Darum wurde Bertoluccis "Der letzte Tango in Paris" zum Skandal

Victoria Timm
Freie Autorin für Yahoo Kino
“Der letzte Tango in Paris” wurde zum Hit, Klassiker und Skandal. (Bild: Granger/REX/Shutterstock)

1972 wurde Bernardo Bertoluccis Film “Der letzte Tango in Paris” berühmt, schließlich zum Klassiker – und das trotz (oder gerade wegen) des Skandals, der ihn umgibt.

Regisseur Bernardo Bertolucci ist im Alter von 77 Jahren in seinem Haus in Rom gestorben. Bis zuletzt war er mit Vorwürfen rund um einen seiner bekanntesten Filme, “Der letzte Tango in Paris”, konfrontiert gewesen. Das Erotikdrama des zweifachen Oscarpreisträgers hatte 1972 hohe Wellen geschlagen.

Skandalfilm zwischen Verbot und Erfolg

Der Film hatte ein altersmäßig sehr unterschiedliches Paar gezeigt, das sich in einer nahezu leeren Wohnung traf, um zu reden und Sex zu haben, auch eine Vergewaltigung wurde gezeigt. Die beiden Hauptdarsteller: Marlon Brando als 48-jähriger Amerikaner und Maria Schneider als 19-jährige Französin.

Regisseur Bernardo Bertolucci (l.) am Set mit Marlon Brando und Maria Schneider. (Bild: Getty Images)

Vor allem die beiden Darsteller brachten dem Film mehrere Oscarnominierungen und Filmpreise ein, er wurde unter anderem 1974 mit der Goldenen Leinwand ausgezeichnet. Dennoch galt der Streifen damals bereits als Skandalfilm, in einigen Ländern durfte er nicht gezeigt werden. Regisseur Bertolucci und Brando wurden gar wegen “Obszönität” zu Bewährungsstrafen verurteilt. Bis heute gilt der Film als anstößig. Auch das trug mit Sicherheit dazu bei, dass “Der letzte Tango in Paris” zum Klassiker wurde.

“Butter-Szene” als Ursache für Hass

Vor allem eine Szene strotzt vor Skandal-Potenzial. Darin wird eine Vergewaltigung gezeigt, die als die “Butter-Szene” bekannt wurde: Brando verlangt nach Butter, Schneider bringt sie ihm und Brando nutzt diese als Gleitmittel, um Schneider anal zu vergewaltigen. Das doppelt Skandalöse dabei: Die schockierenden Bilder waren unabgesprochen. Die Vergewaltigung war demnach gespielt, aber das Emotionale in der Szene absolut echt.

In dem Film zeigt sich Maria Schneider freizügig, doch in der “Butter-Szene” gingen Marlon Brando und Bernardo Bertolucci zu weit. (Bild: Pea/Kobal/REX/Shutterstock)

Bereits nach den Dreharbeiten hatte Schneider Bertolucci und Brando vorgeworfen, ihr diese Szene aufgezwungen zu haben. “Sie sagten es mir erst kurz bevor wir die Szene filmten. Ich war so wütend. Ich hätte meinen Agenten anrufen sollen oder meinen Anwalt, weil man niemanden dazu zwingen kann, etwas zu tun, das nicht im Drehbuch steht. Aber damals wusste ich das nicht”, erzählte Schneider Jahre später, 2007, der “DailyMail”.

“Während der Szene habe ich echte Tränen geweint, obwohl ich wusste, dass das, was Marlon tat, nicht echt war. Ich habe mich erniedrigt und, um ehrlich zu sein, auch ein klein wenig vergewaltigt gefühlt”, erinnerte sich Schneider weiter. Sie starb 2011 im Alter von 58 Jahren.

Bertoluccis Einsicht kam zu spät

Erst Jahrzehnte nach den Dreharbeiten sprach auch Regisseur Bertolucci darüber. “Ich behandelte Maria insofern schrecklich, dass ich ihr nicht sagte, was geplant ist. Ich wollte ihre Reaktion als Mädchen, nicht als Schauspielerin. Ich wollte, dass sie die Erniedrigung fühlt. Ich denke, dafür hat sie mich und Marlon ihr Leben lang gehasst”, erklärte er 2013 in einem Videointerview. Die brisante Aussage war im eigentlichen Wortsinn ein Geständnis, denn Bertolucci erzählte sie als Teil der Erklärung, warum Schneider ihn nach 1976 mied. Marlon Brando und er selbst hätten die junge Frau damals schlichtweg manipuliert, berichtete er, und ihr psychische Gewalt angetan: “Ich fühle mich deshalb schuldig.”

Die Idee zur sogenannten “Butter-Szene” sei ihm und Brando damals beim Frühstück kurz vor den Dreharbeiten gekommen. Das Interview tauchte 2016 plötzlich wieder auf und schlug erneut Wellen – vor allem in Hollywood. Schauspielerin Jessica Chastain wurde angesichts der schockierenden “Butter-Szene” schlecht.


“An alle Leute, die diesen Film lieben – ihr seht euch an, wie eine 19-Jährige von einem 48 Jahre alten Mann vergewaltigt wird. Der Regisseur hat diese Attacke geplant. Mir wird schlecht.”

Kollegin Evan Rachel Wood sah es ebenso und bezeichnete die Macher der Szene als “kranke Leute”. Schockiert zeigte sich auch Schauspieler Chris Evans, der den Film nun mit ganz anderen Augen sehe.


“Das bricht mir das Herz und ist abscheulich. Die zwei waren wirklich kranke Leute, zu denken, dass das richtig war.”


“Wow, ich werde mir nie wieder auf dieselbe Weise diesen Film oder Bertolucci oder Brando ansehen können. Das ist mehr als ekelerregend. Ich bin wütend.”

Damit lässt dieser Film auch mehr als 40 Jahre später noch Gemüter hochkochen. Eine Entschuldigung gegenüber Maria Schneider seitens Marlon Brandos und Bernardo Bertoluccis soll es nie gegeben haben.

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