Dänischer Windkonzern düpiert Siemens

Der Windkraftprimus Vestas kommt mit der Branchenkrise weit besser zurecht als die Konkurrenz. Siemens Gamesa ist im Vergleich flügellahm.

Im Sommer 2016 war die Welt für Siemens noch in Ordnung. Damals verkündete der Münchener Dax-Konzern, sein Windkraftgeschäft mit dem spanischen Konkurrenten Gamesa fusionieren zu wollen. Die Geschäfte „ergänzen sich in hohem Maße“ und „schaffen großen Wert für Kunden und Aktionäre“, hieß es. Kein ganzes Jahr später, im April 2017, wurde der Zusammenschluss endgültig besiegelt. Siemens Gamesa stieg mit einem Schlag zum weltweit größten Hersteller von Turbinen und Rotorblättern auf, den wichtigsten Komponenten eines jeden Windrads.

Doch die neue Nummer eins, an der Siemens 59 Prozent der Anteile hält, konnte sich nicht lange auf dem Windkraftthron halten. Im Gegenteil. Wie die Geschäftszahlen des Hauptkonkurrenten Vestas zeigen, fällt die in Spanien börsennotierte Siemens-Tochter immer weiter zurück. Lagen die beiden Konzerne bei der installierten Leistung 2016 noch nahezu gleichauf, ist Vestas im vergangenen Jahr enteilt. Während Siemens Gamesa von Januar bis Dezember 2017 nur Windräder mit einer Kapazität von rund 6400 Megawatt neu ans Stromnetz anschließen konnte, waren es bei Vestas gut 8800 Megawatt. Das schlägt sich auch in den Finanzkennzahlen wieder.

Die Dänen erzielten im vergangenen Jahr einen Umsatz von fast zehn Milliarden Euro und ein Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) von 1,2 Milliarden Euro. Siemens Gamesa kommt dagegen lediglich auf einen Erlös von 8,7 Milliarden Euro und einen operativen Ertrag von mageren 61 Millionen Euro. Die Ebit-Marge von Siemens Gamesa ist binnen eines Jahres von mehr als zehn auf weniger als ein Prozent abgestürzt. Vestas musste zwar ebenfalls Einbußen bei der Gewinnspanne in Kauf nehmen, aber glänzt noch immer mit einer Marge von 12,4 Prozent.


Im Schlussquartal, das im September beginnt und im Dezember endet, schrieb Siemens Gamesa unter dem Strich sogar einen Verlust von 35 Millionen Euro. Vestas erwirtschaftete dagegen einen Gewinn von fast 300 Millionen Euro. Rein über den Markt lässt sich schwerlich erklären, warum sich Siemens Gamesa derart flügellahm präsentiert und so weit hinter Vestas zurückliegt. Prinzipiell sind die Rahmenbedingungen nämlich für alle Windkraftkonzerne derzeit gleich ernüchternd.

Rund um den Globus werden die Förderungen für Ökostrom gekappt. Die erfolgsverwöhnten Anbieter müssen sich auf einmal im Wettbewerb um die Höhe der Vergütungen streiten. Die Umstellung von staatlich garantierten Einspeisesystemen auf Auktionen, in denen nur noch derjenige den Zuschlag bekommt, der den geringsten Preis bietet, setzt der gesamten Industrie enorm zu. Denn der Systemwechsel führt zu immensem Preisdruck.

„Alleine in Deutschland haben wir im vergangenen Jahr eine Halbierung der zukünftigen Vergütungen für Windkraft an Land gesehen“, erklärt Dirk Briese, Geschäftsführer von Windresearch. Konkret sind die Vergütungen von mehr als 8 Cent auf nur noch 3,8 Cent pro Kilowattstunde abgesackt. Das Problem dabei: Viele Projektentwickler sehen sich bei Preisen von weniger als 4,5 Cent gar nicht mehr in der Lage, Windparks ohne Verluste zu bauen.

„Wir haben gezeigt, dass wir selbst unter solch herausfordernden Bedingungen, unsere Kosten kontrollieren und durch unsere globale Präsenz der Vorreiter der Industrie bleiben“, erklärte Vestas-Chef Anders Runevad. Sein Konzern leidet zwar ebenfalls unter einem Umsatzrückgang von drei Prozent im Vergleich zum Vorjahr und einem operativen Ergebnisschwund von 13 Prozent, aber bei Siemens Gamesa ist das Ebit im gleichen Zeitraum um sage und schreibe 93 Prozent eingebrochen.


Die Spanier kämpfen mit Absatzschwierigkeiten in Hoffnungsmärkten wie Indien und hausgemachten Problemen. Offiziell bejubelt der Konzern zwar, dass die Integration der beiden Unternehmen „gut“ voranschreitet. Gleichzeitig verursacht die Fusion immer noch hohe Restrukturierungskosten. Der Konzern hat angekündigt bis 2020 rund 6000 Stellen weltweit zu streichen. Das entspricht mehr als einem Fünftel der gesamten Belegschaft.

„Die Integration der beiden Unternehmen – inklusive der Abwicklung von Adwen – bindet aktuell auch noch Kräfte“, erklärt Windkraftexperte Briese. Er ist sicher: „2018 wird für Siemens Gamesa wie für andere noch ein schwieriges Übergangsjahr“. Francisco Méndez von der spanischen Gewerkschaft CCOO macht die „Inkompetenz des Managements“ für die schwierige Lage des Konzerns verantwortlich. Statt eine tragfähige Strategie für die Zukunft zu entwickeln, hätten sich die Deutschen Manager lieber mit ihren spanischen Kollegen um die besten Posten gestritten.