Vom Dachdecker zum Dream-Car-Dealer: Wie Lamborghini einen Ex-Handwerker beruflich auf Touren bringt

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Boliden und Büro im Rücken: Marco Heisel vor dem Lamborghini-Salon von Losch in Luxemburg
Boliden und Büro im Rücken: Marco Heisel vor dem Lamborghini-Salon von Losch in Luxemburg

Einst wollte Marco Heisel dienstlich hoch hinaus. Buchstäblich. Doch in seinem Arbeitsalltag ist er heute eher tief unten angekommen.

Der 32-jährige Saarländer hat das Handwerk des Dachdeckers gelernt. Wer als "Roofer" – so das englische Wort für den Traditionsberuf – die Ziegel, Dämmwolle oder Teerpappe auf mehrgeschossigen Häusern erneuert, darf beachtliche Arbeitshöhen von zehn Metern aufwärts nicht scheuen. Inzwischen allerdings verkauft Heisel die Sportwagen des italienischen VW-Luxuslabels Lamborghini. Und so ein PS-starker Zweisitzer des Typs Aventador oder Huracán ist gerade mal um die 1,15 Meter flach. Da erfolgen Ein- und Ausstieg in artgerechter Bodenhaltung.

Es ist mithin kein krasser Ab-, sondern ein bewusster Umstieg, der hinter Heisel liegt. Ein bemerkenswerter obendrein. In den sozialen Netzwerken bringt er dem Traumwagenexperten immer wieder erstaunte Anfragen aus den verschiedensten Ländern und Leserkreisen ein. Heisels persönlicher Hashtag #fromroofertolamborghini ist längst schon weit über die Grenzen Luxemburgs hinaus bekannt.

Dort arbeitet der Familienvater aus Perl an der Mosel bei Losch, einer Unternehmensgruppe mit Aktivitäten rund um Automobile, Dienstleistungen und Immobilien. Partner im Fahrzeuggeschäft ist der Wolfsburger VW-Konzern. Insgesamt 13.481 Einheiten hat Losch 2020 verkauft. Das entspricht einem Marktanteil im Großherzogtum Luxemburg von stattlichen 29,8 Prozent. Heisels Einzugsgebiet als Dream-Car-Dealer reicht in Deutschland bis zur alten Römerstadt Trier, in Belgien nach Lüttich, in Frankreich hinunter nach Metz.

Im vergangenen Geschäftsjahr konnte Losch 39 Lamborghini absetzen. Diese Zahl mag klein wirken auf den ersten Blick. Sie steht aber für großen Erfolg – ein Neuwagen von Automobili Lamborghini ist schließlich nicht unter einer guten Viertelmillion Euro zu haben. Die entsprechenden Handelsmargen gelten als erklecklich.

Ist es das, was Heisel an seiner neuen Aufgabe vorrangig reizt? Diese Teilhabe an der Welt der Reichen und Schönen?

Den eigenen Traum nicht aufgeben

Im Gespräch mit Business Insider nennt der Ex-Dachdecker ganz andere Gründe. Er wolle einfach jeden Tag aufs Neue gern zur Arbeit fahren, sagt er. Dieser Anspruch an einen Job sei zwar auch in seinem Lehrberuf erfüllt gewesen. Doch „aus gesundheitlichen Gründen“ habe er die Dachdeckerei nun mal aufgeben müssen.

Und: Vor Jahren, als junger Praktikant bei einem Toyota-Händler, habe er für eine Woche den dortigen Top-Verkäufer beobachten können. „Dessen Wirken hat mich echt begeistert“, sagt Heisel, „und vergessen lassen, dass ich selbst damals vor allem die schnöde Büroablage zu erledigen hatte, wozu natürlich sonst im Laden niemand Lust verspürte“.

Den eigenen Traum nicht vorschnell aufgeben – das ist ein Rat, den Heisel jenen jungen Leuten gibt, die selbst einen fundamentalen beruflichen Wechsel erwägen. Klar, auch er musste als Verkäufer-Novize schwierige Hürden nehmen. Etwa diese: Kam ein Kunde zu Losch, stürzten sich die etablierten Kollegen sofort auf den potenziellen Geschäftspartner. Bis es Heisel von seinem Ex-Schreibtisch im zweiten Stock ins Erdgeschoss geschafft hatte, war der Klient „natürlich längst vergeben“.

Derlei dürfe Nachwuchskräfte aber keinesfalls abschrecken, empfiehlt Heisel. Auch nicht in anderen Branchen oder bei anderen Aufgaben. Vielmehr gelte es gerade in solchen Fällen, auf smarte Weise neue Wege einzuschlagen. Er selbst, blickt er augenzwinkernd zurück, habe dann damals die Kundschaft eben alsbald schon draußen, am Parkplatz, oder an der allseits beliebten Kaffeemaschine im Eingangsbereich des Salons abgefangen.

Auf dem Karriere-Portal LinkedIn teilt Heisel eine seiner wichtigsten Maximen: „Anyone can sell cheaply. Be better than anyone.“ Ein jeder Mensch könne billig verkaufen. Man möge besser sein als Jedermann.

Wenn er darüber spricht, was ihm besonders gefällt an der Arbeit als Verkäufer von Supersportwagen bei Losch, blüht Heisel sichtlich auf. „Diese immer wieder überraschend familiäre Atmosphäre in einem so großen Unternehmen“, sagt er. „Auch der ausdrückliche Wunsch der Direktion an mich, eigene Ideen zu entwickeln, zu gestalten“, fügt Heisel hinzu. Und: „Der Freiraum, eher Berater für die Kunden zu sein als deren bloßer Verkäufer.“

Er verstehe sich als „Unternehmer im Unternehmen“, so Heisel. Beim Vorbereiten von gemeinsamen Touren mit Lamborghini-Fahrern ins Elsass ebenso wie beim Durchführen von Networking-Events für die am Erfahrungsaustausch interessierte Kundschaft der Marke mit dem Kampfstier im Logo. Auch das lasse ihn verschmerzen, dass sein früherer Traum rund um Meisterbrief und Aufbau eines eigenen Dachdeckerbetriebs vom eigenen Körper jäh durchkreuzt worden war.

„Luxusgüter immer gefragt“

Doch die gesamte Fahrzeugindustrie – und damit auch Automobili Lamborghini – befindet sich mittlerweile in einem dramatischen Transformationsprozess. Sieht er da noch immer glänzende Perspektiven für sich? Kann er den Beruf des Pkw-Verkäufers ganz jungen Menschen überhaupt noch empfehlen?

„Ja, klar“, antwortet Heisel ohne zu zögern. „Luxusgüter werden immer gefragt sein. Von vielen Individuen begehrt, ob edle Uhr, noble Yacht oder eben spektakuläres Automobil.“ Der Mensch neige dazu, sich eines Tages den persönlichen Traum erfüllen zu wollen. Das Firmenmotto von Losch, sagt Heisel, bringe all das schon prima auf den Punkt: „Driving dreams“, lautet der Claim der Luxemburger.

Macht er sich denn gar keine Sorgen um den Fortbestand der bisher ausgeprägten Begehrlichkeit bei den Modellen von Lamborghini? Mit ihren gewaltigen Verbrennungsmotoren, den enormen Verbrauchs- und Abgaswerten, dem ohrenbetäubenden Sound? Zumal in diesen Zeiten allerorten in der Gesellschaft erwachenden Umweltbewusstseins?

„Wo eine Tür zufällt, da tut sich immer auch eine andere auf“, antwortet Heisel . Mehr hybridisierte oder gar reine Stromantriebe – auch sie würden perspektivisch gewiss gut zu Lamborghini passen, betont er. Markenchef Stephan Winkelmann hat die Eckpfeiler der Zukunftsstrategie „Direzione Cor Tauri“ jüngst skizziert: Eine nachhaltige Senkung der CO2-Emissionen entlang der kompletten Wertschöpfungskette steht weit oben auf Lamborghinis Agenda.

Nein, weder die Zukunft von Lamborghini noch seine eigene bereite ihm je schlaflose Nächte. „Im Gegenteil“, sagt Heisel, „ich glaube fest an positive Entwicklungen“. Seine kleine Familie – der zweite Sohn wird im Sommer erwartet – sei dafür ein gutes Beispiel. Und die persönliche Work-Life-Balance, die zu finden ihm selbst trotz zahlreicher Corona-Limits doch immer wieder gelinge, wie der Hobby-Musiker betont.

„From Roofer to Lamborghini“ — Marco Heisel hat den Schritt nicht bereut. Vom Dachdecker zum Dream-Car-Dealer, ihm macht diese fundamentale Veränderung schlicht Spaß.

Wenn die Musikanlage entscheidet

Erst recht der immer wieder erforderliche Einsatz seiner Kreativität. Noch heute muss Heisel schmunzeln, wenn er von einem frühen Erlebnis als junger Autoverkäufer berichtet. Ein Neuwagen-Abschluss schien endlich in trockenen Tüchern, als die Ehefrau des Käufers in spe die ihrer Meinung nach unnötig teure Musikanlage auf der Wunschliste monierte.

Sollte dieser zeitaufwendige Deal denn nun wirklich auf den letzten Millimetern an einer im Vergleich zur Anschaffung des Autos preisgünstigen Sonderausstattung noch scheitern, dachte sich Heisel kalt erwischt. Also fragte er die Gattin des Autointeressenten kurzerhand nach ihrem Musikgeschmack – und versprach der Dame eine persönliche Aufmerksamkeit, die sie bestimmt nicht vergessen werde.

Wenig später lag eine handverlesene Auswahl von Tonträgern der britischen Progressive-Rock-Band Genesis im zur Abholung vorbereiteten Neuwagen. Der Ehemann strahlte beim ersten Tritt auf das Gaspedal. Seine Ehefrau nahm verzückt die kostspielige Audioanlage in Betrieb. Und Marco Heisel lächelte zufrieden.