Datendeal statt Datenklau – Warum wir Facebook dankbar sein sollten


Man sollte Facebook dankbar sein. Selten wurde so viel über Datenschutz diskutiert wie im Moment. Nach der anfänglichen Euphorie über die demokratisierende Wirkung von Sozialen Medien, herrscht nun Katerstimmung.

Wer erinnert sich nach sieben Jahren Krieg noch daran, dass der arabische Frühling damals von Twitter und Facebook eingeläutet wurde? Die Trümmer in Syrien und der digitale Großmogul Mark Zuckerberg, der sich vor dem Kongress rechtfertigen musste, entstammen derselben Büchse der Pandora.

Manche Menschen erwägen ernsthaft, sich wieder in die altbekannte analoge Welt zurückzuziehen. Andere schauen wie Goethes Zauberlehrling entgeistert auf die stetig wachsende Datenflut, die zu Manipulation und Überwachung geradezu einlädt: Die Geister, die wir riefen, wie werden wir sie los?


Die aktuelle Diskussion kreist jedoch meist um die falsche Frage. Die meisten Experten reduzieren sich auf Tipps für Verbraucher, nach dem Motto: Selbst schuld, wer da mitmacht. Doch so wenig eine Frau im Minirock schuld ist, wenn sie vergewaltigt wird, so wenig sind Facebook-Nutzer verantwortlich dafür, dass möglicherweise der amerikanische Wahlkampf manipuliert wurde. Solches „Victim Blaming“ geht am Kern des Problems vollkommen vorbei. Denn selbst wer soziale Medien gar nicht nutzt, ist nicht in Sicherheit.

Die Spuren, die unsereins im Internet hinterlässt, gehen weit über das Zuckerberg-Imperium hinaus: Wem habe ich wann eine Mail geschickt? Mit wem wie lange telefoniert? Wie oft von wo an wen eine SMS geschickt? Und selbst wenn ich all das nicht tue: GPS-Koordinaten an Smartphone-Fotos, algorithmische Erkennung von Gesichtern, Videoaufzeichnungen an Geldautomaten oder Verkehrsknotenpunkten, Daten in Supermarktkassen, Versicherungen, Behörden.

Wenn man all unsere „Spuren im Netz“ verknüpft und auswertet, lassen sich weitreichende Erkenntnisse über unser Privatleben gewinnen – ganz ohne monopolistische „Datenkrake“ und ganz ohne kriminelle Energie. Da muss nichts „gehackt“ werden.

Allerorten sind die Zutaten, verharmlosend als „Metadaten“ bezeichnet, für das digitale Frankenstein-Labor verfügbar: Wer ein eindeutiges Schlüsselkriterium auswertet, das eine Person identifiziert, kann personenbezogene Daten aus mehreren Quellen zusammensetzen. Es entsteht ein „digitaler Zwilling“.

Genau das gibt Cambridge Analytica vor, getan zu haben. Auf Facebook wurde „nur“ die individuell optimierte Werbung ausgespielt; die personenbezogenen Daten dahinter kamen aus Dutzenden verschiedenen Quellen.

Unverhohlen zeigte Alexander Nix, der CEO von Cambridge Analytica, schon 2016 die Viefalt seiner Big-Data-Quellen bei einem Vortrag. Das mag Prahlerei sein, wie mancher Experte munkelt. Aber machbar ist solche Auswertung von „Big Data“ natürlich schon – und wenn nicht jetzt, dann eben bald.

Der Knackpunkt: Heutige künstliche Intelligenzen gehen nicht mehr nach vom Programmierer vorgegebenen Regeln vor (wenn Zustand A, dann Reaktion B) sondern erkennen selbsttätig Muster und Zusammenhänge in gigantischen Datenmengen. Die Rechenkapazität, die der Menschheit zur Verfügung steht, verdoppelt sich derweil etwa alle zwei Jahre.

Anders gesagt: die Preise fallen. Damit ergeben sich heute bereits Auswertungsmöglichkeiten, an die vor vier Jahren nicht zu denken war. Und wer weiß, was in weiteren acht Jahren möglich sein wird?


Statt uns jetzt wechselseitig mit Utopien und Dystopien Schauder des Glücks oder der Angst über den Rücken zu jagen, sollten wir den Risiken und Chancen dieser digitalen Möglichkeiten rational ins Auge blicken: Auf der einen Seite können wir aus solchen Kombinatorik-Analysen nützliche Potenziale schöpfen, etwa um Grippewellen vorherzusagen und Impfstoffe bereitzustellen oder den öffentlichen Nahverkehr zu verbessern.

Auf der anderen Seite müssen wir schädliche Auswirkungen eindämmen, nämlich psychologische Wahlmanipulation oder unsoziale und rassistische Effekte bei der Krankenversicherung frühzeitig durch geeignete Regulierung unmöglich machen. Es geht dabei nicht um die amerikanischen Tech-Giganten mit den plakativen Aktienkursen, sondern auch um die zahlreichen anonymen Datensammler, die sich im global-digitalen Ökosystem tummeln.

Es geht nicht mehr ums Ob, sondern ums Wie! Die zentrale Herausforderung der Gegenwart lautet: Wie können wir die Anbieter von Plattformen und Analysen an ethisch-moralische Standards binden, und zwar effektiv, trotz galoppierender technischer Entwicklung?


Was in falsche Hände gerät, bekommen wir nicht zurück



In Zeiten des Kalten Krieges stand die Welt direkt am Abgrund. Alle Welt wusste, dass ein Knopfdruck das Höllenfeuer eines Atomkrieges starten könnte. Doch statt wie das Kaninchen vor der Schlange angsterfüllt zu versteinern ist es der Weltgemeinschaft in jahrelangen diplomatischen, politischen und völkerrechtlichen Verhandlungen gelungen, einen Atomwaffensperrvertrag abzuschließen, ein weltweites Verbot von Chemiewaffen und die Ächtung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu vereinbaren. Das verhindert nicht einzelne Verstöße, aber erspart uns die Apokalypse.

Jetzt wird es wieder einige Anstrengungen kosten, die martialischen Fähigkeiten zur Selbstzerstörung einer vernünftigen Selbstbeschränkung zu unterwerfen und das Vertrauen der Menschheit in sich selbst zurückzugewinnen. Vor uns liegen zähe, aber notwendige Debatten.

Die Zuckerberg-Befragung im US-Kongress hat gezeigt, wie schwer es ist, sich über die derart fortgeschrittenen, sich ständig erweiternden Möglichkeiten der Technik überhaupt nur zu verständigen, ganz zu schweigen davon, wie man sie praktisch regulieren könnte. Die digitale Bohéme lacht über das Unverständnis der Senatoren: Ein 33-jähriger Nerd lässt sie alle alt aussehen.

Aber umgekehrt scheint die Welt noch nicht verstanden zu haben, um welche gesellschaftliche Verantwortung es gerade geht. Nicht um die Verantwortung einzelner User, nicht um die Verantwortung einzelner Unternehmer, sondern um ein Weltwirtschaftssystem, das auf Daten, aber zuvörderst auf Vertrauen basiert. Wenn digitale, frei kopierbare Informationen in die falschen Hände geraten, bekommen wir sie nicht zurück.


Einen ersten vielversprechenden Ansatz präsentiert ausgerechnet die oft als hinterwäldlerisch verpöhnte EU mit ihrer Datenschutzgrundverordnung (DSGVO), deren Nichtbefolgung ab Mai 2018 zu drakonischen Strafen führen kann. Aus „Opt-In“ wird „Opt-Out“.

Die bisherige Datennutzungslogik wird quasi umgekehrt: Nutzer müssen der Erhebung ihrer Daten nicht erst widersprechen – sie müssen vorab um Erlaubnis gefragt werden. Personenbezogene Daten dürfen erst nach ausdrücklicher Zustimmung erfasst werden.

Doch dringend erforderlich ist jetzt auch eine Regulierung über die aktuelle Datensituation hinaus. Zwischen der Erfassung persönlicher Daten und ihrer Verwendung können Jahre liegen. Ein Einverständnis, das ich 2018 gebe, darf nicht für beliebige Datenanalysen im Jahr 2020 gelten.

So wie sich heute durch moderne gentechnische Analysen unerwartet Verbrechen aus früheren Jahrhunderten aufklären lassen, könnten sich morgen irgendwann aus den Daten von heute neue Geschäftsmodelle, neue Überwachungsmethoden, neue Was-auch-immer entwickeln lassen.

„Es wird immer eine kostenlose Version von Facebook geben“, behauptet Zuckerberg gönnerhaft, als sei unser größtes Problem, den sozial Schwachen den Abo-Preis für eine werbefreie Facebook-Version zu ersparen. Geradezu schamlos wird hier ein falsches Tauschgeschäft vorgegaukelt. Es wedelt der Eroberer der neuen Digital-Welt mit glitzernden Glaskugeln, um den analogen Ureinwohnern ihre wertvollen Daten abzuluchsen.

Denn es geht nicht mehr um bunte Werbung, es geht um individualisierte Produkte, Dienstleistungen, Verträge, Rechte und Pflichten. Es geht um gesellschaftliche Teilhabe in jeder Form. Das eigentliche Geschäftsmodell des Digitalzeitalters sind längst Big-Data-Auswertungen: Daten sind das neue Gold!

Deswegen sollten wir schnellstmöglich sicherstellen, dass die Daten auch künftig denen gehören, die sie hergeben, und nicht denen, die sie archivieren. Wir müssen dafür sorgen, dass die „Datengeber“ an späteren „Profiten“ – sei es monetärer oder sozialer Art – angemessen beteiligt werden. Wir brauchen Verträge, die festschreiben, dass diejenigen, die ihre Daten preisgeben, bei künftiger Nutzung ihr Einverständnis geben müssen.

Und wir müssen definieren, was die ethischen Grenzen individualisierter Angebote sind, so wie es heute – bei aller wirtschaftsliberaler Vertragsfreiheit – Kartellbehörden, Arbeitsrechtler und Aufsichtsbehörden gibt. Wir brauchen keine Sonntagsreden über flächendeckendes W-Lan in der bayerischen Heimat, sondern ein Digitalministerium, das genau solche Regularien möglichst schnell europaweit in die Diskussion bringt!

Der Autor

Jochen Adler ist Manager Solution Business beim kanadischen Software-Unternehmen OpenText. Adler befasst sich seit den 1990ern damit, wie aus losen Informationen richtungsweisende Erkenntnisse werden, wie sich Kunden- und Konsumentenerwartungen wandeln, wie Digitaltechnologie unser Leben zum Besseren verändert.