Daimler zieht die Notbremse

Der deutsche Autobauer Daimler ruft über drei Millionen Dieselfahrzeuge in Europa in die Werkstätten zurück. Der Grund: Sie sollen umgerüstet werden, um den Ausstoß schädlicher Stickoxide zu verringern.


Erst kommt der Verdacht, dann die Ermittlungen und nun die Reaktion: Daimler zieht die Konsequenzen aus den jüngsten Vorwürfen in der Abgasaffäre. Am frühen Dienstagabend gab der Konzern bekannt, weitere drei Millionen Diesel in einer „freiwilligen Serviceaktion“ umzurüsten. Daimler leiste damit einen „wesentlichen Beitrag, um die Stickoxidbelastungen durch Diesel-Fahrzeug in europäischen Innenstädten zu reduzieren“, teilte der Autobauer mit. Die Kosten beziffert das Unternehmen auf 220 Millionen Euro, die voll vom Unternehmen getragen werden sollen.

Die Stuttgarter stehen seit Monaten unter Verdacht, dass auch ihre Dieselmodelle deutlich mehr Stickoxide ausstoßen als bislang vermutet. Neben dem US-Justizministerium ermittelt seit diesem Jahr auch die Staatsanwaltschaft Stuttgart wegen des Verdachts auf Betrug, den der Konzern vehement bestreitet. Erst in der vergangenen Woche sickerte durch, dass die Ermittler mehr als eine Millionen manipulierte Motoren bei Mercedes vermuten. Daimler weist den Vorwurf zurück und verweist darauf, dass alle Autos in der Vergangenheit eine legale Zulassung erhalten hätten.

Dennoch rudert man in Stuttgart seit Monaten zurück. Bereits im vergangenen Jahr hatte Daimler 270.000 fragwürdige Motoren zurückgeholt, die bei Nachmessungen des Kraftfahrtbundesamt mehr Stickoxide ausstießen, als gesetzlich erlaubt. Die Autos erhalten eine neue Software, die für niedrigere Stickoxidemissionen sorgen sollen. Doch Messungen auch unabhängiger Institute legten nahe, dass weit mehr Daimler-Modelle betroffen sein könnten als die Motoren der Kompaktklasse. Das räumt Daimler mit seiner „freiwilligen Serviceaktion“ nun indirekt ein.


Die Umsetzung der Nachbesserung wird sich bis weit in das kommende Jahr ziehen. Schneller geht es nicht. Denn die Ingenieure müssen zunächst die Stellschrauben in der Software für die Motorensteuerung finden, mit denen sich die Stickstoffoxide reduzieren lassen. Fast jedes Dieselmodell der Schwaben ist von dem Rückruf betroffen – und mit den verschiedenen Motorenstärken sowie Automatik- und Schaltgetriebe eingerechnet, müssen die Techniker Dutzende verschiedene Software-Updates entwickeln.

Möglich werden soll die Reduktion der Schadstoffemission indem die sogenannten Thermofenster angepasst werden. Bislang schaltet sich die Abgasreinigung ab, wenn bestimmte Außentemperaturen über- oder unterschritten werden. Nach dem Software-Update soll sich die Abgasreinigung nicht mehr so schnell ausschalten.

Von dem Rückruf ausgeklammert sind lediglich die Fahrzeuge mit der modernsten Motorengenerationen OM 654. Diese werden laut Zetsche auch zukünftige Emissionstandards erfüllen können. Der Ausstoß der giftigen Stickstoffoxide soll auf das Niveau von Benzinern fallen.

Daimler steht wie andere Autohersteller unter Druck, da Dieselmodelle im Straßenverkehr deutlich mehr Stickoxide ausstoßen als ausgewiesen. Am 2. August wollen die Unternehmen mit Verkehrsminister Dobrindt einen Aktionsplan beschließen, mit dem die Fahrzeuge nachgebessert werden können. Bis dahin haben die Schwaben nicht warten wollen. Nach intensiven Gespräche beschloss der Vorstand um Zetsche, zügig und umfangreich mit einem eigenen Programm loslegen zu wollen.