Corona: Sachsens Regierungschef warnt vor «dunklen Monaten»

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Unbekannte haben das Hinweisschild zum zukünftigen Impfzentrum für das Vogtland mit dem Schriftzug «Gift» beschmiert.
Unbekannte haben das Hinweisschild zum zukünftigen Impfzentrum für das Vogtland mit dem Schriftzug «Gift» beschmiert.

Die Infektionszahlen im sächsischen Vogtland haben ungeahnte Ausmaße angenommen. Zeitweise lag die 7-Tage-Inzidenz dort zuletzt über 800. So bleibt Sachsen negativer Spitzenreiter in Deutschland. Ministerpräsident Kretschmer schwant auch für die Zukunft nichts Gutes.

Plauen (dpa) - Das Vogtland sorgt erneut als negativer Spitzenreiter in der Corona-Pandemie für Aufsehen.

War es im Frühjahr der Kreis Greiz in Thüringen, der als einer der ersten kritische Obergrenzen riss, hat sich nun der Vogtlandkreis auf sächsischer Seite an die Spitze der Negativliste deutscher Landkreise und kreisfreier Städte katapultiert: Die 7-Tage-Inzidenz lag dort in den vergangenen Tagen zeitweise über der 800er-Marke. Dabei hatte die Region im Südwesten des Corona-Brennpunkt-Landes Sachsen zuvor lange vergleichsweise moderate Infektionszahlen ausgewiesen. Wie konnte es trotz des Lockdowns mit strengen Corona-Beschränkungen in Sachsen dazu kommen?

Spielten im Frühjahr nach Behördenangaben größere Familienfeiern für die rasche Ausbreitung des Virus im Kreis Greiz eine wesentliche Rolle, gehen die aktuell schwindelerregenden Werte nun offensichtlich auf Versäumnisse im Plauener Gesundheitsamt zurück. Laut Landrat Rolf Keil (CDU) hatte sich in der Behörde ein enormer Rückstau bei der Bearbeitung der Infektionsfälle gebildet. Abzüglich der Rückstände liege das Infektionsgeschehen nicht höher als in den Nachbarlandkreisen, beteuert Keil.

Das Virus breitet sich seinen Angaben nach vor allem in Pflegeheimen aus. Aber auch Bürger, die sich nicht an die Corona-Vorschriften hielten, hätten Anteil an der aktuellen Situation. Erst am Wochenende etwa hatten Unbekannte das neue Impfzentrum des Landkreises und Wegweiser dorthin mit Farbe besprüht und so das Wort «Gift» hinterlassen.

Am Helios-Klinikum in Plauen ist von einer «dynamischen Entwicklung an Covid-19-Infektionen» im Landkreis die Rede. Deswegen hat das Krankenhaus seine Kapazitäten aufgestockt. So seien Reservebetten auf der Intensivstation aktiviert worden, sagte die Sprecherin Katharina Kurzweg auf Anfrage. Sollte die Zahl der Patienten erheblich steigen, könnten Betroffene in andere Kliniken verlegt werden. «Dies war bisher nicht nötig.»

Zumindest der Rückstau im Gesundheitsamt wird seit Mitte Dezember mit zusätzlichem Personal abgearbeitet - und treibt seither die Statistik nach oben. Viele der jüngst ans Robert Koch-Institut (RKI) gemeldeten Neuinfektionen lägen deswegen schon einige Zeit zurück und spiegelten nicht das aktuelle Infektionsgeschehen wieder, hieß es am Montag aus dem Landratsamt.

Tatsächlich zeigt die Kurve für den Landkreis nach unten. Wurden dem RKI am 29. Dezember noch mehr als 400 Corona-Fälle gemeldet, waren es in den vergangenen Tagen jeweils weit unter 100. Bis Montag ging die 7-Tage-Inzidenz im Vogtlandkreis laut RKI auf knapp 632 zurück. Damit rangierte die Region aber immer noch vor dem Landkreis Meißen (530) und dem Altenburger Land in Thüringen (knapp 468) an der bundesweiten Spitze.

Für Deutschland insgesamt lag der Wert im Schnitt bei etwa 139 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen, in Sachsen mit der höchsten Inzidenz aller Bundesländer bei 323. Doch bleibt eine Interpretation der Daten schwierig, weil um Weihnachten und den Jahreswechsel Corona-Fälle laut RKI verzögert entdeckt, erfasst und übermittelt wurden.

Angesichts solch hoher Zahlen nicht nur im Vogtland rücken Lockerungen der Corona-Beschränkungen offensichtlich in weite Ferne. So sprach sich Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) am Montag für eine Verlängerung des Lockdowns über den 10. Januar hinaus aus und wollte sich nicht auf einen Zeitpunkt für eine Öffnung von Schulen und Kindergärten festlegen.

Kretschmer bezog sich auf Erfahrungen mit dem «Lockdown-Light». Damals habe man gemerkt, dass geöffnete Schulen und Geschäfte keine Wirkung erzielen. «Wenn wir nicht in diesen Jo-Jo-Effekt verfallen wollen - lockern, schließen, wieder öffnen und dann wieder harte Maßnahmen -, sollten wir jetzt etwas Nerven behalten.» Man habe als Instrument nur die Kontaktvermeidung.

Es sei ratsam, noch eine gewisse Zeit in Ruhe zu verharren, unterstrich der Regierungschef. «Wir werden in Sachsen die Schulen nicht gleich öffnen, sondern erst einmal bis Ende Januar geschlossen halten.» Kretschmer düster: «Vor uns liegen jetzt dunkle Monate. Das ist der Unterschied zum vergangenen Jahr - da kam nach der ersten Welle direkt der Sommer und hat viele Probleme beseitigt. Darauf können wir jetzt nicht hoffen.»

Am Dienstag wollen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten der Länder über die seit Mitte Dezember geltenden Beschränkungen des öffentlichen Lebens entscheiden. Die Mehrheit der Ministerpräsidenten ist für eine Verlängerung der Corona-Maßnahmen bis Ende Januar.