Facebook habe die Signale verpasst und fokussiere sich jetzt, versprach er.


Zur Causa Milner erklärte das soziale Netzwerk, DST Global sei stets nur ein passiver Investor ohne Stimmrechte gewesen. Der Investor habe seine Anteile beim Börsengang des sozialen Netzwerks 2012 abgestoßen. Die Twitter-Aktien hat Milner inzwischen offenbar ebenso veräußert.

Die russischen Verwicklungen ihres langjährigen Investors Milner dürften den Druck auf Facebook und Co. erhöhen. Sie unterstreichen einen offensichtlichen Mangel an Kontrolle des Managements darüber, wer im Unternehmen eigentlich die Strippen zieht. In Washington verlieren inzwischen selbst technologiefreundliche Politiker wie die demokratische Senatorin Dianne Feinstein aus Kalifornien die Geduld.

Die Enthüllungen der „Paradise Papers“ dürften die Stimmung gegen die Netzwerke weiter verschlechtern. Die Anhörung vergangene Woche könnte damit nur der Auftakt für einen künftigen strengeren Umgang der Politik mit dem Silicon Valley gewesen sein.