Top-Sprinterin im Bob: "Werde mich nicht doof anstellen"

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Top-Sprinterin im Bob: "Werde mich nicht doof anstellen"
Top-Sprinterin im Bob: "Werde mich nicht doof anstellen"

Von der Tartanbahn in den Eiskanal!

Während es für viele Athletinnen und Athleten ein ferner Wunsch bleibt, überhaupt einmal bei den Olympischen Spielen anzutreten, könnte sich Alexandra Burghardt diesen Traum gleich zweimal innerhalb weniger Monate erfüllen.

Deutschlands aktuell schnellste Sprinterin - bei den Sommerspielen in Tokio lief sie bis ins Halbfinale - will zusammen mit Olympiasiegerin Mariama Jamanka im Zweier-Bob zu den 24. Olympischen Winterspielen in Peking. (NEWS: Alles zum Wintersport)

Die Entscheidung, dieses Abenteuer anzugehen, hat sie lange gescheut, nun fühlt sie aber die Zeit dafür gekommen.

Bei SPORT1 spricht sie über ihre ersten Fahrten und das Weltcup-Debüt in Innsbruck-Igls. Dazu gibt sie einen Ausblick auf die nähere Sprint-Zukunft und warum für sie die Corona-Pandemie ein Vorteil war.

SPORT1: Am Sonntag werden Sie in Innsbruck Ihr Debüt im Zweierbob feiern. Wie kam diese Entscheidung zustande?

Alexandra Burghardt: Ich wurde in den letzten Jahren schon einige Male angesprochen, weil es öfter vorkommt, dass Sprinterinnen zum Anschub in den Bobsport wechseln. Ich wollte das aber nie machen, weil ich das Gefühl hatte, dass es wie eine Flucht aus dem Sprint gewesen wäre. Ich wurde in diesem Herbst erneut angesprochen und jetzt war es eine andere Situation, weil es im Sommer so gut im Sprint lief. Deshalb habe ich darin eine Chance gesehen, nach Tokio im Sommer erneut ein olympisches Erlebnis zu haben und eine neue Herausforderung anzugehen. Im Endeffekt habe ich mich dazu entschieden, mich in dieses neue Abenteuer zu stürzen.

Alexandra Burghardt: Wechsel in den Eiskanal ist kein Ausweg aus der Leichtathletik

SPORT1: In der Vergangenheit waren es vermehrt Sprinter*innen, die nicht mehr so erfolgreich waren und dann in den Bobsport gewechselt sind. Bei Ihnen ist das genau umgekehrt. Wollen Sie sich mit Ihrem Leistungshoch jetzt auch im Bobsport beweisen?

Burghardt: Es war mir sehr wichtig, dass ich es nicht als Ausweg oder als zweite Chance sehen. Ich verbinde es miteinander und mache beides parallel, allerdings werde ich im März dann wieder voll zur Leichtathletik zurückkehren. Für mich ist es eine neue Herausforderung und eine Möglichkeit, vielleicht bei zwei Olympischen Spielen innerhalb von wenigen Monaten anzutreten, das macht es für mich sehr reizvoll. Es ist auch etwas Neues. Ich denke, es tut gut, auch mal etwas anderes zu sehen und andere Sichtweisen einzunehmen. Ich muss mich hier zum Beispiel in der Kälte aufwärmen, das wird mich gut auf alles Weitere in der Leichtathletik vorbereiten. (NEWS: Alles zur Leichtathletik)

SPORT1: Sie kommen aus Bayern. Spielt das auch Rolle, dass man dort einen größeren Bezug zu Bergen und Wintersport hat?

Burghardt: Könnte man meinen, aber es ist eher mein Trainer Patrick Saile, der sehr bobsportbegeistert ist, mehrere Athleten betreut und den Kontakt hergestellt hat. Aktuell gibt es die Bobbahn in Berchtesgaden leider nicht mehr, die für mich als Trainingsbahn gut gewesen wäre. Ich habe jetzt erst sechs Fahrten im Eiskanal, was nicht besonders viel ist für einen ersten Weltcup. Ich schau einfach was passiert und konzentriere mich auf das Wesentliche.

Das erste Mal im Bob? „Durchaus etwas Unwohlsein“

SPORT1: Wann saßen Sie zum ersten Mal im Bob? Und wie war das Gefühl?

Burghardt: Erst vor einer Woche (lacht). Es ist sehr aufregend, ich hatte keine Angst, aber durchaus etwas Unwohlsein, weil ich nicht wusste, was mich erwartet. Man hört im Vorfeld immer viel und redet mit den Leuten, aber am Ende des Tages muss man es erstmal selbst erlebt haben, um auch diese Kräfte, die auf einen wirken, zu spüren. Es war zu Beginn etwas holprig, weil ich noch nichts davon jemals gemacht habe. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, besonders, was die G-Kräfte angeht.

SPORT1: Wie waren die ersten Zeiten? Und was ist Ihr Ziel in Ihrem ersten Wettkampf?

Burghardt: Das ist schwer zu sagen, weil die Bahn in Igls sehr witterungsabhängig ist und sich von Lauf zu Lauf verändert. Deshalb lässt sich das schlecht vergleichen. Ein konkretes Ziel habe ich nicht. Ich versuche, mich zu fokussieren, weil ich zurzeit sehr viel im Kopf habe. Ich will einfach meinen Job machen. Im Ziel wird man dann schauen, wofür das reicht.

„Ich gehe davon aus, dass ich mich nicht doof anstelle“

SPORT1: Wie hoch sehen Sie die Chancen, sich für Olympia zu qualifizieren?

Burghardt: Das werden die Fahrten zeigen. Ich höre immer wieder, dass Winterberg und Altenberg ein anderes Brett sein sollen. Vor Weihnachten werden wir wissen, wo wir stehen. Ich gehe davon aus, dass es gut wird und ich mich nicht doof anstelle und dann sollte es möglich sein.

SPORT1: Können Sie das Sprinttraining in der Leichtathletik mit dem Job als Anschieberin in Einklang bringen?

Burghardt: Es war mir ein großes Anliegen, dass mein Leichtathletiktraining darunter nicht leidet. Ich fahre zurzeit zweigleisig, was auch nur funktioniert, weil ich nicht die volle Weltcupsaison im Bob mitmache. Dadurch wird es nicht zu viel und das Risiko von Verletzungen sinkt. Ich habe mir die Weltcups ausgesucht, an denen ich teilnehmen wollte und wo ich nebenbei gut trainieren kann.

SPORT1: Die Olympischen Spiele würden in die Hallensaison der Leichtathletik fallen. Das heißt, Sie müssten darauf verzichten, oder?

Burghardt: Die Hallensaison würde zumindest kleiner ausfallen. Es wird schwierig, ich muss schauen, wie ich mich dann fühle. Ich würde gerne zumindest einen Wettkampf in der Halle absolvieren. Die Hallen-WM habe ich aber ohnehin nicht geplant, damit ich für den Sommer fit bin.

Corona als Glücksfall

SPORT1: In der Sommersaison haben Sie an der Zehn-Sekunden-Marke gekratzt und sind zur besten deutschen Sprinterin geworden. Wie denken Sie jetzt einige Zeit später über diese Leistungsexplosion?

Burghardt: Bei mir kam diese Leistung tatsächlich durch die Corona-Pandemie zustande. Seit Bekanntgabe der Verschiebung der Olympischen Spiele bin ich keinen Meter gelaufen und habe mich auf das Krafttraining und die Reha fokussiert - bis zu dem Moment, in dem ich wusste, dass mein Körper das aushält. Als Profi nimmt man sich normalerweise nicht sechs Monate Zeit dafür, weil man immer irgendwelche Zeitpläne einhalten muss. Das war mein Glück. Deshalb war es für mich nicht überraschend, dass es gut ist, aber dass es so gut ist, kam dann doch unerwartet.

SPORT1: 2022 kann noch besser werden. Erst die Spiele in Peking, dann die WM und zum Abschluss die Heim-EM. Was ist Ihnen am wichtigsten?

Burghardt: Am wichtigsten ist mir die Heim-EM. München ist für mich „dahoam“. Ich wohne unweit von München und habe auch dort mal studiert. Für mich ist das wie mein Wohnzimmer. Wenn ich daran denke, weiß ich, dass da 200-300 Leute im Stadion sein werden, die ich wirklich sehr gut kenne. Das wird für mich einmalig.