Daimler-Aktie nach Hauptversammlung: Ich kann die Kritik nicht verstehen

Thomas Brantl, Motley Fool beitragender Investmentanalyst

Daimler (WKN:710000) präsentierte letzte Woche hervorragende Zahlen für das Geschäftsjahr 2017 – und es hagelt Kritik! Viele Anleger machen sich Sorgen um die Zukunft von Daimler.
Mir fällt es schwer, diese Reaktion, und teilweise auch die Kritik, zu verstehen. Was genau ich damit meine und was Investoren daraus lernen können, erfährst du, wenn du weiterliest.
Die Börse ist nicht rational
Das folgende Statement von Daimler-CEO Zetsche kursiert seit der Hauptversammlung durch die deutschen Börsenportale.
„Mehr Elektroautos sind gut für die CO2-Bilanz, aber nicht so gut für unsere Konzernbilanz – jedenfalls vorübergehend.“
In meinen Augen enthält diese Aussage keinerlei neue Erkenntnisse. Aufgrund hoher Inventionen und teurer Batterien war auch vorher schon klar, dass E-Autos erst einmal weniger Gewinn abwerfen würden als herkömmlich betriebene PKW. Ich denke, Zetsche wollte die Aktionäre mit diesem Statement auf niedrigere Gewinne und Margen einstellen – vorübergehend.
Auch Finanzchef Frank Lindenberg stellte die Investoren in der Übergangsphase auf niedrigere Renditen ein. Ok, hört sich jetzt nicht berauschend an, war aber zu erwarten und ist meiner Meinung nach auch nötig, um in Sachen Elektromobilität nicht den Anschluss zu verlieren. Alles andere würde in meinen Augen die langfristige Zukunft von Daimler aufs Spiel setzten.
Viele Anleger sehen das scheinbar anders und stellen deshalb gleich den ganzen Konzern in Frage. So machte sich ein Fondsmanager Sorgen, ob die diesjährigen Rekordmarken bei Umsatz, Gewinn und Absatz zukünftig überhaupt noch besser werden können. Er befürchte, dass die fetten Jahre vorbei seien. Da die Daimler-Aktie nicht gerade euphorisch auf die Hauptversammlung reagiert hat, scheint diese Meinung an der Börse durchaus verbreitet zu sein.
Aber sind diese Sorgen wirklich rational? Also eine von Vernunft gesteuerte Überlegung?
Ich glaube nicht. Für mich zeigt diese Reaktion wieder einmal, wie irrational die Börse eigentlich ist. Jahrelang steigen die Gewinne bei BMW (WKN:519000) und Daimler – und was macht die Börse? Mitten in einem Bullenmarkt schickt sie beide Aktien auf Talfahrt.

Entwicklung Gewinn je Aktie 2015 – 2017
Entwicklung Aktienkurs letzte 3 Jahre

Daimler
                             25,0 %
                       – 25,9 % *

BMW
                             35,3 %
                       – 23,3 %

Quelle: onvista.de, Kurse Stand: 06.04.18, * ex-Dividende 2017
Viele Anleger fürchten scheinbar die einschneidenden Veränderungen in der Automobilbranche. Sie haben Angst, dass neue Player wie Tesla oder Geely ihnen bei den E-Autos den Rang ablaufen könnten. Oder Alphabet oder Apple beim autonomen Fahren. Kurzum: Sie haben Angst, dass BMW und Daimler in diesem neuen Umfeld ihre Führungspositionen verlieren könnten und bewerten die Aktien entsprechend niedrig.
Das Paradoxe: Nun übernimmt Daimler endlich die Initiative und kündigt für 2019 das erste vollelektrische Auto an. Bis 2022 will man sogar in jedem Segment ein elektrisches Auto im Portfolio haben. Und man stellt die Aktionäre aufgrund der dafür erforderlichen Investitionen – übergangsweise – auf niedrigere Gewinne und Margen ein. Oder wie Daimler-CEO Zetsche es beschreibt:
„Wir haben bei der E-Mobilität den Schalter umgelegt.“
Daimler greift also endlich ernsthaft beim Zukunftstrend E-Autos an – einem Punkt, in dem die Börse dem Unternehmen seit Jahren wie beschrieben nicht besonders viel zutraut. Und was macht der Aktienmarkt? Er nörgelt wieder herum, anstatt diese meiner Meinung nach absolut notwendige Initiative zu feiern.
Kluge Anleger lernen aus der aktuellen Situation
Meiner Meinung nach zeigt dieses widersprüchliche Verhalten vor allem eines: Die meisten Marktteilnehmer an der Börse handeln nicht rational. Wir langfristig orientierte Anleger sollten uns von diesen Nebengeräuschen, in diesem Fall der Sorge um kurzfristig sinkende Margen bei Daimler, nicht vom Wesentlichen ablenken lassen.
Das bedeutet: Analysiere ein Unternehmen, bilde dir eine Meinung und wenn du denkst, das aktuelle Kursniveau ist attraktiv, investiere! Und ganz wichtig dabei ist, dass du dich von der Meinung anderer nicht beirren lässt, solange diese nichts an den Gründen für deine Investition ändert.
Im konkreten Fall: Wenn du denkst, Daimler ist langfristig gesehen eine gute Investition, freu dich über die Rekordzahlen 2017 und über die Tatsache, dass Daimler endlich entschlossen beim Zukunftstrend E-Mobilität angreift.

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Thomas Brantl besitzt Aktien von Apple und BMW. Suzanne Frey arbeitet als Führungskraft bei Alphabet und sitzt im Vorstand von The Motley Fool. The Motley Fool besitzt und empfiehlt Aktien von Alphabet (A- und C-Aktien), Apple und Tesla. The Motley Fool empfiehlt BMW und Daimler. The Motley Fool besitzt die folgenden Optionen: Long Januar 2020 $150 Calls auf Apple und Short Januar 2020 $155 Calls auf Apple.

Motley Fool Deutschland 2018