Schäuble: „Beim Tempo der Digitalisierung nicht Spitzenreiter“


Die führenden Köpfe der Finanzbranche sind an diesem Mittwoch und Donnerstag im Frankfurter Tagungszentrum Kap Europa versammelt: Auf der Handelsblatt-Tagung „Banken im Umbruch“ reden Bankchefs und Aufseher über die bevorstehenden Umwälzungen. Wie stark profitiert Frankfurt vom Brexit? Wann kommt die Zinswende? Und was ist die künftige Rolle der Banken in der Wirtschaft? Der Liveblog zum Nachlesen.




Die wichtigsten Aussagen in Kürze

  • Deutsche-Bank-Chef John Cryan glaubt, dass die Finanzbranche in Zukunft weniger Mitarbeiter brauche. Auf die Frage von Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart, wie viele Stellen in der Finanzindustrie durch die technologische Transformation wegfielen, ob die Hälfte der Beschäftigten betroffen sei, antwortet Cryan: „Ich glaube schon, auf jeden Fall eine große Zahl.“ Außerdem sieht der Deutsche-Bank-Chef Frankfurt nach dem Brexit als Europas neues Finanzzentrum – und kritisiert die Europäische Zentralbank. Die lockere Geldpolitik der EZB sorge für immer größere Verwerfungen.
  • Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble kritisiert die EZB und spricht sich für eine Normalisierung der Geldpolitik aus. Die Entscheidung Großbritanniens, die Europäische Union zu verlassen, hält er für einen Fehler. Auch bei der Digitalisierung muss die Finanzbranche laut ihm einen Gang zulegen.
  • Commerzbank-Chef Martin Zielke betont die Bedeutung der Digitalisierung. In den kommenden vier Jahren wolle die Commerzbank 80 Prozent der relevanten Prozesse digitalisieren, darunter die Kreditvergabe.
  • EZB-Chefbankenaufseherin Danièle Nouy kündigt auf der Konferenz neue Leitlinien für Fintechs an. Regulierungs- und Aufsichtsbehörden müssten auf technologische Veränderungen in der Finanzwelt reagieren.
  • Sparkassenpräsident Georg Fahrenschon erteilt weiteren Fusionen im öffentlichen Bankensektor eine Absage. Die Sparkassen seien gut aufgestellt. Dass man die Negativzinsen bisher praktisch nicht an die Kunden weitergibt, bezeichnet er als große Leistung.




Liveblog

+++ Ende für heute +++

Hiermit endet der Liveblog für den heutigen Tag. Heute Abend ab 18:30 Uhr können Sie auf Handelsblatt.com im Livestream den Ausführungen von Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein folgen. Der Liveblog startet am morgigen Donnerstag wieder um neun Uhr. Dann äußern sich auf der Handelsblatt-Tagung „Banken im Umbruch“ unter anderem der UBS-Verwaltungsratpräsident und frühere Bundesbankpräsident Axel Weber sowie Blackrock-Deutschland-Aufsichtsratschef und CDU-Finanzexperte Friedrich Merz.


+++ Keine weiteren Sparkassenfusionen gewünscht +++

Potentiellen Fusionen steht Fahrenschon eher ablehnend gegenüber. „Wenn John Cryan fusionieren will, muss er sich einen Partner suchen.“ Die Sparkassen stünden jedenfalls auch allein ziemlich stabil und gut da. „Wir sind sehr zufrieden mit unserer Aufstellung“, betonte der DSGV-Präsident. Derzeit zählt der Markt 390 Sparkassen. Auch sei es kein gutes Signal der Regulatorik, Fusionen eingehen zu müssen.



+++ Sparkassen-Präsident Fahrenschon auf der Suche nach der Normalität +++

„Wenn das, was wir jetzt erleben, noch Krise ist: Wie sieht denn dann Normalität aus?“, fragt der Präsident des Sparkassenverbands, Georg Fahrenschon. „Das wirtschaftliche Umfeld in der Eurozone nicht mehr mit dem vor ein paar Jahren zu vergleichen. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, dass die EZB dem Markt ein Signal der Umkehrung liefert und sich ein Beispiel an der Fed in den USA nimmt.“ In Bezug auf die Diskussion um neue, kreative Gebühren bei zahlreichen Sparkassen sagte Fahrenschon: „Es ist eine Riesenleistung, dass wir den Negativzins der EZB nicht an die Kunden weitergeben.“


+++ Tritt Schäuble noch einmal an? +++

Wie groß ist Ihre Motivation, nach der Wahl als Finanzminister weiterzumachen? Schäuble: „Meine Motivation, solche Fragen zu beantworten, ist jedenfalls Null. Der Respekt vor dem Souverän gebietet, dass wir jetzt Wahlkampf führen. Ich würde nicht für den Bundestag kandidieren, wenn ich nicht Freude an dem hätte, was ich tue.“



+++ Kulturwandel der Banken +++

Handelsblatt-Chefredakteur Sven Afhüppe erinnert daran, dass Schäuble im Nachgang der Finanzkrise wiederholt die Banken scharf kritisiert hatte. Er fragt, ob die Banken aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hätten. Schäubles Antwort: Es laufe nie alles moralisch perfekt, weder bei den Banken, noch in den Medien oder in der Politik. Aber die Banken seien auf einem guten Weg und hätten sich gewandelt.


Wie sich Schäuble zur Digitalisierung äußert


+++ „Wir sind beim Tempo der Digitalisierung nicht Spitzenreiter“ +++

„Bei der Digitalisierung haben wir Nachholbedarf“, sagt Schäuble. Die Bundesregierung habe das erkannt und wolle gegensteuern. Zu möglichen Bankenfusionen führt der Finanzminister aus: Eine Restrukturierung der Branche sei notwendig, das sagten alle Experten. Die Herausforderungen sind groß. „Aber ich werde einen Teufel tun und Banken Ratschläge erteilen.“



+++ Kapitalmarktunion +++

Die Kapitalmarktunion wäre mit Großbritannien besser, sagt Schäuble. Aber man könne keinen dazu zwingen, Europa beruhe auf dem Prinzip der Freiwilligkeit. Die Kapitalmarktunion werde man auch ohne London vorantreiben. Auch nach dem Brexit werde London als Finanzzentrum wichtig bleiben. Für die umziehenden Banken gebe es „natürlich keinen besseren Platz als Frankfurt“. Auch die EU-Bankenaufsicht gehöre an den Main. „Das ist ganz logisch“, schließlich sitze die EZB auch hier.


+++ Falscher Brexit +++

„Die Brexit-Entscheidung ist unter jedem denkbaren Gesichtspunkt falsch“, sagt der Bundesfinanzminister. Jetzt gehe es darum, den Schaden auf beiden Seiten möglichst klein zu halten. Auch in Großbritannien setze nun offenbar ein Lernprozess ein. Diesen Prozess sollten die EU27 nicht durch Provokationen behindern. “Wir haben ein Interesse an einem starken Großbritannien“.



+++ Schäuble verteidigt die europäische Bankenunion +++

Die Rettung der italienischen Banken sei in Ordnung gewesen, sagt Schäuble. Sie sei nach den Regeln erfolgt. In der Frage einer gemeinsamen Einlagensicherung in Europa gelte der Grundsatz: Erst müssten Risiken verringert werden, bevor man über eine weitere Vergemeinschaftung von Risiken reden könne. Die EU-Kommission sei in Sachen Risikovergemeinschaftung „viel kreativer“ als bei konkreter Risikovermeidung.´


+++ Wolfgang Schäuble wünscht Normalisierung der Geldpolitik +++

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) sagt, er wünsche sich, dass die Geldpolitik der EZB bald wieder normalisiert wird. „Die Eurozone befindet sich in einer guten wirtschaftlichen Situation. Damit sind wir dieser Normalisierung einen deutlichen Schritt näher gekommen, als es viele Pessimisten vor einem Jahr noch erwartet hatten.“


Was Zielke zur Commerzbank-Strategie sagt


+++ Commerzbank definiert sich als Mittelstandsbank +++

Zur Strategie sagt Zielke, die Commerzbank besinne sich auf ihre Stärken als Mittelstandsbank. Vor der Finanzkrise habe man zu kurzfristig agiert. „Ich möchte gern, dass wir das anders machen.“ Deshalb fokussiere man sich nun auf die mittelständischen Unternehmen in Deutschland. Das sei „sehr zukunftsfähig“. Spekulationen über Fusionen in der Finanzbranche bezeichnet er im Gespräch mit Handelsblatt-Chefredakteur Sven Afhüppe als „Sandkastenspiele“.


+++ Zielke verspricht mehr Digitalisierung +++

Bankberater müssten heute vieles erledigen, was keinen Wertgewinn für Kunden bedeute, sagt Zielke. Deshalb wolle die Commerzbank in den kommenden vier Jahren 80 Prozent der relevanten Prozesse digitalisieren. Kommendes Jahr werde die Bank die digitale Kreditvergabe einführen.



+++ Zielke fordert staatliche Investitionen in Infrastruktur +++

Commerzbank-Chef Martin Zielke lobt die deutschen Unternehmen. Die „hidden champions“ seien der Herzschlag der deutschen Wirtschaft. Doch sie brauchten verlässliche Rahmenbedingungen und eine gute Infrastruktur, gerade auch im digitalen Bereich. Ebenso wichtig seien leistungsfähige Banken. Regierung und Aufseher müssten dafür sorgen, dass europäische Banken durch Regulierung nicht weiter international ins Hintertreffen geraten.




+++ EZB-Bankenaufsicht will Richtlinien für Fintechs herausgeben +++

Nouy sagt, die EZB-Bankenaufsicht wolle bald Richtlinien für den Umgang mit Firmen aus der noch jungen Finanztechnologie-Branche (Fintechs) herausgeben. Regulierungs- und Aufsichtsbehörden müssten auf technologische Veränderungen in der Finanzwelt reagieren „So arbeiten wir bei der EZB beispielsweise an einem Leitfaden für Zulassungen, der auch FinTechs umfasst.“ Dieser Leitfaden werde in Kürze veröffentlicht. Momentan schießen laut Nouy viele junge und noch kleine Unternehmen aus dem Boden, die die herkömmlichen Banken mit neuen Geschäftsmodellen und IT-Lösungen herausfordern. Darauf müsse die Aufsicht eine Antwort finden.


+++Danièle Nouy: Bankensektor braucht Stabilität +++

EZB-Bankenaufseherin Danièle Nouy sagt in ihrer Rede, ein wettbewerbsfähiger Bankensektor sei eine Voraussetzung für eine gesunde Wirtschaft. Aber ebenso wichtig wie der Wettbewerb sei die Stabilität. Die wichtigste Lektion der Finanzkrise sei, dass Banken auch pleitegehen dürfen. Die neuen Abwicklungsregeln in Europa führten dazu, dass Banken verantwortungsvoller handelten. Die gemeinsame Einlagensicherung müsse noch verbessert werden. Das sei auf einem guten Weg.


So schätzt Cryan die Auswirkung der Digitalisierung ein



+++ Was einen guten Anführer auszeichnet +++

Gabor Steingart lässt John Cryan einen Satz vollenden: „Ein guter Anführer in Zeiten des Wandels...“, was Cryan ergänzt mit: „... überzeugt seine Leute davon, etwas zu tun, was sie nicht tun wollen.“


+++ „Masters of Transformation“ +++

Cryan sagt, wie wichtig es ist, sich dem digitalen Wandel zu verschreiben. Forschung und ein stetiges sich selbst Neuerfinden werde immer wichtiger – gerade auch im Bankensektor. Steingart sagt, Cryans Kollegen seien in der Vergangenheit ja oft als „Masters of the Universe“ bezeichnet worden. Müssten Banker heute stattdessen „Masters of Transformation“ sein? Cryan pflichtet dem bei, und erklärt, dass es einen Unterschied zwischen dem Nutzen eines Produktes und der Art, wie es dargereicht werde, gebe. Ein Beispiel sei die klassische Tageszeitung, die er nur noch auf dem Tablet lese und die dennoch wichtig bleibe. Ein anderes sei die Digitalisierung von Bankdienstleistungen.




+++ Die Hälfte aller Banker werden von der Digitalisierung getroffen +++

Nach seinem Eröffnungs-Statement wird John Cryan von Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart interviewt. Thema ist der digitale Wandel in der Finanzbranche. Cryan sagt: In fünf Jahren würden die Banken komplett anders aussehen als in der Vergangenheit. Das Bankgeschäft werde in fünf bis zehn Jahren in der digitalen Identität vieler Leute verankert sein. Banken seien aufgrund der Regulierung aktuell häufig nur die Juniorpartner digitaler Konkurrenten wie Amazon. Das müsse sich ändern. Und auch die Banken müssten sich stärker verändern als jemals zuvor.


Wichtig sei: Die Jobs in der Finanzindustrie werden sich aufgrund des technologischen Wandels verändern. Die traurige Wahrheit: Der Bankensektor brauche in Zukunft nicht mehr so viele Leute, wie bisher. Denn: Heute verhalten sich laut Cryan viele Menschen in der Branche wie Roboter, und Roboter verhalten sich immer mehr wie Menschen. Die Welt werde sich verändern. Gabor Steingart fragt John Cryan, wie viele Leute vom digitalen Wandel betroffen sein werden: die Hälfte aller Beschäftigten? Cryan antwortet: „Ich glaube schon, auf jeden Fall eine große Zahl.“ Der Fortschritt habe in den letzten 250 Jahren viele positive Ergebnisse hervorgebracht, eine ablehnende Haltung bringe niemanden weiter.



+++ Frankfurt die „natürliche Anlaufstelle“ für Banken in Europa +++

Nach dem Brexit habe Frankfurt die beste Chance, das neue Finanzzentrum Europas zu werden, sagt Cryan. Wie viele Banken von London nach Frankfurt ziehen, hänge von Frankfurt selbst ab. Die Stadt müsse die Infrastruktur massiv verbessern. Nötig sei ein dichtes Netzwerk an Dienstleistern rund um die Banken, internationale Schulen, attraktive Wohnviertel. "Der Brexit könnte zu einem riesigen Konjunkturprogramm für Frankfurt werden." Die Stadt und das Land Hessen müssten es nur wollen.


Warum Cryan sich für Bankenfusionen ausspricht


+++ Cryan fordert Bankenfusionen +++

Eines habe er sehr schnell gelernt, als er nach Deutschland gekommen sei, sagt Cryan. „Beliebt sind hier vielleicht Facharbeiter und Ingenieure - aber ganz bestimmt nicht die Banker.“ Er kritisiert die Skepsis, die insbesondere großen Banken entgegenschlägt, und die Haltung der Politik, kleine Institute zu bevorzugen. „Den Anschluss an die internationale Konkurrenz werden die deutschen Banken so nicht halten können.“ Ein zersplitterter Markt mit 1700 Instituten sei eine schlechte Voraussetzung, um mehrere international wettbewerbsfähige Banken hervorzubringen. Es sei bereits "fünf nach zwölf", die Weichen für die Zukunft der europäischen Bankenbranche würden gerade gestellt. Die Konsolidierung müsse sich in Deutschland und Europa beschleunigen.



+++ Cryan: US-Banken genießen Wettbewerbsvorteil durch Niedrigzinsen +++

Der Deutsche-Bank-Chef beneidet seine Kollegen in den USA. Nicht nur, weil deren Kunden bereit sind, ganz andere Preise für Bankdienstleistungen zu zahlen als die preissensiblen Kunden hierzulande, sondern auch weil die Geldpolitik in den USA den Bankbilanzen zuträglicher ist. Die Einlagen kosten die hiesigen Banken viel Geld, weil die EZB für Einlagen Negativzinsen verlangt. „Die Zinspolitik hat dazu beigetragen, dass die Erträge der europäischen Banken zurückgegangen sind“, sagt Cryan. Die Niedrigzinsen seien eine dramatische Wettbewerbsverzerrung. „Uns wäre schon sehr geholfen, wenn Europa sich von den negativen Zinsen verabschieden würde“.


+++ „Die Zeit des billigen Geldes in Europa muss enden - trotz des starken Euro“ +++

Der starke Euro bereitet Cryan Sorgen. Die lockere Geldpolitik der EZB sorge für immer größere Verwerfungen. Er sehe Anzeichen von Blasen an immer mehr Stellen des Kapitalmarkts, sagt der Deutsche-Bank-Chef. Deshalb begrüße er, dass die Federal Reserve und die EZB in Aussicht gestellt hätten, die lockere Geldpolitik nach und nach zu beenden.


+++ Cryan: Wir können wieder wachsen +++

Deutsche-Bank-Chef John Cryan will nicht über die Deutsche Bank reden, sondern über das globale Umfeld. Zum eigenen Haus nur so viel: Man habe Kosten gesenkt, viele Rechtsfälle abgeschlossen. Jetzt gehe es wieder ans Wachstum.


Das erhoffen sich die Tagungsteilnehmer


+++ Live-Stream startet +++

Mit Beginn der Veranstaltung um neun Uhr startet auch der Livestream. Verfolgen Sie hier im Kurznachrichtendienst Twitter Kommentare zum Ereignis (#hbbanken).

+++ Teilnehmer hoffen auf Anregungen +++

Die ersten Gäste trudeln ein. Wolfgang Jung, Vorstand bei der Südwestbank, ist schon zum siebten Mal da. Er erhalte immer viele Anregungen auf der Tagung, sagt er. „Vor allem die internationale Ausrichtung interessiert mich“. Er ist gespannt auf die Videoschalte mit Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein am Abend. „Auch auf die klare Diktion von Axel Weber freue ich mich“.


Robert Bruning, Leiter strategische Kundenprojekte bei der NRW-Bank, hofft auf Einblicke zur Regulierung - und vielleicht sogar ein Zinssignal. „Das ist sicher die Hoffnung vieler Teilnehmer.“

+++ Banken-Prominenz wartet auf +++

Europas Banken stehen unter Druck. Strenge Kapitalvorgaben und als wäre das nicht schon genug, drückt auch das anhaltende Niedrigzinsumfeld auf die Margen. Nicht zu vergessen sind natürlich die Fintechs, die mit neuen, digitalen Geschäftsmodellen jene der traditionellen Banken zu untergraben drohen. Die Tagung dieses Jahr ist bereits die 22. Ausgabe von „Banken im Umbruch“. Selten waren die Herausforderungen der Branche jedoch dringlicher als dieser Tage.


Umso wichtiger ist es den Bankenchefs, ihre Botschaft loszuwerden. Auf der diesjährigen Tagung warten neben Deutsche-Bank-Chef John Cryan, Commerzbank-Chef Martin Zielke auch die Chefs und Vorstände großer internationaler Finanzinstitute auf wie UBS-Verwaltungsratschef Axel Weber, Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein oder Blackrock Deutschland-Chairman Friedrich Merz.

KONTEXT

Fragen und Antworten zur EZB

Sind Vorwürfe gegen die EZB berechtigt?

Die Finanzkrise und ihre Folgen haben Europas Währungshüter kreativ werden lassen. Eine Rückkehr zu einer Standard-Geldpolitik ist bislang nicht in Sicht. Vielstimmig ist auch der Chor der Kritiker.

Quelle: Friederike Marx und Jörn Bender, dpa

Kritik an den Währungshütern kommt aus den unterschiedlichsten Richtungen

Nullzins, Strafzins, Anleihekäufe - mit ihrem expansiven geldpolitischen Kurs hat sich die Europäische Zentralbank in den vergangenen Jahren nicht nur Freunde gemacht.

AUSSAGE: Die EZB-hält den Euro-Kurs künstlich niedrig, davon profitiert vor allem der deutsche Export (Quelle: US-Regierung).

BEWERTUNG: Falsch.

FAKTEN: Der Wechselkurs ist ausdrücklich kein Ziel der EZB-Politik. "Wir sind keine Währungsmanipulatoren", betont EZB-Präsident Mario Draghi. Getrieben wird die Entwicklung an den Devisenmärkten unter anderem von der unterschiedlichen Zinsentwicklung in den USA und im Euroraum. Angesichts steigender Zinsen in den Vereinigten Staaten ist es für Investoren lukrativer, Geld in Dollar anzulegen als in Euro. Das stärkt den Greenback und schwächt die europäische Gemeinschaftswährung. Zudem hoffen viele Anleger, dass US-Präsident Donald Trump wie angekündigt Steuern senken und Milliarden in die Infrastruktur stecken wird. Die Aussicht auf neuen Schwung für die US-Wirtschaft stärkte seit Trumps Wahl den Dollar. Trump räumte zuletzt ein, er sei teilweise selbst Schuld an der Dollar-Stärke, die Leute hätten Vertrauen in ihn. Direkt am Devisenmarkt hatte die EZB zuletzt gemeinsam mit anderen großen Notenbanken im März 2011 interveniert, um den Höhenflug des japanischen Yen zu bremsen.

AUSSAGE: Mit einem Zinstief enteignet die EZB die Sparer (Quelle: u.a. Bayerns Finanzminister Markus Söder (CSU)).

BEWERTUNG: Teilweise richtig.

FAKTEN: Sparbuch und Co. werfen wegen der Niedrigzinsen kaum noch etwas ab. Solange die Teuerungsrate nahe der Nulllinie dümpelte, glich sich das in etwa aus. Doch zuletzt zog die Inflation wieder an, sodass Sparer sogar Geld verlieren können. Bundesbank-Präsident Jens Weidmann macht sich dennoch für eine ausgewogene Sicht stark: "Wir alle sind nicht nur Sparer, sondern auch Arbeitnehmer, Häuslebauer, Steuerzahler und Unternehmer - und aus dieser Perspektive erscheinen die niedrigen Zinsen nicht nur negativ."

AUSSAGE: Die EZB wird von den südeuropäischen Staaten dominiert (Quelle: AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel).

BEWERTUNG: Falsch.

FAKTEN: Im obersten Entscheidungsgremium der Notenbank, dem EZB-Rat, haben alle 19 Euroländer eine gleichwertige Stimme - unabhängig vom Gewicht der jeweiligen Volkswirtschaften. Insgesamt hat das Gremium 25 Mitglieder: Die 19 Chefs der nationalen Notenbanken plus die 6 Mitglieder des Direktoriums um EZB-Präsident Draghi. 8 der 25 Mitglieder im EZB-Rat kommen aus Südeuropa. Entscheidungen trifft das Gremium in der Regel mit einfacher Mehrheit. Die EZB ist nach dem Vorbild der Deutschen Bundesbank politisch unabhängig. Ihr vorrangiges Ziel ist es, Preisstabilität im gemeinsamen Währungsraum zu gewährleisten - das bedeutet nach ihrem eigenen Verständnis eine jährliche Teuerungsrate von knapp unter 2,0 Prozent.

AUSSAGE: Mit ihren milliardenschweren Anleihekäufen finanziert die EZB verbotenerweise klamme Staaten (Quelle: deutsche Volkswirte).

BEWERTUNG: Unklar.

FAKTEN: Die EZB darf nach ihren Statuten bereits im Umlauf befindliche Staatsanleihen erwerben - also etwa von Banken oder anderen Investoren wie Versicherungen oder Hedgefonds. Seit März 2015 kauft die Notenbank im Kampf gegen Konjunkturschwäche und geringe Inflation jeden Monat für Milliarden solche Wertpapiere. Um nicht in den Verdacht der Staatsfinanzierung zu geraten, hat sich die EZB auferlegt, höchstens 33 Prozent der Staatsanleihen eines Eurolandes bzw. eines einzelnen Wertpapiers zu kaufen. Das besänftigt die Kritiker jedoch nicht. Die Notenbanken der Eurostaaten, über die die EZB-Käufe abgewickelt werden, seien durch die laufenden Anleihekäufe zum größten Gläubiger der Staaten des Eurosystems geworden, warnte Bundesbank-Präsident Weidmann schon Anfang 2016. Das mindere den Reformdruck in den Regierungszentralen. "Notenbankhandeln wird als Lösung für alle möglichen Probleme gesehen, die weit über die Geldpolitik hinausgehen", sagte Weidmann in einem Interview.

AUSSAGE: Mit ihre ultralockeren Geldpolitik gräbt die EZB den Banken das Wasser ab (Quelle: diverse Banken).

BEWERTUNG: Teilweise richtig.

FAKTEN: Lange verdienten Banken gut daran, dass sie mehr Zinsen für Kredite kassierten, als sie Sparkunden zahlten. Doch die Differenz aus beidem, der Zinsüberschuss, schrumpft wegen der Zinsflaute. Die Folge: Banken und Sparkassen brechen die Erträge weg. Zudem müssen sie Strafzinsen von 0,4 Prozent zahlen, wenn sie Geld über Nacht bei der EZB parken. Zugleich unterstützt die EZB allerdings Banken mit Langfristkrediten zu Mini-Zinsen. Von Juni 2016 bis März 2017 legte die Notenbank ein neues Programm mit vierjährigen Krediten auf. "Niedrige oder negative Zinssätze können nicht per se für niedrige Profitabilität verantwortlich gemacht werden", argumentiert EZB-Vizepräsident VÁ­tor ConstÁ¢ncio. Europas Banken müssten ihre Geschäftsmodelle anpassen, um ihre Geschäftsaussichten zu verbessern.

KONTEXT

Welche Banken vor dem Brexit nach Frankfurt flüchten

Frankfurt oder Paris - Hauptsache EU

Nach dem geplanten EU-Austritt Großbritanniens brauchen in London ansässige Finanzinstitute eine eigene Gesellschaft mit Banklizenz in einem Land der Europäischen Union, um ihre Produkte und Dienstleistungen in den verbleibenden 27 Mitgliedstaaten vertreiben zu dürfen. Paris, Frankfurt, Dublin und andere buhlen um die Brexit-Flüchtlinge. Insbesondere Frankfurt profitiert. Unter anderem haben sich vier der fünf größten US-Investmentbanken nach eigenen Angaben oder Informationen aus Finanzkreisen bereits entschieden, wichtige Teile ihres Geschäfts an den Main zu verlagern. Was bisher über die Planungen der Banken bekannt ist.

Quelle: Reuters

Wie viele Banker ziehen um?

Wie viele Arbeitsplätze verlagert werden, hängt insbesondere von den Vorgaben der Aufsichtsbehörden und der Ausgestaltung des Brexit ab. Die deutsche Finanzaufsicht BaFin fordert von den Banken, bei einem Umzug auch wesentliche Teile ihres Managements von Großbritannien nach Deutschland zu verlagern. Auch der EU-Finanzaufsicht ESMA sind Briefkastenfirmen ein Dorn im Auge, bei denen Banken nur formal ihren Sitz verlagern, aber der Vorstand, die IT und das Controlling weiter in London oder einem anderen Land außerhalb der EU sitzen.

Der Verband der Auslandsbanken erwartet, dass durch den Brexit in den nächsten zwei Jahren 3000 bis 5000 Arbeitsplätze in Frankfurt entstehen. Der Standortvermarkter Frankfurt Main Finance rechnet damit, dass bis 2021 rund 10.000 Stellen von der Themse an den Main verlagert werden, falls auch die Europäische Bankenaufsicht (EBA) von London nach Frankfurt sowie das Euro-Clearing - also die Abwicklung von auf Euro lautenden Derivategeschäften - verlagert werden.

Deutsche Bank - Frankfurt

Die Deutsche Bank stellt sich in ihren Brexit-Planungen auf den Extremfall ein. "Es ist wichtig, dass wir nicht bis zur letzten Minute warten", sagte Vorstandschef John Cryan vor wenigen Tagen in einer Videobotschaft an die Mitarbeiter. Das Geldhaus will Teile des Wertpapiergeschäfts nach Frankfurt verlagern. Am Firmensitz soll ein Buchungszentrum entstehen, in dem große Teile des Europa-Geschäfts mit institutionellen und Firmenkunden verarbeitet und abgewickelt werden. Die Bank werde die Londoner Infrastruktur in Frankfurt kopieren und an dieser Doppelstruktur zumindest während einer Übergangsphase festhalten, um flexibel auf den Brexit reagieren zu können, sagte Cryan.

Er ließ offen, wie viele Jobs von den Veränderungen betroffen sein werden. Vorstandsmitglied Sylvie Matherat hatte bereits im Mai eine Zahl von rund 4000 Mitarbeitern genannt, die nach dem Austritt Großbritanniens aus der EU aus London abgezogen werden könnten. Dort arbeiten derzeit fast 8600 Menschen für die Deutsche Bank.

Citigroup - Frankfurt

Die US-Großbank will eine bestehende Tochter in Frankfurt mit einer Handelslizenz ausstatten. Bisher betreibt Citi das Handelsgeschäft über ihre britische Tochter. Für das normale Bank-Geschäft in Europa soll die irische Citibank Europe plc (CEP) zuständig bleiben. Wie viele Stellen wegen des Brexits verlagert werden, steht noch nicht fest. Unter Umständen müssten etwa 150 Jobs in der EU geschaffen werden, hieß es in einem Mitarbeiterschreiben.

JP Morgan - Frankfurt

Die größte US-Bank wird sich wohl für Frankfurt als rechtlichen Sitz für sein Europageschäft entscheiden, da die Tochter am Main die erforderlichen Lizenzen schon besitzt. "Aber die Mitarbeiter könnten in Paris, den Niederlanden oder Madrid sitzen. Wir haben uns noch nicht entschieden", sagte JP-Morgan-Chef Jamie Dimon am 11. Juli.

Goldman Sachs - Frankfurt

Die US-Investmentbank hat Banklizenzen in Deutschland und Frankreich sowie Niederlassungen in weiteren Städten Europas. "In den nächsten 18 Monaten werden wir diese Standorte ausbauen, wir werden in einigen davon zusätzliche Flächen anmieten, und wir werden dort Stellen und Fähigkeiten aufbauen", sagte Europa-Chef Richard Gnodde Ende März. Die Bank beschäftigt in London rund 6000 Mitarbeiter, in Frankfurt sind es lediglich rund 200. Es sei sehr wahrscheinlich, dass sich die Zahl der Stellen in Frankfurt wenigstens verdoppeln werde, sagte Gnodde Mitte Juni.

Morgan Stanley - Frankfurt

Die US-Investmentbank will einem Insider zufolge ihren Standort in Frankfurt ausbauen. Künftig sollten 400 Banker am Main angesiedelt sein, sagte eine mit der Angelegenheit vertraute Person. Bislang arbeiten dort 200 Menschen für das US-Institut.

Standard Chartered - Frankfurt

Die britische Großbank will den Standort Frankfurt zu ihrer Europa-Basis ausbauen. "Die Wahl ist wie selbstverständlich auf Frankfurt gefallen, da wir dort eine Niederlassung haben und da auch das Euro-Clearing machen", begründete Chairman Jose Vinals im Mai die Entscheidung. Bislang hat das Geldhaus in Frankfurt rund 100 Mitarbeiter. Wie viele Beschäftigte das Institut am Ende in der Main-Metropole haben wird, hängt vom Ausgang der Brexit-Verhandlungen ab.

Mizuho Financial - Frankfurt

Die japanische Großbank will den Wertpapierhandel in der Europäischen Union künftig vom Main aus steuern. Die Bank hat angekündigt, die dafür nötige Lizenz für eine neue Tochter zu beantragen.

Sumitomo Mitsui Financial Group - Frankfurt

Das japanische Institut will eine eigene Tochter in Frankfurt gründen. Wie viele der rund 1000 Sumitomo-Financial-Mitarbeiter in London an den Main umziehen, ist noch offen.

Nomura - Frankfurt

Auch die japanische Investmentbank hat sich für Frankfurt als künftigen EU-Standort entschieden. Sie hat eine Lizenz für eine neue Tochtergesellschaft am Main beantragt. Nomura zählt 3000 Beschäftigte in Europa, die meisten davon in London. Die Bank wollte sich nicht dazu äußern, wie viele Jobs nach Frankfurt verlagert werden. Die meisten Banker dürften aber auch nach dem Brexit in London bleiben.

Daiwa Securities - Frankfurt

Der japanische Wertpapierhändler will ebenfalls eine neue Tochter am Main gründen und eine entsprechende Lizenz in Deutschland beantragen. Das Unternehmen zählt etwa 450 Beschäftigte in Großbritannien. Unklar ist bislang, wie viele Mitarbeiter nach Frankfurt wechseln, wo Daiwa bereits seine Sparte Investmentbanking angesiedelt hat.

HSBC - Paris

Das Institut will bei einem "harten" Brexit, bei dem Großbritannien seinen freien Zugang zum europäischen Binnenmarkt verliert, rund 1000 Jobs nach Paris verlagern. Die britische Großbank beschäftigt 43.000 Menschen in ihrer Heimat.

Societe Generale - Paris

Das französische Geldhaus könnte rund 400 Jobs aus dem Investmentbanking und den Firmenkundengeschäft (CIB) aus London verlagern, die meisten davon nach Paris, sagte Vorstandschef Frederic Oudea am 11. Juli. In London zählt Societe Generale bislang 2000 Beschäftigte in diesen Sparten.

BNP Paribas - Paris

Die französische Großbank könnte einem Insider zufolge bis zu 300 Investmentbanker aus London nach Frankreich verlagern. Ende 2016 zählte BNP Paribas gut 3.100 Beschäftigte in der Investmentbank in London.

Credit Agricole - Paris

Das französische Institut könnte nach eigenen Angaben rund 100 seiner 1000 Jobs in London nach Paris verlagern.

Barclays - Dublin

Die britische Großbank will ihren Standort in Dublin ausbauen. Sie spricht mit den Aufsichtsbehörden, um ihre Produkte auch künftig in den verbleibenden 27 EU-Länder anbieten zu können, wie Barclays Mitte Juli mitteilte. In der irischen Hauptstadt hat das Institut bereits eine Tochter mit Banklizenz, die bislang aber nur bestimmte Produkte anbieten darf. Die Barclays Bank Ireland zählt rund 100 Beschäftigte.

Citigroup - Dublin

Die US-Großbank hatte ihre Tochter in Dublin bereits im vergangenen Jahr ausgebaut. Die irische Citibank Europe plc (CEP) beschäftigt inzwischen fast die Hälfte der Citi-Mitarbeiter in der EU. Darüber will Citi auch künftig das normale Bank-Geschäft in Europa betreiben, für das Handelsgeschäft soll dagegen eine Tochter in Frankfurt zuständig sein.