Das Dollar-Drama: Wie der starke Euro zur Belastung wird

Nils Jacobsen
Wirtschaftsjournalist und Techblogger
Was macht der Dollar? Der Markt blickt gespannt auf Fed-Chefin Janet Yellen (Foto: AP Photo/Pablo Martinez Monsivais)


Es ist das vielleicht bemerkenswerteste Comeback Jahres: Der Euro steigt und steigt – weil der Dollar fällt und fällt. Satte 12 Prozent hat die europäische Gemeinschaftswährung gegenüber dem Greenback seit Januar zugelegt. Die Dollar-Schwäche verändert die Spielregeln auf den globalen Finanzmärkten fundamental – was Anleger wissen müssen.

Der Test der Parität schien eine ausgemachte Sache zu sein. „Wir erwarten einen starken Dollar“, erklärt Goldman Sachs Chef-Ökonom Jan Hatzius Ende Januar noch gegenüber dem Finanzinformationsdienst Bloomberg. Der Grund: Die größer werdenden Zinsdifferenzen.

Tatsächlich hat die amerikanische Notenbank den Leitzins erst im Juni um einen Viertelpunkt auf die neue Spanne von 1,0 bis 1,25 Prozent angehoben – und eine weitere Anhebung noch in diesem Jahr hat die Fed in Aussicht gestellt. In der Eurozone verharrt der Leitzins seit dem Frühjahr 2016 auf dem historischen Niedrigzinssatz von null Prozent.

Euro gewinnt gegenüber Dollar 14 Cent in sieben Monaten 

Allein: An den Währungsmärkten haben die steigenden Zinsdifferenzen überhaupt keinen Einfluss. Im Gegenteil: Der Dollar-Trade, der in den vergangenen zwei Jahren in Erwartung steigender Zinsen in den USA den Greenback deutlich aufwertete, wird im Eiltempo rückabgewickelt.

Startete der Euro noch bei 1,05 Dollar ins Jahr, wurden im August bereits Notierungen von 1,19 Dollar am Devisenmarkt ausgemacht – dem höchsten Kurs seit zweieinhalb Jahren.  Nach einem kleinen Rücksetzer liegt die europäische Gemeinschaftswährung bei aktuell 1,18 gegenüber dem Startniveau zu Jahresbeginn um satte 12 Prozent im Plus. Oder andersherum betrachtet: Der Dollar erlebte mit seinem Kurssturz bislang den schlechtesten Jahresstart seit 1985!

Ausbruch aus mehrjähriger Handelsspanne

Von einer Bewegung in Richtung der von Goldman Sachs für Ende des Jahres prognostizierten Parität – die Deutsche Bank hielt gar Notierungen von 0,85 Dollar je Euro für möglich –,   ist am Devisenmarkt also absolut keine Spur zu erkennen.

Im Gegenteil: Nach dem Ausbruch aus der mehrjährigen Handelsspanne zwischen 1,05 und 1,15 Dollar überbieten sich Charttechniker und Analysten mittel- und langfristig mit optimistischen Prognosen für die europäische Gemeinschaftswährung.

Politische Entspannung beflügelt

Allein: Woher kommt die neue Eurostärke? Zunächst einmal beflügelt der politische Rückenwind. Nach dem Brexit und der überraschenden Wahl von Donald Trump zum neuen US-Präsidenten befürchteten Euro-Skeptiker durch das Aufkommen des Rechtspopulismus ein schwarzes Jahr für die Eurozone, zumal die französische Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen offen für einen  Austritt aus der Eurozone warb („Frexit“).

Der Ausgang der Präsidentschaftswahl im Mai ist bekannt: Mit Emmanuel Macron (En Marche) wird Frankreich von einem Pro-Europäer im Geiste von Helmut Kohl regiert. Die Achse zwischen Paris und Berlin ist stabiler denn je – und damit auch die Eurozone. Seitdem haussiert der Euro.

Eurozone auf Comebackkurs

Zudem befindet sich die europäische Wirtschaft nach Jahren in der Krise wieder auf Wachstumskurs. Das Bruttoinlandsprodukt legte im ersten Quartal um 0,5 Prozent zu, im zweiten Quartal zog die Konjunktur sogar um 0,6 Prozent an. Auf Jahressicht stehen die Zeichen damit auf ein Wachstum von  2 Prozent – so viell wie seit der Finanzkrise nicht mehr.

Damit könnte die europäische Wirtschaft erstmals in dieser Dekade das Wachstum der US-Konjunktur überflügeln, die ebenfalls auf Kurs eines Wachstums von guten zwei Prozent liegt, das von Donald Trump mit immer neuen Tweets ausgiebig gefeiert wird. Dem neuen US-Präsidenten ist dabei eine Abwertung des Greenbacks nur allzu recht. Seit dem Wahlkampf wettert Trump gegen die zu hohe Bewertung des Dollars, der den Export amerikanischer Güter erschwere.

Eurostärke ist Dollarschwäche geschuldet

Die Botschaft kam mit der Verspätung vom einigen Monaten an den Devisenmärkten an: Anders als von Analysten erwartet, setzte der Dollar zur großen Abwertung an, die nach inzwischen fast überwältigendem Marktkonsens kaum zu Ende ist – die Eurostärke ist also zumindest zur Hälfte der Dollarschwäche geschuldet.

Und die verändert die Spielregeln der Weltwirtschaft in diesen Wochen fundamental. Regelrecht tektonische Verschiebungen zeichnen sich durch die Dollarschwäche ab: Die Rohstoffmärkte ziehen an, die Schwellenländer legen zu, der Dax hat dagegen zu kämpfen.

Rohstoffmärkte und Schwellenländer haussieren…

Die gegenseitigen Abhängigkeiten sind schnell erklärt: Fällt die US-Währung, steigt der Warenwert der fast ausschließlich in Dollar gehandelten Rohstoffe. Es gilt seit jeher die Faustregel: Fällt der Dollar, steigt der Goldpreis. Ähnlich verhält es sich in den Schwellenländern, deren Stärke und Schwäche oft genug vom Rohstoffexport abhängt und deren Währung zudem oft eng an den Dollar gekoppelt sind – je schwächer der Greenback, desto besser für den Export.

Genau diametral verhält es sich nun in der Eurozone: Je teurer der Euro, desto schlechter für den Export. Am Beispiel deutscher Autobauer: Ein Sportwagen, der zu Jahresbeginn noch 30.000 Euro kostet, kommt nun nach zwölfprozentiger Aufwertung plötzlich auf dem US-Markt an, als würde er 33.600 Euro kosten – entsprechend sinken die Absatzmöglichkeiten. Es ist keine Überraschung, dass die Automobilkonzerne die Schlusslichter im Dax bilden und der deutsche Eliteindex mit jedem Cent der Euro-Verteuerung leidet.

…Dax und US-Aktien in Euro leiden 

Entsprechend dürfte der rasante Euro-Boom von der EZB beäugt werden: „Die Wahrheit ist, dass die EZB sich gewiss mehr Sorgen macht, als der Markt das bislang vermutet hat“, erklärte Marktanalyst Simon Derrick vergangene Woche.

Auch Besitzer von US-Aktien schauen zudem in die Röhre: Um kein Geld durch die Euro-Aufwertung zu verlieren, müssen amerikanische Aktien seit Jahresbeginn mindestens um 12 Prozent zugelegt haben. So hat sich etwa für deutsche Aktionäre von Procter & Gamble, Coca-Cola und Pfizer ein Kursplus an der Wall Street in ein Euro-Minus im heimischen Depot verwandelt.

Euro-Aufwertung erst am Anfang?

Die Zeitenwende an den Devisenmärkten musste inzwischen sogar die Deutsche Bank anerkennen – unter der Überschrift „Alles ändert sich bei unserer Sicht auf den Euro“ vollzogen die Frankfurter im Juli eine 180-Grad-Wende und schwenkten als so ziemlich letzte große Bank in das inzwischen übervolle Lager der Euro-Bullen ein.

Wie viel Aufwärtspotenzial die europäische Gemeinschaftswährung nach dem Ausbruch nach oben nun besitzt, ist unter Devisenexperten umstritten. „Der Euro dürfte gegenüber dem Dollar vielleicht noch ein wenig steigen, doch bald dürfte das Ende der Fahnenstange erreicht sein“, glaubt etwa Ulrich Leuchtmann, Devisenanalyst der Commerzbank.

Am Ende dürfte über das Potenzial des Euros maßgeblich am anderen Ende des Atlantiks entschieden werden – durch die Schwäche oder Stabilisierung des Dollars. So hat sich seit den Zeiten von André Kostolany nichts geändert: „…und was macht der Dollar?“, lautet eines der bekanntesten Bücher der ungarischen Börsenlegende, das tief im 20. Jahrhundert veröffentlicht wurde. Auch einige Jahrzehnte später hat einer der Grundparameter der Weltwirtschaft weiter Bestand.