Ein Düsseldorfer zeigt es den Österreichern


Axel Hütte lässt am Sonntagmorgen auf sich warten. Rund drei Dutzend Besucher warten in der Kunsthalle Krems bei einem Kleinen Braunen und einem süßen Kipferl neugierig auf den Düsseldorfer Fotografen. Der einstige Student des Fotografie-Professors Bernd Becher und seiner Gattin Hilla führt persönlich durch seine erste Werkschau in Österreich mit dem programmatischen Titel „Imperial – Majestic – Magical“.

Heute ist Axel Hütte – neben anderen Becher-Schülern wie Andreas Gursky, Thomas Ruff, Candida Höfer oder Thomas Struth – ein internationaler Fotografie-Star. Entsprechend groß ist der Respekt, als der 66-Jährige den Vorraum betritt. Hütte, lässig in Jeans, Karohemd und schwarzem Sakko, ist kein leutseliger Künstler. Er schätzt die Distanz zum Betrachter.

Er lässt lieber den österreichischen Kurator Florian Steininger viel Gescheites sagen, als von sich selbst viel preiszugeben. Hütte will so wenig durchschaubar sein wie seine Bilder selbst.

Eigentlich fahren Touristen nicht wegen der Kunst in das Donaustädtchen, sondern wegen des Weins. Heurige oberhalb der Altstadt mit weitem Blick über das Donautal locken seit Generationen Heerscharen von Wienern an Wochenenden nach Krems, dem Eingangstor zu Österreichs berühmtester Weinregion Wachau.

Doch in den vergangenen Jahren hat sich auch die Kunstmeile Krems mit ihrer Kunsthalle und dem benachbarten Karikaturenmuseum einen guten Namen verschafft. Das ist auch einer der Gründe, weshalb sich Hütte auf das Experiment einer Werkschau in der Provinzstadt eingelassen hat.

Das Experiment hat sich gelohnt. Denn für die Ausstellung in Krems hat Hütte, der älteste der berühmten Becher-Schüler, einen eigenen Zyklus geschaffen. Mit der ihm eigenen Sachlichkeit und Nüchternheit hat er mit seiner Kameralinse in Österreich Bekanntes und Berühmtes vermessen und dokumentiert.

Dazu gehören beispielsweise die Bibliotheken, Kirchen und Säle der Klöster Melk, St. Florian und Admont genauso wie der leer geräumte Frühstücksraum des Wiener Hotels Sacher oder touristische Anziehungspunkte wie das Schloss Belvedere oder das Winterpalais von Prinz Eugen in der Donaumetropole.


Als ich Axel Hütte im sachlich-nüchternen Konferenzsaal der Kunsthalle Krems befrage, wie es zu dem Österreich-Zyklus überhaupt gekommen ist, berichtet er: „Als ich eine Ausstellung im Belvedere besuchte, war ich vom Raum so fasziniert, dass ich die Direktorin fragte, ob ich ihn fotografieren könne.“ Hütte erhielt die Erlaubnis. Auf diese Art entwickelte sich bei ihm die Faszination für die barocken Räume. „Meine Vorgehensweise ist die eines Buchhalters. Ich sammle sehr viele Informationen.

Mittlerweile habe ich eine umfangreiche Liste, die ich nach und nach abarbeite.“ Doch einfach ist der Österreich-Zyklus nicht. „Bei den imperialen Räumen muss man die Balance zwischen der Aura und der Bildkonstruktion finden, damit es nicht in den Kitsch abgleitet. Diese Balance zwischen Nähe und Distanz, zwischen Sachlichkeit und Fokussierung ist die Herausforderung“, resümiert der in Düsseldorf lebende Fotograf.

Die fast ausnahmslos im vergangenen Jahr aufgenommen Fotografien von Sehenswürdigkeiten in Österreich zeigen nur auf den ersten Blick Bekanntes oder Vertrautes. Durch die aufwendige Technik des Glasdrucks wirken sie seltsam fremd. Je nach Standpunkt des Betrachters verändert sich die Räumlichkeit des Bildes.

Wie Axel Hütte selbst preisgibt, ist die Technik eine Anspielung auf Daguerreotypien aus der Frühzeit der Fotografie. „Imperial, Majestic und Magical verweisen auf konkrete und zugleich rätselhafter Bildwelten, die uns vertraut, aber im Bild fremd erscheinen“, sagt Hütte. „Sie sollen beim Betrachter und der Betrachterin Erinnerungen und Träume reaktivieren, also das implizite Gedächtnis ansprechen, und die Welt als real und zugleich als Imagination erfahrbar machen.“



Diesen Anspruch in der Tat umzusetzen, ist Axel Hütte gelungen. Fast andächtig stehen die Einheimischen vor großen Bildern in normaler Größe. Der Zyklus von imperialen Schlössern, Stiften und Räumen ist zweifellos der Höhepunkt der umfangreichen Werkschau.

Dennoch fehlen die alpinen Bilder des Doyens der Landschaftsfotografie nicht. Hier sind die Berge das Gegenteil einer touristischen Idylle. Nebelverhangen, hellgrau, undurchdringlich stellt sich Hüttes alpine Welt dar. Die Bilder von Gletschern mit ihrem türkisfarbenen Wasser gleichen abstrakten Gemälden.

Allein wegen der Werkschau ist Krems, eine Autostunde westlich von Wien, eine Reise wert. Denn wer sich auf Axel Hütters Bilderwelt einlässt, wird nicht nur Österreich, sondern auch den Rest der Welt anders sehen.

Axel Hütte, Imperial – Majestic – Magical, Kunsthalle Krems bis 10. Juni 2018, Di-So 10-18 Uhr.