Daimler und Toyota wollen Google aus dem Auto der Zukunft heraushalten

Daimler und Toyota setzten auf Linux als Betriebssystem für den Bordcomputer im Auto – um die Abhängigkeit von der Datenkrake Google zu verringern.


In Japan wird an diesen Tag das Auto gegen Google verteidigt. Etwa 1000 Softwareingenieure aus aller Welt sind zum „Automotive Linux Summit“ nach Tokio gereist.

Von Mittwoch bis Freitag diskutieren sie die dort unter anderem die neuesten Entwicklungen des 127 Firmen großen Konsortiums „Automotive Grade Linux“ (AGL), das als Open-Source-Projekt ein industrieweites Betriebssystem für das vernetzte Auto entwickelt.

Die japanischen Autobauer Toyota, Honda und Nissan, Zulieferer wie Denso oder Panasonic sind darunter und neuerdings auch der Online-Riese Amazon. Doch einen deutschen Teilnehmer hoben die Veranstalter in Tokio ganz besonders hervor: Daimler wird AGL in diesem Jahr in im Prototyp eines vernetzten Vans einsetzen.


Solch ein Test mag nur ein kleiner Schritt auf dem Weg zur autonomen Mobilität sein. Doch für die AGL-Gemeinde ist dies allerdings „eine große Entwicklung“, betont Dan Cauchy, der leitende Direktor von AGL bei der Linux Foundation.

Denn nach dem japanischen Branchenprimus Toyota, der AGL vor ein paar Jahren initiiert hat, ist Daimler damit der zweite Automobilbauer, der sich öffentlich zum Einsatz von AGL in Autos bekennt.

Und dies ist erst der Anfang, meint der Linux-Jünger Cauchy. „Viele Hersteller werden folgen, denn letztlich werden nur zwei Lösungen überleben“. Die eine wird seines Erachtens Alphabets Betriebssystem Android für Autos sein, das einige Hersteller schon heute als Basis für Unterhaltungssysteme einsetzen. Das andere ist für Cauchy natürlich AGL, das das Konsortium als als Alternative zur Datenkrake aus den USA vorantreibt.

Cauchy wirbt damit, dass AGL nicht von einem Unternehmen entwickelt wird, das damit auch Zugriff auf die wertvollen Fahr- und Nutzerdaten gewinnen kann. Stattdessen entwickelt es Autohersteller, ihre Zulieferer und Softwareentwickler gemeinsam weiter. Das sei nicht nur billiger, sondern auch durch die Vielzahl der Softwareentwickler und die Standardisierung schneller als ein Alleingang.


Doch selbst den Teilnehmern ist bewusst, dass das Rennen noch offen ist. „Viele Hersteller legen sich nicht auf eine Lösung fest, sondern beobachten noch die Entwicklungen“, sagt Thomas Wurdig, der bei Daimlers Van-Sparte die Vernetzung des Prototypen mit dem Internet und der Bordsysteme leitet.

Auch Daimler, seit April 2017 AGL-Mitglied, studiert das Gemeinschaftsprojekt noch. Bei den Mercedes-Modellen wir der S- oder E-klasse wird wegen der geringen Vorlaufzeit ohnehin noch kein AGL verwendet.

Die Van-Sparte wiederum nutzt nicht den bisherigen Schwerpunkt von AGL, die Integration von Navigations- und Unterhaltungssystemen im Cockpit des Fahrzeugs. „Wir konzentrieren uns auf alles hinter der B-Säule“, sagt Wurdig, also den Laderaum, das Herzstück von kommerziellen Kleinlastern.

Sensoren überwachen künftig die Waren im Laderaum, die Daten werden in Echtzeit analysiert „Der Schlüssel ist Flexibilität“, sagt Wurdig. AGL und andere Linux-basierte Software biete diese Flexibilität.

Toyota nutzt AGL für das Bord-Entertainment: Ende 2017 brachte der Konzern mit seiner Mittelklasse-Limousine Camry in den USA den ersten Wagen auf den Markt, bei dem AGL als Betriebssystem für den Bordcomputer in der die Mittelkonsole zum Einsatz kommt. In diesem Jahr hält die Software Einzug in den Hybrid-Kleinwagen Prius.

Außerdem wird AGL nun auch bei großen Modellwechseln in Toyota-Modellen eingebaut und damit schrittweise über in der gesamten Flotte zum Einsatz kommen, sagt Kenichi Murata, der die Vernetzungsstrategie bei Toyota.

Dieses Beispiel könnte besonders in Toyotas Heimat Schule machen, meint der in Japan ansässige Auto-Kolumnist Peter Lyon: „Toyota hat generell eine Vorbildrolle in Japan.“


Die Nachzügler können allerdings auf eine ausgereiftere Software zurückgreifen. Denn AGL rüstet technisch auf und greift nach der Kontrolle des gesamten Autos. Nach der Integration der Unterhaltungs- und Navigationssysteme werden nun auch telematische Anwendungen, Cockpitanzeigen und Head-up-Displays unterstützt.

Dieses Jahr wird sich die Gemeinde auf Sprachsteuerung von Apps, die Kommunikation des Fahrzeugs mit Internetdiensten sowie die Virtualisierung von Rechenprozessoren konzentrieren. Darunter verstehen die Experten die Fähigkeit, unterschiedliche Anwendungen gleichzeitig und vor allen Dingen sicher von einander getrennt auf einem Chip laufen zu lassen.

Außerdem hat AGL mit Amazon einen mächtigen Verbündeten im Kampf gegen Google-Mutter Alphabet gewonnen. Die hatte im Januar auf der amerikanischen Elektronikmesse CES angekündigt, ihren Sprachassistenten auf allen Autos anzubieten, die Android für Autos nutzen.

Amazon konterte prompt: Die Sprachassistentin Alexa soll für Ford, BMW sowie Toyotas AGL-Modelle optimiert werden. Überdies übernahm Amazon neben einem Vorstandsposten bei AGL auch die Leitung der Gruppe für Sprachsteuerung des automobilen Open-Source-Projekts.

Der Kampf um die Daten im Auto tritt damit in eine neue Phase ein.