Comeys Enthüllungsbuch trifft Donald Trump an wunden Punkten

„Ich fühlte mich extrem unwohl“, erinnert sich James Comey an den Abend des 27. Januar 2017, eine Woche nach der Amtseinführung von Donald Trump als US-Präsident. „Und das lag nicht nur daran, dass ich keine Lust hatte, zum dritten Mal über russische Prostituierte zu diskutieren“.

Russische Prostituierte waren, so der damalige FBI-Chef, ein Lieblingsthema von Trump. Auch bei jenem vertraulichen Dinner, zu dem der Präsident Comey einlud. Serviert wurden Salat, Scampi, Hühnchenpasta mit Parmesan und Vanilleeis. Unüblich war so ein vertrauliches Treffen, wenn nicht gar problematisch. Brach ein Essen zu zweit doch die professionelle Distanz zum Direktor der US-Bundespolizei auf.

Doch Trump scherte sich nicht um Regeln und Gepflogenheiten. Er wollte, dass Comey die in der Verfassung verankerte Unabhängigkeit der Justiz begräbt. „Ich brauche Loyalität. Ich erwarte Loyalität“, sagte Trump laut Comey. Andernfalls, so legte der Präsident nahe, könne er „jederzeit personelle Veränderungen beim FBI“ vornehme. Eine unverhohlene Drohung.


Das seltsame Treffen, über das Comey unmittelbar danach Notizen anfertigte, ist das dramatische Finale seiner Autobiografie „A higher loyalty“ (In der deutschen Fassung: „Größer als das Amt. Auf der Suche nach der Wahrheit – der Ex-FBI-Direktor klagt an“), die am Montag erscheint und dem Handelsblatt vorliegt.

Grobe Details sind seit dem vergangenen Jahr bekannt, als Trump Comey im Mai 2017 überraschend feuerte, und Comey Trump anschließend im US-Kongress schwer belastete. Der US-Präsident habe ihn unter Druck gesetzt, so Comey, und gewollt, dass das FBI die Russland-Ermittlungen gegen den damaligen Nationalen Sicherheitsberater, Michael Flynn, fallenlasse.

Mittlerweile hat sich Flynn schuldig bekannt, das FBI über Russlandkontakte belogen zu haben. Und Sonderermittler Robert Mueller untersucht nicht nur den russischen Einfluss auf die Präsidentschaftswahl 2016, sondern geht auch der Frage nach, ob Trump die Aufklärung darüber vereiteln wollte. Comey ist für die Rekonstruktion der Ereignisse ein wichtiger Zeuge.
In „A higher loyalty“ beschreibt er minutiös die Begegnungen mit Trump und die spektakulären Umstände, die zum Bruch führten. In den USA hat das Buch eine heftige Debatte ausgelöst, ähnlich wie nach Erscheinen des Bestsellers „Fire and Fury“ von Michael Wolff.

Wieder steht Trumps offensichtlicher Mangel an Integrität im Mittelpunkt, und seine Ignoranz gegenüber Grundlagen von Politik und ihren Institutionen. Und wieder werden die verhärteten Fronten zwischen US-Republikanern und Demokraten entblößt, wieder bricht ein Kampf über die Deutungshoheit in einem politisch aufgeheizten Klima auf.
Trump attackierte Comey am Freitag als „schwachen und unaufrichtigen Schleimball“ und als Lügner. „Schleimball“, wörtlich „slime ball“, ist im Englischen ein Schimpfwort für eine verabscheuungswürdige und niederträchtige Person. „Es war mir eine große Ehre, James Comey zu feuern!“, schob Trump hinterher.


Ein Grund für die Wut dürfte sein, dass Comey neue, unappetitliche Einblicke in Trumps Gedankenwelt liefert. So sei der Präsident „besessen“ von den Vorwürfen über Sexaffären und Eskapaden über ihn. Comey schreibt, dass Trump ihn mehrfach auf Veranstaltungen und in Telefonaten unter Druck gesetzt habe. Sein Wunsch: Das FBI solle die heikelsten Passagen des sogenannten Steele-Dossiers öffentlich der Lüge überführen.

Das Memo, das von einem ehemaligen britischen Agenten zusammengestellt wurde, skizziert mutmaßliche geheime Absprachen zwischen der Trump-Kampagne und Russland. Unter anderem heißt es darin, Trump sei potenziell erpressbar, weil er sich mit Prostituierten im Moskauer Ritz Carlton vergnügt habe.

Der Kreml besitze Beweise, dass Trump von den Damen verlangte, auf ein Bett zu urinieren, in dem einst die Obamas genächtigt hatten. Wegen dieser Passage kursiert das Dossier im Internet unter dem Titel „Pee-Tape“. Trump wies die Vorwürfe vor Comey entschieden zurück. „Sehe ich aus wie ein Typ, der auf den Dienst von Prostituierten angewiesen ist?“, soll er gesagt haben. Allerdings sei First Lady Melania durch den Report verunsichert. Der Präsident drängte darauf, Comey möge etwas tun, „um die dunkle Wolke verschwinden zu lassen“.

Comeys Beschreibung legt nahe, dass sich Trump durch die anhaltenden Gerüchten über ihn – ob sie nun wahr sind oder nicht – mehr angegriffen fühlt, als er öffentlich einräumt. Dadurch sind sie keine Privatsache mehr, sondern sie beeinflussen offenbar direkt Entscheidungen seines Regierungsamtes.

Parallel steht Trumps Anwalt Michael Cohen unter Druck, der der Pornodarstellerin Stormy Daniels 130.000 US-Dollar Schweigegeld über eine mutmaßliche Affäre mit Trump bezahlt haben soll. Die zahlreichen Schmuddel-Vorwürfe, zu denen das Weiße Haus konsequent schweigt, werden durch das Comey-Buch nun zusätzlich angefacht.


Trump „sah nicht aus, als ob er sich wohlfühlte“

In seinem Fazit bescheinigt Comey dem US-Präsidenten ein „ethisch fragwürdiges“ Verhalten und vergleicht ihn mit Mafiabossen, mit denen er in frühen Jahren seiner Ermittlertätigkeit häufig zu tun hatte.

„Lauter Dinge aus meiner Anfangszeit als Antimafia-Ermittler waren plötzlich wieder da. Der Schweigekreis des Einverständnisses. Der Boss mit der absoluten Kontrolle. Die Treueschwüre. Die Weltanschauung nach dem Prinzip ‘Wir gegen Die’. Die Lügen über alles, egal wie groß, im Dienst irgendeines Loyalitätskodex, der die Organisation über die Moral und über die Wahrheit stellt“, schreibt Comey.

Er beschuldigt Trump nicht, ein Verbrechen begangen zu haben, sondern überlässt dieses Urteil dem Sonderermittler Mueller, dessen Untersuchung noch nicht abgeschlossen ist.


Prominente Republikaner eilten an Trumps Seite, um ihn zu verteidigen. „Comey klingt wie ein frustrierter Ex-Angestellter, der sein schlechtes Gewissen erleichtern will. Wenn er alles so furchtbar fand, warum hat er dann nicht von selbst gekündigt?“, sagte Trumps Beraterin Kellyanne Conway.

Michael Ahrens, Sprecher der Parteizentrale der Republikaner (RNC), griff Comey frontal an. „James Comey hat keine Ehre, er hat gelogen, sich in seiner Zeugenaussage vor dem US-Senat konsequent widersprochen, und als FBI-Direktor hat er eine Reihe bizarrer Entscheidungen getroffen“, sagte er.

Das RNC verbreitet im Netz eine Satire-Version des Buchs. Der Originaltitel wird dabei verballhornt als „A Higher Loyalty – to me, myself and I“. Comey wird im gefälschten Klappentext als „komplett selbstbezogen und narzisstisch“ bezeichnet.

Das RNC launchte außerdem eine Website namens „Lyin’ Comey“ (Lügender Comey). Das Portal seziert Aussagen des früheren FBI-Chefs und wirft den Demokraten Doppelmoral vor. „James Comey hat sich selbst als unschuldiges Opfer dargestellt, das von Präsident Trump gefeuert wurde“, heißt es.
„Doch die Wahrheit ist: Während die Demokraten Empörung über Präsident Trumps Entlassung von James Comey vortäuschten, hatten sie selbst Comey lange in Frage gestellt.“

Tatsächlich war Comey bei führenden Demokraten in Ungnade gefallen. Als FBI-Direktor hatte Comey elf Tage vor der US-Präsidentschaftswahl die Untersuchungen über Hillary Clintons E-Mail-Affäre erneut aufgenommen, und sie kurz vor dem Wahltag ergebnislos eingestellt.

Clinton wirft Comey bis heute vor, mit Schuld an ihrer Niederlage gegen Trump zu sein. Allerdings herrscht unter Demokraten weitgehende Einigkeit, dass Trumps überraschende Entlassung Comey im Mai 2016 ein fahrlässiger Schritt war, der den Verdacht erhärtete, Trump habe eine Untersuchung über eine russische Wahlmanipulation stören wollen.


Der kalifornische Demokrat und Kongressabgeordnete Ted Lieu konfrontierte Trump auf Twitter: „Sie scheinen sehr wütend auf Comey zu sein. Wenn Sie Dampf ablassen wollen, kommen Sie nach Kalifornien, für eine Ihrer giftigen Auftritte. Wir Demokraten wollen dort mindestens neun Abgeordnetensitze der Republikaner holen. Drehen Sie frei, entfesseln Sie sich, gehen Sie voll auf #MAGA! Das hilft uns. Vielen Dank.“

Comey bekam aber auch Kritik von Seiten der Demokraten. Der frühere Obama-Berater David Axelrod schrieb: „Ich verstehe, warum das Timing des Comey-Buches gut für ihn funktioniert. Aber hätte er nicht auf das Ergebnis der Mueller-Untersuchung warten sollen? Er trägt jetzt nur selbst zur Zirkusatmosphäre der Debatte bei.“

Tatsächlich fragt man sich nach der Lektüre des Buchs, ob Comey zu einem Zeitpunkt, an dem Muellers Arbeit noch in Gange ist, womöglich mehr Verwirrung stiftet als Aufklärung bringt. In jedem Fall aber ist seine Autobiografie ein seltener Einblick in eine Präsidentschaft, die mit allen Regeln zu brechen scheint.

Eine Stärke des Buchs besteht in seiner Präzision. Comey ist ein exzellenter Beobachter. Er nimmt den Leser mit an Orte, an die ein Normalsterblicher kaum kommt – wie das Oval Office im Weißen Haus.

„Er sah nicht aus, als ob er sich wohlfühlte“, schreibt Comey über Trump. „Er klemmte hinter seinem Schreibtisch, im Jackett, beide Unterarme auf der Tischplatte. Ich war Dutzende Male bei Bush und Obama gewesen, aber ich kann mich nicht erinnern, dass sie je hinter dem Schreibtisch residiert hätten. Sie saßen im Lehnsessel beim Kamin und führten Gespräche in einer möglichst offenen, lockeren Atmosphäre. Ich fand das immer sinnvoll.“ Das ist nur eine von vielen Beobachtungen Comeys, die zeigen, warum Trump kein Präsident wie jeder andere ist.