Daimler überrascht mit üppigen Gewinnen, will aber trotzdem am Sparprogramm festhalten

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Vor dem Eingang zur Daimler Zentrale und zum Stammwerk in Stuttgart steht ein Daimler Firmenlogo.
Vor dem Eingang zur Daimler Zentrale und zum Stammwerk in Stuttgart steht ein Daimler Firmenlogo.

Trotz der andauernden Corona-Krise und Lieferengpässen von wichtigen elektronischen Bauteilen meldete Daimler am Mittwoch für das zweite Quartal starke Geschäftszahlen. Der Umsatz kletterte verglichen mit dem coronabedingt eingebrochenen Geschäft vor einem Jahr um 44 Prozent auf 43,5 Milliarden Euro. Der Nettogewinn lag allein zwischen April und Ende Juni bei 3,6 Milliarden Euro. Im gesamten ersten Halbjahr verdiente der Konzern ein Konzernergebnis von 8,1 Milliarden Euro.

Das sah vor einem Jahr noch ganz anders aus: Zum Halbjahr 2020 stand in der Bilanz ein Minus von 1,7 Milliarden Euro. Daimler hatte deshalb zu Beginn der Corona-Pandemie wegen damals tiefroter Zahlen und einem Nachfrageeinbruch einen schon eingeleiteten Sparkurs nochmals deutlich verschärft, Berichten zufolge sollen auf diesem Weg zwischen 20.000 und 30.000 Stellen wegfallen. Vor allem über Abfindungsprogramme sollen Tausende Jobs abgebaut werden. Der Konzern äußert sich nicht zu Zahlen, bestätigt aber deutliche Einsparungen, die auch im Vergleich zu anderen Autobauern wie Volkswagen und BMW umfassender ausfallen dürften. BMW hatte in der Krise in einem ersten Schritt den Abbau von rund 6000 Stellen bestätigt, VW in erster Linie über einen vorübergehenden Neueinstellungsstopp gespart.

Trotz überraschend üppiger Gewinne will der Auto- und Lastwagenbauer Daimler die auf den Weg gebrachten Einsparungen beim Personal nun nicht infrage stellen. "Weder können wir noch wollen wir das schwäbische Gen des Sparens aufgeben", sagte Konzernchef Ola Källenius dazu am Mittwoch in Stuttgart vor Journalisten. Trotz guter Geschäftszahlen müsse das Unternehmen weiter an seiner Effizienz arbeiten, zumal man derzeit "erhebliche Milliardenbeträge" für den angepeilten Umbau von Verbrennungs- hin zu Elektromotoren aufwenden müsse.

Betriebsratschef kritisiert Sparmaßnahmen

Angesichts einer überraschend schnellen Markterholung und hoher Gewinne im ersten Halbjahr fordert Daimler-Gesamtbetriebsratschef Michael Brecht den Vorstand nun zum Einlenken auf. "Wenn wir volle Auftragsbücher haben und die Gewinne sprudeln, wie soll die Belegschaft da Verständnis haben für Sparmaßnahmen, die über Jahre laufen sollen?", sagte Brecht der "Automobilwoche".

Källenius hilet dagegen: Ein Ende des Sparens wäre "nicht die beste Strategie für die Bewältigung der Transformation", sagte er. Das Jahrzehnt der Transformation werde noch teuer. Man dürfe Kostensenkungen nicht wieder kassieren, nur weil "der Zwischenspurt finanziell gut" aussehe.

Weltweit hatte Daimler Ende 2019 rund 298.700 Beschäftigte, Mitte 2020 noch 293.700 und inzwischen 289.600. Die Zahl dürfte weiter zurückgehen - obwohl Daimler nicht nur Stellen abbaut, sondern vor allem im für die Elektromobilität mitentscheidenden Software-Segment auch Tausende neue Jobs schafft. Brecht bezeichnete die Situation als "verrückt". Einerseits gebe der Konzern Hunderte Millionen Euro aus, um Leute nach Hause zu schicken. Auf der anderen Seite stelle man Tausende Software-Spezialisten ein. Die Effizienz könne nicht der einzige Maßstab sein. "Wir müssen doch schauen, dass wir die Menschen in neue Funktionen weiterentwickeln oder dass wir mit dem vorhandenen Personal einen zusätzlichen Mehrwert für den Kunden schaffen können."

Tatsächlich investiert Daimler wie andere Konzerne viel Geld in Weiterbildungsprogramme - aber dass aus einem Experten für den Verbrennungsmotor mal eben ein Software-Programmierer wird, dürfte eine Ausnahme bleiben. Im Elektrozeitalter müssen etablierte Autohersteller nicht gegen die gewohnte Konkurrenz, sondern auch gegen Digitalkonzerne wie Google, Apple oder Alibaba bestehen. Diese bewegen sich in das Feld der Automobilbauer hinein, weil bei E-Autos die Bedeutung von Software als mindestens so wichtig gilt wie die reine Autoerfahrung. Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer sagt, Fahrzeugsoftware werde zum "beherrschenden Thema" der kommenden 20 Jahre.

Alle Hersteller versuchen händeringend, ihr Fachwissen im Software-Bereich durch die Anwerbung von Talenten auszubauen. Der Markt ist äußerst umkämpft - auch deshalb verhandeln bei Daimler Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter über spezielle Tarifverträge für Elektroingenieure und Software-Experten. Dem Vernehmen nach sollen diesen - um sie überhaupt zu ködern - unter anderem flexiblere Arbeitszeit- und Boni-Modelle angeboten werden.

Noch ist das Zukunftsmusik, denn bisher verdient Daimler das mit Abstand meiste Geld mit herkömmlichen Verbrennern. In einigen Jahren dürfte das allerdings anders aussehen. Bisher gilt die Maßgabe, dass Elektro- und Hybridautos bis 2030 die Hälfte des Pkw-Absatzes ausmachen sollen. Gut möglich, dass Daimler angesichts des wachsenden Wettbewerbs in diesem Bereich noch mutigere Ziel avisiert: Für diesen Donnerstag hat der Konzern die Investoren zu einem Update seiner Elektroplanungen eingeladen.

dpa

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