Containerangriff aus China

Die Übernahmewelle trifft weitere Containerreedereien: Die chinesische Cosco, die kürzlich auf Druck der Pekinger Regierung aus zwei Rivalen hervorging, plant eine Megafusion: Für 5,5 Milliarden Euro kauft sie OOCL.


Die Fusionswelle unter den weltgrößten Containerreedereien setzt sich mit einer weiteren geplanten Milliardenübernahme fort. Die weltweit viertgrößte Containerreederei Cosco Shipping will ihre kleinere Rivalin Orient Overseas Container Line (OOCL) aus Hongkong für umgerechnet 5,5 Milliarden Euro (rund 6,3 Milliarden Dollar) schlucken. Das hat der Konzern bestätigt. Mit dem Deal würde die drittgrößte Containerreederei der Welt entstehen.

Die Familie des verstorbenen Firmengründers Tung, die Orient Overseas kontrolliert, hat die Offerte den Angaben zufolge bereits angenommen, die mit 78,67 Hongkong-Dollar je Aktie rund 31 Prozent über dem Schlusskurs vom Freitag liegt.

Seit mehreren Monaten kursierten Übernahmegerüchte. Den Übernahmewert der 1947 gegründeten OOCL-Reederei, die alleine mehr als 270 Schiffe betreibt, hatte das Londoner Analystenbüro Drewry zuletzt auf 4,8 Milliarden Dollar geschätzt.

In der Branche herrschte Einigkeit darüber, dass Cosco diese Kaufsumme aufbringen könnte. Experten hielten das für fraglos. Die China Development Bank hatte der Reederei vor Monaten eine Kreditlinie von 26 Milliarden Dollar genehmigt.


Der geplanten Übernahme müssen die Kartellbehörden und die Aktionäre von Cosco noch zustimmen. Gemeinsam kommen Cosco und Orient Overseas auf mehr als 400 Schiffe mit einer Kapazität von mehr als 2,9 Millionen Standardcontainern (TEU), wenn man bereits bestellte Schiffe einrechnet. Cosco war selbst erst auf Druck der Regierung in Peking vor gut einem Jahr aus den chinesischen Rivalen Cosco und China Shipping hervorgegangen.

Gut 90 Prozent von Orient Overseas sollen künftig Cosco gehören, knapp zehn Prozent dem Hafen von Schanghai. Wenn der Zusammenschluss tatsächlich gelingen sollte, liegt die fusionierte Reederei auf der Weltrangliste nur noch hinter dem dänischen Branchenprimus A.P. Møller-Maersk und der Mediterranean Shipping Company (MSC) aus der Schweiz.

Deutschlands größte Containerreederei Hapag-Lloyd aus Hamburg belegt dadurch Rang fünf. Der Konzern übernahm zuletzt den arabischen Konkurrenten UASC und will die Zusammenführung beider Firmen bis Ende September oder Anfang Oktober abschließen.


So hat die bevorstehende Fusion auch die Aktien der deutschen Traditionsreederei Hapag-Lloyd beflügelt. Die Titel stiegen am Montag um 4,9 Prozent auf 28,86 Euro – und waren mit Abstand größter Gewinner im Kleinwerteindex SDax. Anleger spekulierten vor allem auf steigende Frachtraten, die in den vergangenen Jahren erheblich unter Druck gekommen waren. „Durch die Konsolidierung in der Branche könnten sich die Frachtraten weiter erholen“, sagte ein Händler.

Auch Weltmarktführer A.P. Møller-Maersk profitierte von der Fusionswelle. Seine Aktien stiegen am Montag um 2,8 Prozent auf ein Zwei-Jahres-Hoch von 13.550 Kronen.


Übernahmen und Pleiten in der weltweiten Containerseefahrt


Ein jahrelanger Preisverfall infolge hoher Überkapazitäten hat bereits mehrere Unternehmen der Branche in Schieflage gebracht. Die weltweite Nummer sieben, Koreas Container-Reederei Hanjin, rutschte vor einem Jahr in die Pleite. Im ersten Halbjahr 2016 fuhr OOCL einen Nettoverlust von 57 Millionen Dollar ein. Pro Container sanken die Einnahmen im Vergleich zum Vorjahr um ein Fünftel.

Immer mehr Gesellschaften suchen daher den Zusammenschluss. Erst vor wenigen Tagen schloss sich Hapag-Lloyd aus Hamburg mit der arabischen Rivalin UASC zusammen. Damit nicht genug: Insgesamt sieben der 15 größten Reedereien traf im vorigen Jahr die Übernahmewelle in der Containerschifffahrt. Und 2017 geht es offenbar nahtlos weiter. Auch die verlustträchtige Container-Reederei Yang Ming aus Taiwan gilt als mögliches Übernahmeziel größerer Konkurrenten.

Ungeachtet des Zusammenschlusses besteht ohnehin schon eine Kooperation zwischen Cosco und OOCL. Im April ging – gemeinsam mit CMA CGM und Evergreen – der neue Verbund „Ocean Alliance“ an den Start, in dem sich die Reedereien zu Liniennetzen zusammenschließen. Davor war OOCL Partner von Hapag-Lloyd.

KONTEXT

Die Lage der Container-Schifffahrt

Fusionen

Die drei großen japanischen Containerreedereien Nippon Yusen Kaisha (NYK), Mitsui OSK Lines (MOL) und Kawasaki Kisen Kaisha (K-Lines) treten ab April 2018 unter einem neuen Namen gemeinsam an. Zusammengeführt hat die japanischen Reedereien Not und nackte Angst. Sie hatten riesige Verluste angehäuft und Angst vor der endgültigen Pleite. Zuvor hatten sich bereits die chinesischen Reedereien Cosco und China Shipping Container Lines vereinigt, die französische Reederei CMA CGM hatte APL aus Singapur übernommen, und die Hamburger Reederei Hapag-Lloyd hatte sich erst die Containersparte der chilenischen CSAV einverleibt und dann die arabische UASC.

Pleite

Die Rettungsbemühungen für Hanjin laufen zwar noch, aber als globale Reederei sind die Koreaner seit ihrer Pleite im August aus dem Spiel. Niemand wird nach diesen Erfahrungen einer wackeligen Reederei noch einen Container anvertrauen. Zehntausende von Containern kamen verspätet an, mussten teuer bei den Terminals ausgelöst werden oder waren am Ende ganz wertlos, weil sie Saisonware enthielten. Die Schäden bei Kunden, Banken, Versicherungen und Lieferanten sind noch nicht übersehbar

Frachtraten

Die Frachtraten sind seit Jahren wegen der Überkapazitäten und des schwachen Wachstums des Welthandels im Keller. Auch die Fusionen konnten sie noch nicht stabilisieren. "Wir haben nicht zu viele Reedereien, sondern zu viele Schiffe", sagte der Hamburger Schifffahrtsexperte Prof. Ulrich Malchow im November. Die Insolvenz von Hanjin habe nur kurzzeitig Erholung gebracht.

Weltlage

Zuletzt gab es weltweit noch zwei Länder, in denen mehr als eine große Reederei ihren Sitz hat: Taiwan und Deutschland. Mit dem Oetker-Verkauf von Hamburg Süd nach Dänemark ist das Geschichte.