Daimler und VW fordern Uber heraus


In New York oder London gehören sie schon fest zum Straßenbild: Dunkle Vans mit Schiebetür, per App bestellt und gefüllt mit Touristen und Geschäftsleuten, die sich die Fahrt in der U-Bahn ersparen wollen. Ein praktischer Service, organisiert von schnell wachsenden Unternehmen wie Uber, Lyft oder Via. Was Taxifahrer ärgert, wird von immer mehr Kunden geschätzt.

In Deutschland tun sich diese Dienste noch schwer. Der öffentliche Nahverkehr funktioniert noch weitgehend und die Taxigilde ist gut geschützt. Dennoch wollen Volkswagen und Daimler das Geschäft mit den Sammelfahrten auch hierzulande etablieren. Nachdem die VW Tochter Moia in Hamburg ihr Konzept vorgestellt hat, präsentierte Daimler mit den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) am Mittwoch seine Pläne in Berlin. Der Tag scheint geschickt gewählt, während Uber für sein Geschäftsmodell gerade vom Europäischen Gerichtshof einhegt wird, zeigen die Deutschen legale Alternativen auf.

Ab dem Frühjahr werden zunächst 50 Mercedes-Sammeltaxis auf Bestellung zwischen Kreuzberg und Prenzlauer Berg auf die Straße gehen. Zum Einsatz kommen Vans der Modelle Vito und V-Klasse sowie die kleinere B-Klassen mit Sitzen im BVG-Design. Die Fahrgäste werden per App gesammelt, ein Algorithmus berechnet die Route, die Fahrten starten und enden an regulären Bushaltestellen oder an so genannten virtuellen Haltepunkten wie Verkehrskreuzungen. Die Fahrgäste teilen sich die Fahrt mit anderen, der Algorithmus steuert Zustiege und Routen.


Daimler hat für das Angebot ein Joint Venture dem US-Dienst „Via“ gegründet. Die Stuttgarter stellen die Autos, Via die Technologie. Abgerechnet wird über die App, der Preis besteht aus einem Grundtarif und einem entfernungsbasierten Zuschlag.

„Das Angebot liegt preislich zwischen einem Bus und einem Taxi“, erklärt Volker Mornhinweg, Leiter von Mercedes-Benz Vans dem Handelsblatt. „Eine Ausweitung auf weitere Stadteile in Berlin ist geplant“. Dass die Stuttgarter auf die Algorithmen von Via zugreifen können, sieht er als Vorteil. Der Daimler-Partner hat viel Erfahrung damit, wie man Wartezeiten, Umwege oder Abrechnungspannen vermeidet. Berlin will Daimler auf jeden Fall als Sprungbrett nutzen. „Wir sind mit mehreren Städten im Gespräch, in London warten wir nur noch auf die finale Genehmigung“, sagt Mornhinweg.

Der Konzern fährt mit seinen Mobilitätsdiensten damit zweigleisig. Vor wenigen Wochen hatte die Daimler-Tochter Moovel in Stuttgart in Kooperation mit dem örtlichen ÖPNV-Anbieter SBB den Dienst „Flexpilot“ gestartet, der auf die hauseigene Moovel-Technologie, und nicht auf Via zurückgreift, aber ein exakt gleiches Geschäftsmodell verfolgt.

Auch hier sollen Kleinbusse des Konzerns flexible Mitfahrten garantieren. Derzeit wird noch getestet. Anfang 2018 soll der Dienst starten. „Ride-Sharing“, wie diese Angebote Neudeutsch heißen, sollen ein profitables Geschäftsmodell des Autobauers werden. Zudem sichert sich Daimler einen guten Absatzkanal für seine Vans.


Das Potential hat auch der VW-Konzern erkannt, der gemeinsam mit der Hamburger Hochbahn im kommenden Jahr ein ähnliches Projekt plant. Die Wolfsburger wollen mit ihrer Mobilitätstochter „Moia“ im kommenden Jahr einen „Shuttle-on Demand“- Service in der Hansestadt aufbauen. In einem ersten Schritt sollen 200 Kleinbusse voll elektrisch in Hamburg unterwegs sein und wie in Berlin das Angebot des öffentlichen Nahverkehrs ergänzen. Moia wolle „die Flexiblität des Privatwagens mit der Umweltfreundlichkeit des öffentlichen Nahverkehrs verbinden“, verspricht Robert Heinrich von Moia.

Daimler und Volkswagen wollen mit ihren Angeboten auch verhindern, dass große Mobilitätsplattformen wie Uber oder Lyft in Europa Fuß fassen und die Autohersteller zu Hardware-Lieferanten degradieren. Vor allem in Deutschland hat der Markt aber noch enge Grenzen: Hierzulande gilt das Personenbeförderungsgesetz, das jenseits vom öffentlichen Nahverkehr nur Taxen das Recht zur spontanen Personenbeförderung gewährt.

Um das Projekt in Berlin möglich zu machen, hat die BVG eine „Experimentierklausel“ im Rahmen des Gesetzes genutzt. Dass die Branche die Ausnahme zur Regel machen will, davon kann die nächste Bundesregierung ausgehen.