Lockdown-Horror: Ballsportarten kämpfen um jeden Strohhalm

Christian Paschwitz
·Lesedauer: 7 Min.

Deutschland einig Coronaland - von wegen.

So sehr die Pandemie die Republik insgesamt zwar im Würgegriff hält, so unterschiedlich legt das Virus die verschiedenen Sportarten lahm. Vor allem die Hallen- und Indoor-Sportarten sehen sich dabei mit gewaltigeren Herausforderungen denn je konfrontiert angesichts der derzeit ungebremsten Anstiegs von Neuinfektionen.

Wie aber gehen Handball, Basketball, Eishockey, Volleyball und Co. mit der sich zuspitzenden COVID-19-Situation um, während der Fußball ebenso mit den Corona-Auswirkungen kämpft, als Freiluft-Sport allerdings günstigere Rahmenbedingungen in Anspruch nimmt.

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Wer darf was, wer macht was? Was ist wo erlaubt, und wer zieht in welcher Sportart (bald) die Reißleine? Vor der für Mittwoch angesetzten Ministerpräsidenten-Konferenz mit Bundeskanzlerin Angela Merkel, bei der weitere Einschränkungen auch für den Sport drohen, versucht SPORT1 eine Einordnung und gibt einen Überblick.

HANDBALL:

Im Wochentakt treffen sich inzwischen die Verantwortlichen der Handball-Bundesliga (HBL) - nicht zuletzt um auf Veränderungen zu reagieren. "Wir schauen deshalb natürlich mit Spannung auf die Ministerpräsidenten-Zusammenkunft", sagt Frank Bohmann bei SPORT1.

Infolgedessen schließt der HBL-Geschäftsführer weitere Maßnahmen nicht aus, ohne dabei jedoch vorab ins Detail gehen zu wollen. Sorgen bestehen vor allem ökonomisch: "Man kann uns nicht mit dem Erstellen von Konzepten beauftragen, die dann greifen und einwandfrei funktionieren, um der Sache im nächsten Schritt - nur um ein politisches Zeichen zu setzen - den Riegel vorzuschieben."

Geschehe dies jedoch und spielte man womöglich "gar nicht mehr vor Zuschauern, dann stünden wir vor einer völligen Neubewertung - und müssten kalkulieren, wie wir überhaupt weitermachen können."

Bedeutet konkret: Wie viele der wirtschaftlich ohnehin kriselnden Klubs weitere Auflagen wie beispielsweise Geisterspiele oder einen erneuten Saisonabbruch überhaupt überleben würden, ist unklar. Die Folgen jedenfalls wären drastisch.

Hanning: Weiterer Lockdown kaum zu verkraften

"Ein weiterer Lockdown wäre kaum noch zu verkraften", hatte dazu kürzlich auch Bob Hanning, Geschäftsführer der Füchse Berlin, gesagt und an den vorzeitigen Abbruch der Vorsaison erinnert. "Wir hoffen, dass die Politik ihre Entscheidungen auf Basis von Fakten trifft und nicht auf Basis von Symbolen", ergänzt Bohmann nun bei SPORT1.

Dass die HBL nach fünf absolvierten Spieltagen weitgehend um Ausfälle herumgekommen ist bei einer zugebilligten Zuschauer-Auslastung von 20 Prozent, macht dem Liga-Lenker etwas Mut: "Die Hygiene- und Betriebskonzepte, die wir mit dem Basketball ausgearbeitet haben, funktionieren gut." Infektionsketten seien durch die Gesundheitsämter bisher bestens nachverfolgbar gewesen, "es hat sich bisher noch kein Zuschauer bei einer Sportveranstaltung angesteckt."

Ein "Flickenteppich" als Konsequenz auf regional unterschiedliche Inzidenzwerte ist dennoch weiterhin zu erwarten: "Das halte ich auch für richtig, weil die Situation an den Standorten unterschiedlich ist und wir dem unterschiedlich begegnen müssen", so Bohmann.

Siehe den Amateurbereich: Während in manchen Handball-Landesverbänden der Spielbetrieb seit Anfang Oktober läuft, sind andere wie in Bremen noch gar nicht gestartet - einige werden es auch vorerst nicht. Mancherorts wiederum wie in Bayern ist die Saison wegen steigender Zahlen für einen gewissen Zeitraum schon wieder unterbrochen worden.

BASKETBALL:

Die Furcht vor dem Fan-Verbot und Angst vor dem Lockdown treibt auch Deutschlands Basketballer um. Für Stefan Holz ist die "absolute Baseline, dass Spiele stattfinden können. Es wäre ein Desaster, wenn es wieder einen Lockdown geben würde", warnte der BBL-Chef. "Wenn man uns den Spielbetrieb bis auf Weiteres einstellt, kann man den Laden zusperren."

Holz betonte, dass die easycredit BBL zunächst mit einer Leitlinie von 20 Prozent der Zuschauerkapazität mit abgestuften Inzidenzfällen weiterarbeiten könne. Dies sei zwar "im Prinzip auf Dauer wirtschaftlich zu wenig", man bleibe aber weiter demütig.

Wichtig sei, dass es auch weiter eine "Ausnahmeformulierung" gebe, damit mehr Zuschauer in die Arenen kommen können, sobald es die lokalen Situationen und die entsprechenden Hygienekonzepte zulassen.

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Anders als im Handball hat der Basketball indes deutlich stärker mit Neuinfektionen und daraus resultierenden Folgen zu kämpfen - nicht nur in den europäischen Wettbewerben. Nachdem alle geplanten Pokalspiele mit Beteiligung von Meister ALBA Berlin wegen mehrerer COVID-19-Fälle abgesagt werden mussten, waren am vergangenen Wochenende drei Spielausfälle hinzugekommen.

Folge: Die kompletten Mannschaften von medi Bayreuth und Telekom Baskets Bonn wurden auf behördliche Anweisung unter Quarantäne gestellt - zum Ärger auch von Holz.

"Vielleicht ist es wie so oft im Leben auch eine Frage der Kommunikation mit den Gesundheitsämtern", so der BBL-Boss. Es sei schwer nachzuvollziehen, "dass dann gleich ein gesamtes Team weggesperrt wird." Dass verglichen damit im Fußball zuletzt nur Betroffene isoliert wurden, kann sich Holz "auch nicht erklären".

Bleibt das Vorgehen der Gesundheitsämter so wie zuletzt, sieht Holz die Durchführung der Bundesliga-Saison (ab 6. November) gefährdet. "So macht es keinen Sinn. Es wird die Fälle weiterhin geben."

Eine Sicht, die sich mit der von Handball-Funktionär Bohmann deckt: "Das würde am Ziel, mit dem Virus in verantwortungsvoller Weise umzugehen und zu leben, komplett vorbeigehen. Da sollte man auch die Verhältnismäßigkeit im Auge behalten."

EISHOCKEY:

Ohnehin ist der Sport für viele "ein Musterbeispiel, wie man ein öffentliches Leben mit der Krankheit arrangieren kann" (Bohmann). Wie die Eishockey News berichten, beschäftigt sich die Deutsche Eishockey Liga (DEL) daher mit verschiedenen Optionen für den erhofften Saisonstart in der zweiten Dezember-Hälfte.

Unter anderem ist auch ein Modell mit 52 Hauptrunden-Spieltagen ohne Playoffs in der Pipeline. "Das ist eine Möglichkeit. Wir sind aber total flexibel und haben 1.000 Optionen", wird Geschäftsführer Gernot Tripcke in dem Fachmagazin zitiert.

Auch eine Aufteilung der Liga in eine Nord- und Südgruppe ist offenbar ein Gedankenspiel. Damit sollen Übernachtungskosten und die mit Reisen verbundenen Ansteckungsgefahren verringert werden.

Der Auftakt in die DEL-Saison 2020/21 war aufgrund der Coronavirus-Krise und deren Folgen bereits zweimal verschoben worden, ursprünglich war er bereits für Mitte September vorgesehen. Am 11. November soll nun ein Testturnier als Vorbereitung auf einen erhofften Saisonstart mit 8 der 14 Klubs beginnen.

Fraglich erscheint aber so oder so: Was passiert, wenn Zuschauer verboten werden oder zur Eindämmung der Infektionszahlen gar systematisch sogenannte "Kurz-Shutdowns" verhängt werden, wie der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach und der Virologe und Regierungsberater Christian Drosten vorschlagen?

Für DOSB-Präsident Alfons Hörmann käme dies einem Untergangsszenario gleich: "Die Rücklagen sind aufgebraucht, die Vereine und Verbände haben keine Luft mehr zum Atmen."

Und auch DEL-Boss Tripcke warnt: "Wenn die Politik aber Zuschauer verbietet, entzieht sie dem Profisport die Basis zum Überleben."

VOLLEYBALL:

Wie nah dran an einem totalen K.o. die Sportarten nach dem Fußball sind, zeigt sich auch im Volleyball.

"Die Situation ist extrem angespannt und kann existenzbedrohend werden", so Michael Evers, Chef der Volleyball-Bundesliga. Die Vereine hätten nicht nur einen großen Mehraufwand, sondern die große Unsicherheit, "ob und wie ihre Spiele ausgetragen werden können."

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Zig Liga-Partien wurden bereits verlegt, in der Frauen-Bundesliga sogar Gegner getauscht. Kurios: Als der Schweriner SC wegen eines Corona-Falls bei NawaRo Straubing nicht antreten konnte und das Team des MTV Stuttgart komplett in Quarantäne musste, wurde kurzerhand das Spiel beim SC Potsdam vorgezogen.

"Wir alle müssen versuchen, darauf flexibel zu reagieren", sagte Felix Koslowski, der Schwerin und zugleich die deutsche Frauen-Nationalmannschaft trainiert. Es gehe darum, "die Liga, den Spielbetrieb und unsere Sportart am Leben zu erhalten."

Stuttgarts Sportdirektorin Kim Renkema jedenfalls ist sich "zu 100 Prozent sicher, dass weitere Spielabsagen kommen werden. Ob der Terminkalender dadurch soweit durcheinander gerät, dass die Saison irgendwann abgebrochen werden muss, weiß ich nicht. Wirtschaftlich wäre das für uns aber sicher der Genickbruch."

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Mit Sport-Informations-Dienst (SID)