Corona und die Formel 1: Wie sehr wackeln die letzten Saisonrennen?

Christian Nimmervoll
·Lesedauer: 6 Min.

Während Regierungschefs in halb Europa ihre Bevölkerung gerade in einen zweiten Corona-Lockdown schicken, sind die Verantwortlichen der Formel 1 zuversichtlich, dass die verbleibenden vier Saisonrennen in der Türkei (15. November), in Bahrain (29. November und 6. Dezember) und in Abu Dhabi (13. Dezember) planmäßig stattfinden können.

"Die Lockdowns, die wir jetzt in Europa sehen, sind ganz anders als die Lockdowns im Frühling", macht Mercedes-Teamchef Toto Wolff Mut. Damals wurden praktisch alle Aktivitäten stillgelegt, inklusive der Industrie, während sich die Maßnahmen jetzt vor allem auf den Freizeitbereich konzentrieren, um ein Einbrechen der Wirtschaft zu verhindern.

"Soweit ich das in Frankreich und Deutschland sehe, wird der Zugang zu Pubs, Restaurants und anderen Freizeitaktivitäten gestoppt. Aber in die Arbeit zu gehen bleibt für die erlaubt, die arbeiten müssen", so Wolff. "Das wird sich auf unser aller Leben sicher auswirken und einige Industrien schwer treffen. Aber ich glaube, wir können einen Workaround finden."

Potenziell saisongefährdend sind aber ohnehin weniger die Einschränkungen im Land der jeweiligen Fabriken als vielmehr etwaige Restriktionen im Bereich des internationalen Flugverkehrs. Wenn etwa die Regierung in London beschließen sollte, dass Einreisende aus dem Mittleren Osten nicht mehr ins Land dürfen (oder umgekehrt), ist Schicht im Schacht.

Portimao-Gipfel: Kein Corona-Plan-B beschlossen

Die Coronasituation wurde am Montag beim Treffen der Formel-1-Kommission in Portimao besprochen. Einen konkreten Plan B, sollten die verbleibenden Rennen aufgrund politischer Maßnahmen ausfallen, gibt es allerdings nicht. "Wir wissen nicht, ob wir alle Rennen fahren können. Die Gesundheitsfrage steht natürlich im Vordergrund", betont Wolff.

"Wir liegen da in den Händen der Gesundheitsbehörden in den jeweiligen Ländern, die wir besuchen. Es geht darum, ob die zulassen, dass wir kommen und dort ein Motorsportevent veranstalten. Wenn diese Leute entscheiden, dass das ein zu großes Risiko wäre, dann können wir dort natürlich nicht fahren", erklärt er.

Zumindest seitens der britischen Regierung, von deren Entscheidungen sieben von zehn Teams unmittelbar betroffen sind, gibt es aktuell keine Auflagen, die eine Ausreise in die verbleibenden Länder des Formel-1-Kalenders verhindern würde. Auch eine Rückreise nach den Rennen nicht.

Im schlimmsten Fall, sollten die Maßnahmen weiter verschärft werden, müssten sich die Teammitglieder nach dem letzten Rennen in Quarantäne begeben. Das wäre zwar nach einer langen und kraftraubenden Saison viel abverlangt - aber vermutlich ein Opfer, das die Teams ihren Mitarbeitern gerade noch zumuten könnten.

Doch die Zukunft zu planen, ist in der aktuellen Situation unmöglich. Die Infektionszahlen haben längst exponentielles Wachstum erreicht und explodieren. Der Gesundheitsversorgung droht die Überlastung. Sollten die Maßnahmen nicht wirken, wären weitere Verschärfungen der logische nächste Schritt. Früher oder später würde das wohl die Absage der restlichen Rennen bedeuten.

"Die Fälle steigen halt weiter an", sagt Williams-Technikchef Dave Robson. "Ich denke, dass wir alles unternommen haben, was möglich ist. Aber es kann jetzt ganz schnell gehen. Das ist das Problem. Dass zuerst noch alles in Ordnung ist, aber dann beginnt es auch den Paddock zu infiltrieren, trotz aller Kontrollen. Das kann niemand seriös vorhersagen."

Bilanz bisher: 60.000 Tests, nur 54 Infektionen

Bisher hat die Formel 1 mit ihrem "Bubble"-Konzept und den vielen Tests Erfolg gehabt. Insgesamt wurden innerhalb des Reisetrosses seit Beginn der Pandemie 60.000 Tests durchgeführt. Dabei konnten 54 Infektionen mit dem SARS-CoV-2-Virus festgestellt werden. Das umfasst allerdings nicht das komplette Formel-1-Personal, sondern nur jene Mitarbeiter, die zu den Rennen reisen.

Die Formel 1 mache "einen großartigen Job", findet Wolff, und weil alle in ihren "Bubbles" bleiben, "stellen wir, glaube ich, für ein Land, das wir besuchen, kein Risiko dar. Wahrscheinlich sind wir die sicherste Menschenansammlung, die es gibt." Letztendlich, räumt er ein, können das aber keine Teamchefs oder Sportfunktionäre beurteilen, sondern nur ausgebildete Virologen.

"Es ist eine dynamische Situation", sagt McLaren-Teamchef Andreas Seidl. "Wir müssen von Tag zu Tag reagieren. Wir Formel-1-Teams sind ziemlich flexibel, wenn wir uns an neue Rahmenbedingungen anpassen müssen. Und die britischen Teams sitzen sowieso alle im selben Boot. Ich bin mir sicher, dass wir eine gute Lösung für alle Probleme finden werden."

Eines davon könnte sein, dass die Teams von ihren Zulieferbetrieben im Stich gelassen werden, sollte der Lockdown weiter verschärft werden. Aus Williams-Sicht ist das aber Stand heute keine akute Sorge: "Wir machen zum Glück viel selbst", sagt Robson. "Und die meisten Komponenten, die wir für diese Saison brauchen, haben wir schon bei uns lagernd."

"Die Tatsache, dass die Zahlen steigen, können wir nicht ignorieren", ergänzt Wolff. "Wenn einige Länder ihre Grenzen schließen, wird sich das natürlich auf die Formel 1 auswirken. Aber Stand heute sagt Chase (Carey, Formel-1-CEO; Anm. d. Red.), dass es weitergeht. Er sagt aber auch, dass es angesichts der Zahlen nicht weiß, was nächste Woche ist. Da müssen wir anpassungsfähig bleiben."

Ab wann sinken die Einnahmen für die Formel 1?

Aus wirtschaftlicher Sicht wäre es für die Formel 1 wichtig, zumindest 16 der geplanten 17 Rennen durchzubekommen. Das ist angeblich die magische Zahl, unter der die Einnahmen aus den TV-Verträgen dramatische Abschläge erleiden würden. Das würde die Einkünfte von Rechteinhaber Liberty Media und den Teams stark reduzieren, heißt es.

Weil die Vereinbarungen des Concorde-Agreements streng vertraulich sind, äußert sich zu solchen Themen zumindest offiziell niemand. Somit bleibt die Anzahl der für die TV-Verträge relevanten Rennen dem medialen Rätselraten überlassen. Zumindest in einer älteren Version des Concorde-Agreements, das wissen wir mit Sicherheit, lag die Zahl bei 16 Rennen.

Den sonst so coolen Haas-Teamchef Günther Steiner beunruhigt vor allem, "dass die Zahlen überall steigen. Vielleicht gibt es irgendwo ein Land, wo es nicht so ist. Aber in den meisten Ländern steigen die Zahlen sehr schnell. Wir tun unser Bestes, um sicher zu bleiben. Mehr können wir nicht tun. Diszipliniert sein. Aber jeder kann sich das Virus holen."

Unabhängig davon, ob die Saison 2020 wie geplant zu Ende gefahren werden kann oder nicht, steht eins schon fest: "Die Zukunft wird hart für uns, auch nächstes Jahr", befürchtet Renault-Teamchef Cyril Abiteboul, von den Lockdowns in Frankreich und England gleich doppelt betroffen. "Hoffentlich wirkt sich der Lockdown auf die Teams nicht mehr so stark aus wie beim ersten Mal."

Der neue Formel-1-Boss Stefano Domenicali werde gleich zu seinem Einstieg am 1. Januar eine denkbar schwierige Aufgabe zu lösen haben: "Der erste Punkt auf seiner Agenda wird die Notlage sein, in der wir uns gerade befinden. Ich mache mir im Hinblick auf nächste Saison Sorgen", gibt Abiteboul zu.

"Es wird nicht wieder normal werden", befürchtet er. "Wir müssen sehen, wie die Teams nach einem Jahr der wirtschaftlichen Notlage reagieren. Alle von uns müssen jetzt das Geld anzapfen, das wir eigentlich für nächste Saison zur Seite gelegt hatten. Sowohl die Werks- als auch die Privatteams. Es wird einige Formel-1-Teams sehr hart treffen, denke ich."

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.