Bundesliga-Bosse bei SPORT1: So verändert Corona die Planungen

Patrick Berger

Die Bundesliga kämpft in der Corona-Krise darum, die Saison einigermaßen normal zu Ende zu bringen. Für viele Klubs geht es ums Überleben.

Erschwerend hinzu kommt, dass die Sportchefs und Kaderbastler kaum planen können. Ihnen sind aufgrund der Ungewissheit schlichtweg die Hände gebunden.

Auch RB braucht TV-Einnahmen

"Du weißt nicht, wie morgen deine eigene finanzielle Ausstattung sein wird", sagt etwa Markus Krösche im Gespräch mit SPORT1. Der Sportdirektor von RB Leipzig führt aus: "Du hast gewisse Budgets, in denen du dich bewegen kannst, du kennst den Markt und hast Kenntnisse über Gehälter und Ablösesummen. Aber keiner weiß, wie sich das mit Blick auf fehlende Sponsoren- und TV-Gelder entwickelt."


750 Millionen Euro stehen insgesamt für die 36 Profiklubs der 1. und 2. Liga auf dem Spiel. Jeder ausgefallene Spieltag kostet die Klubs insgesamt rund 90 Millionen Euro. Zur Disposition stehen: 330 Millionen Euro aus TV-Vermarktung, 240 Millionen Euro aus Sponsoring, 130 Millionen Euro aus Stadion-Einnahmen.

"Wir sind auf erfolgreichen Fußball angewiesen", sagt Krösche, "Champions League spielen, überhaupt Fußball spielen. Wenn das nicht gewährleistet ist, dann sinken unsere Einnahmen. Haupteinnahmequelle eines Bundesligisten sind nun mal die Fernsehgelder."


Selbst bei RB Leipzig rechnen sie mit gespitztem Bleistift, um die über 400 Mitarbeiter weiterhin halten zu können. "Wir werden genauso unsere Schwierigkeiten haben wie andere Vereine auch. Denn irgendwann kommen wir alle an unsere Grenzen und müssen Einnahmen generieren", erzählt Krösche.

Krösche scoutet Spieler von Zuhause aus

Krösche nutzt die spielfreie Zeit, um seine Arbeit von Zuhause aus sogar zu intensivieren. Er verrät: "Ich kümmere mich weiterhin um sportliche Dinge, setze mich mit dem Kader und möglichen Alternativen auseinander. Ich kann die Zeit nutzen, um den einen oder anderen Spieler noch intensiver anzuschauen, mir Scoutingberichte in Ruhe durchzulesen. Die Arbeit geht weiter."

Der 39-Jährige verschafft sich vor allem einen genauen Marktüberblick. "Ich beschäftige mich mit Alternativen für die nächsten zwei Jahre und schaue mir Ligen an, auf denen ich zuletzt vielleicht nicht so sehr den Fokus hatte. Zurzeit sind aber keine konkreten Deals möglich!"

Krösche führe zwar Gespräche mit Beratern, Spielern und Vereinen, könne aber nach jetzigem Stand eben keine Versprechungen oder gar verlässliche Angebote machen.

Schneider erwartet anderen Transfermarkt im Sommer

Ähnlich sieht es auch bei Jochen Schneider aus. Der aktuelle Sportchef von Schake 04, der auch mal in Leipzig gearbeitet hatte, spricht bei SPORT1 gar von der "schwierigsten Phase, seit ich in dem Geschäft arbeite".

Zwar habe er die Kirch-Krise vor 18 Jahren miterlebt, die sei allerdings ein singuläres Problem der Bundesliga gewesen. Die Pandemie dagegen betreffe den ganzen Fußball und die ganze Welt. Schneider rechnet nun mit erheblichen Veränderungen auf dem Transfermarkt.


"Wir werden einen gänzlich anderen Transfermarkt im Sommer vorfinden", sagt der 49-Jährige. "Wir wissen noch gar nicht, wann der beginnen wird, weil wir vielleicht noch den Juli brauchen, um die Saison zu beenden." Es werde zwar noch Spitzentransfers geben, "aber man muss kein Prophet sein, um zu sagen, dass diese auf einem wirtschaftlich geringen Niveau sein werden."

Schalke stoppt Investitionen, Dortmund abgesichert

Auf Schalke, wo man schon im Geschäftsjahr 2019 ein Minus von 26,1 Millionen Euro gemacht hat, haben sie längst in den Corona-Modus geschaltet. Ziel: Knallhartes Sparen, um in diesen schweren Zeiten wirtschaftlich überleben zu können.

"Wir haben verschiedene Maßnahmen getroffen. Bei uns gibt es einen Einstellungs- und Investitionsstopp. Auch Transfergespräche sind vorerst auf Eis gelegt. Es geht jetzt um andere Dinge. Wir müssen Prioritäten setzen", sagt Schneider.

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Beim Schalke-Rivalen Borussia Dortmund weisen sie ausdrücklich darauf hin, dass der Geschäftsbetrieb trotz Corona-Krise sichergestellt ist. Das liegt zum einen an diversen Rücklagen, zum anderen aber auch an einem Dispo-Kredit, der erst Anfang des Jahres von bisher 30 Millionen auf 60 Millionen Euro aufgestockt wurde.

Dennoch sagt Sportdirektor Michael Zorc zu SPORT1: "Wir befinden uns in einer Situation, die es so noch nie gegeben hat im Profi-Fußball. Es geht einzig und allein darum, diese Situation jetzt bestmöglich zu meistern."

Zorc: Darum geht es jetzt

Einfach ist die Situation auch für den 57-Jährigen keineswegs. Schließlich laufen im Sommer die Verträge von Achraf Hakimi (Leihende), Mario Götze und Lukas Piszczek aus. Bis zum 30. Juni sind zudem sieben Kicker, darunter André Schürrle (Spartak Moskau), Marius Wolf (Hertha), Ömer Toprak (Werder) und Jeremy Toljan (Sassuolo), an andere Vereine verliehen.

Auch fraglich, was mit Jadon Sancho passiert, an dem mehrere englische Spitzenklubs interessiert sind. Zorc: "Es geht momentan vor allem darum, die aktuelle Situation zu meistern, als perspektivisch zu arbeiten. Es geht darum, wie und in welchem Maße wir trainieren, wann wir wieder Fußball spielen können und nicht darum, welches Team wir am 1. August auf dem Platz haben werden."


Ebenfalls nicht existenziell bedroht ist der VfL Wolfsburg als einhundertprozentige Volkswagen-Tochter. Verluste werden dank des 2011 geschlossenen Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag zwischen dem Autokonzern und der VfL GmbH ausgeglichen.

Dennoch sagt VfL-Sportchef Jörg Schmadtke zu SPORT1: "Wir müssen vernünftig wirtschaften und schauen, was sinnvoll ist. Wir werden genau die gleichen Probleme haben, wie andere Vereine auch. Wir sitzen alle im selben Boot und müssen schauen, wie wir mit dem Schaden umgehen. Keiner weiß, wie groß er am Ende wirklich sein wird."

Schmadtke glaubt an Transfer-Crash im Sommer

Auch Schmadtke glaubt aufgrund der Corona-Krise an einen Transfer-Crash. "Ich bin sehr gespannt, wie sich das alles entwickelt. Es ist nicht gerade davon auszugehen, dass wir sehr preisintensive Transfers im Sommer sehen werden."

Bei den Grün-Weißen läuft der Vertrag von Stamm-Innenverteidiger Robin Knoche aus, zudem hat man bis Saisonende die Spieler Jeffrey Bruma (Mainz), Felix Uduokhai (Ausgburg) und Yunus Malli (Union) an andere Vereine verliehen.

"Wir führen schon noch Transfergespräche", sagt Schmadtke, "aber mit dem Wissen, dass sich alles jederzeit wieder ändern kann. Das macht die Sache ziemlich schwierig für uns."

Für Eberl sind Transfer-Themen ein nachgelagertes Thema

Auch für Gladbachs Sportchef Max Eberl sind Transfers aktuell "leider erstmal ein nachgelagertes Thema". Es gehe, wird der 46-Jährige in der Rheinischen Post zitiert, jetzt erst einmal um das Überleben des deutschen Fußballs.

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"Da sind solche Themen, leider für die Jungs, die es betrifft, hinten angestellt. Aber auch das habe ich aus den Gesprächen mit der Mannschaft mitgenommen: Die Spieler wissen das und wissen auch, dass es nicht aus der Welt ist. Wenn diese finanziellen Stromschnellen umschifft sind, wieder gespielt werden kann und eine Entspannung da wäre, dann werden wir uns auch mit der Kaderplanung intensiv beschäftigen."

Betroffen sind Fabian Johnson, Tobias Strobl, Raffael und Oscar Wendt, deren Verträge allesamt im Sommer auslaufen. Eberl abschließend: "Wir wollen das natürlich tun, aber wie gesagt: Momentan sind andere Themen im Klub da: Menschen, die in Kurzarbeit sind, Menschen, die Sorgen haben. Wir werden alles dafür tun, dass wir niemanden entlassen müssen."