Coronavirus und Chipmangel: VW-Tochter MAN muss gefürchtete „Force Majeure“-Klausel ziehen

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Lkw von MAN: Die VW-Tochter muss „bis auf Weiteres“ das eigene Produktionsprogramm anpassen, sprich absenken
Lkw von MAN: Die VW-Tochter muss „bis auf Weiteres“ das eigene Produktionsprogramm anpassen, sprich absenken

Es ist ein Beben, dessen Schockwellen schon bald weit hinausreichen könnten über die bayerische Landeshauptstadt: MAN, die in München ansässige Truck&Bus-Tochter des VW-Konzerns, hat jüngst die Klausel „Force Majeure“ ziehen müssen. Dies belegt ein vertrauliches Schreiben der MAN-Vorstandsmitglieder Michael Kobriger (Produktion/ Logistik) und Holger Mandel (Beschaffung) von Ende August, das Business Insider exklusiv vorliegt.

Langjährige Geschäftspartner des zur Traton-Gruppe zählenden Traditionsherstellers sind alarmiert. Wettbewerber wie Daimler (Deutschland), Volvo (Schweden) oder Dongfeng (China) horchen auf. Denn auch ihnen könnte noch „höhere Gewalt“ drohen.

„Den Begriff ‚Force Majeure’ kennt das deutsche Recht überhaupt nicht, gleichwohl ist er in Verträgen unter deutschem Recht durchaus zu finden, wo er einen Fall höherer Gewalt beschreiben soll“, heißt es bei der Internationalen Handelskammer (International Chamber of Commerce ICC, Germany). „Im Common Law steht der Begriff ‚Force Majeure’ für ein unvorhersehbares Ereignis. Es liegt außerhalb der Kontrolle der Parteien und verhindert oder behindert die Leistungserbringung.“

Die ICC Germany weiter: „Das deutsche Recht kennt nur den Begriff der ‚höheren Gewalt’. Damit werden ungewöhnliche, schadensverursachende Ereignisse beschrieben, die eine Vertragspartei ohne ihr Verschulden an der Vertragserfüllung hindern. Und just die sind MAN jetzt widerfahren: „Force Majeure because of Coronavirus“ lautet der Betreff der zweiseitigen und in Englisch gehaltenen Warnung der beiden Vorstandskollegen von MAN-Chef Andreas Tostmann.

Konsequenzen für den weltweiten Transport

Demnach breitet sich das neue Coronavirus immer weiter aus – mit signifikanten Konsequenzen für den weltweiten Transport, die Reisetätigkeit und die Produktionskapazitäten.

Als besonders stark betroffene Länder nennen Kobriger und Mandel neben Malaysia „viele andere Staaten in Südostasien“. Dort gebe es wegen Corona inzwischen so massive Restriktionen, dass „alle Bereiche der Wirtschaft“ betroffen seien. MAN verfolge die Situation minutiös.

Zahlreiche Zulieferer und Sublieferanten – darunter etwa die Hersteller der global begehrten Halbleiter –, so die Topmanager weiter, haben gegenüber MAN ihrerseits schon „Force Majeure“-Ereignisse gemeldet und den Warentransfer entsprechend reduziert, bisweilen sogar ganz eingestellt.

„Als Resultat dieser unvorhersehbaren externen Vorkommnisse, die außerhalb des Unternehmens ausgelöst wurden“, heben Kobriger und Mandel hervor, „sind wir gezwungen, ein Force-Majeure-Ereignis, das nicht auf ein bestimmtes Land begrenzt ist, zu deklarieren“.

Die weltweiten Folgen sind immens: Mit Beginn der Kalenderwoche 35 werde MAN „bis auf Weiteres“ das eigene Produktionsprogramm anpassen, sprich absenken. Die MAN-Zulieferer mögen sich bitte ähnlich verhalten und im Fall „potenzieller Risiken bei Lieferungen an MAN“ die dort jeweils zuständige Kontaktperson in Logistik und Materialwirtschaft „proaktiv verständigen“.

Kobriger und Mandel weisen darauf hin, dass die Aftersales-Aktivitäten von MAN ebenso „normal“ weiterlaufen sollen wie Forschung und Entwicklung rund um neue Produkte. Auch hier folgt ihre Aufforderung an die Zulieferer, es MAN gleichzutun.

„Das empfinden viele meiner Kolleginnen, Kollegen in der Branche und ich selbst als blanken Hohn“, sagt eine hochrangige Führungskraft eines großen deutschen Zuliefererkonzerns. „Wir sollen Knall auf Fall unsere Fertigung herunterfahren, den Verlust von Einnahmen verschmerzen, aber in den teuren Bereichen Research and Development weitermachen, als wäre nichts passiert.“

Der Personalmanager eines anderen von der „Force Majeure“-Klausel bei MAN absehbar massiv betroffenen Zulieferers beklagt „die gewaltigen Mengen von bereits fabrizierten Vorprodukten, die bald bei uns ungenutzt herumliegen werden und schon jetzt furchtbar viel Kapital binden“. Außerdem, fragt sich der HR-Spezialist: „Wie sollen wir denn wohl bitte in nächster Zeit unsere Mitarbeiter vernünftig beschäftigt halten?“

Zulieferer sind besorgt

Kobriger und Mandel schreiben zwar, dass sie „hoffen, den üblichen Geschäftsgang sehr bald wiederaufnehmen zu können“. Ohne Chips aus Fernost – und mit Corona in aller Welt – dürfte das noch für lange Zeit ein frommer Wunsch bleiben.

Immerhin: „Unsere spezielle Task Force beobachtet und bewertet die Situation aktiv“, heißt es zum Schluss der MAN-Mahnung. Doch diese „Task Force“ kann eben weder die fehlenden Halbleiter in Eigenregie herstellen noch das Coronavirus eindämmen.

„Ich bin gespannt, ob und wann MANs Mutterkonzern VW mit ‚höherer Gewalt’ nachziehen muss oder ein namhafter Autobauer wie BMW, ein Multi à la General Motors und Stellantis ebenfalls ‚Force Majeure’ zu erklären hat“, sagt der Manager eines Zulieferers „Manche Unternehmen, ich denke da an BMW, mögen zwar klüger als einige ihrer Rivalen vorgesorgt und große Chip-Bestände auf Lager genommen haben.“ Aber, so seine Befürchtung: „Ohne nennenswerten Nachschub sind irgendwann eben auch die eisernen Reserven verbraucht.“

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