Colonius-Sportpark: Wo Köln ein bisschen wie New York oder Kalifornien ist

Im Sportpark treffen sich die Kölner zum Sport machen, zuschauen, Leben genießen.

Auf die Anstrengung folgt die Leichtigkeit. Verzerrte Gesichter entspannen sich nach dem Fußballspiel, Schattenboxen, Zirkeltraining. Basketballer klatschen ab, ihre breiten Schultern glänzen, sie trinken Wasser und Club Mate, drehen Zigaretten, tänzeln im Takt der Hip-Hop-Musik, nicht zu weit weg sitzen Mädchen, die über Typen reden, muskulös, drahtig oder kleines Bäuchlein, sie sind sich nicht einig.

Eine Sommersprossige sitzt mit einem Grapefruitbier in der Hand auf ihrem Freund und wirft die Haare zurück, eine Blonde stellt ihr Rad an einen Baum und fragt, ob sie die Slackline benutzen darf, natürlich, geschickt federt sie über das Gummiband, bald spielt ein Schweißfilm auf ihrem Dekolleté, sie gluckst vor sich hin, Valena (25) und Amelie (26), die die Slackline gespannt haben, spielen Volleyball mit Elturan, der fast elf ist und mit seinem Vater, dem iranischen Dichter Behruz, jeden Nachmittag zum Basketballplatz kommt. Elturan redet jeden an, fast alle lassen ihn mitspielen. Vor der Kulisse von Fernsehturm, Baukränen und Herkules-Hochhaus ist Köln sehr entspannt.

Behruz, der im Iran acht Jahre im Gefängnis saß und über die Folter schrieb, um sich zu retten, schneidet Wassermelone, die er jedem anbietet, der mit ihm spricht. Zum Beispiel Pino, dem nackensteakbraunen Italiener mit der weißen Sportuhr und dem Handtuch um den Hals, der sagt, er habe früher Linksaußen bei Fortuna Köln gespielt, für 200 Mark im Monat; Heinz Flohe, der vielleicht beste Kölner Fußballer aller Zeiten, sei ein guter Freund von ihm gewesen. Pino erzählt seine Geschichten knurrend, Italienisch-Kölsch; vor zehn Jahren sei er die Hundert Meter noch in 10,9 Sekunden gelaufen, sagt er. „Ratet, wie alt ich bin?“ Man arbeitet sich langsam vor von Anfang 60, landet bei 76. Respekt. 10,9 mit 66? „Ja.“

Hier ist Köln ein bisschen wie New York oder Kalifornien

Respekt ist wichtig am Colonius-Sportpark, Köln ist hier ein bisschen wie der Central Park in New York oder Venice Beach, die bekannteste Muckibude der Welt in Kalifornien, in der man sich den Respekt auch allein über seine körperlichen Fähigkeiten erkämpft. Aber bitteschön lässig. Perfektion ist, wenn die Anstrengung nicht anstrengend aussieht, das gilt für Basketball, Fußball, Tennis, Breakdance, Slackline oder Kali – einer philippinischen Kampfkunst. Oliver und Benni üben seit sechs Jahren zu Füßen des Colonius mit Holzstäben und Messern, sie bewegen sich wie in Zeitlupen eines Martial-Arts-Films.

Ihre Körper beherrschen sie, ohne Wert auf definierte Muskeln zu legen. Katzenartig federn sie über die Wiese, die die Hitze der vergangenen Wochen verbrannt hat. Jetzt, nach ein paar Regentagen, atmet und duftet das Gras wieder, erholen kann es sich nicht, zu oft werden die Halme von Fußballerfüßen, Volleybällen, Rugby-Eiern, Yoga-Hintern, Sonnenanbetern, Voyeuren, Liebespaaren, Müßiggängern plattgedrückt.

Die Kali-Kämpfer sind die einzigen, die das ganze Jahr über kommen. „Wir haben in den vergangenen sechs Jahren miterlebt, wie sich der Platz mit den Jahreszeiten verändert. Irgendwann sind die Yoga- und Fitness-Kurse nicht mehr da, dann kommen kaum noch Basketballer, und die Bodybuilder sind bis auf ein paar Hardliner auch irgendwann alle weg“, sagt Benni. Oliver und Benni bleiben und beobachten, die Jahreszeiten und die Fitnessmoden. „Den Trend, alles mit dem eigenen Körpergewicht zu machen, gibt es ja erst seit ein paar Jahren“, sagt Oliver. „Auch die Trainer, die ihre Gruppen anbrüllen, um sie zu motivieren, sind relativ neu.“ Stilbildend hat dafür Marc Lauren gewirkt, ein ehemaliger amerikanischer Elitesoldat, der einen Bestseller über Übungen mit dem eigenen Körpergewicht geschrieben und Hunderttausende DVDs verkauft hat – vor allem im disziplin- und optimierungsliebenden Deutschland.

Längst machen viele Fitnesssportler zehn verschiedene Liegestütz- und Situp-Übungen, um jeden Muskel hervortreten zu lassen. „Schon lustig“, sagt Benni, dessen kleiner Bauch das T-Shirt ausfüllt.

Auf dem Weg, der den Freiplatz teilt, fiept es. Jogger mit Puls- und Schrittmesser kreuzen. Einer schnauft, er habe seine 10 000 Schritte für heute in diesem Moment geschafft. „Ich habe schon 11 500“, sagt sein Laufkumpel. Keiner beachtet sie. Die digital durchgetakteten Jogger sind nur Randerscheinungen, mit ihren schweißtransportierenden Funktionsshirts eher uncool.

Auch die netten Jazzmusiker Jonathan und Anthony, die sich auf dem kostenlosen Tennisplatz mit Vorhand und Rückhand mühen, sind nicht die größten Hingucker. Eher schon der Boden am Rande des Tenniscourts, der mit Zigaretten- und Jointstummeln, Kronkorken und Schalen von Kürbiskernen gesprenkelt ist.

Manch einer sieht sportlicher aus, als er ist

Die Stars des Sportparks sind auf dem Fitnessparcours zu finden, den es seit zwei Jahren gibt, und auf dem Basketballplatz, den der Sportartikelhersteller Nike 1995 gesponsert hat und der längst vergrößert werden sollte. Katharina (28) ist mit ihrem Freund Alessandro (30) gekommen. Alessandro macht einarmige Liegestütze, sein Gesicht verzieht sich bei jeder Armbeuge zu einer Grimasse. Er sieht aus wie eingeölt, jeder Bauchmuskel ein glänzendes Böllchen.

Er hat Katharinas kurze Hose an, auf die ein Deutschlandfähnchen aufgenäht ist – Katharina spielt in der Tischtennis-Bundesliga und hat für Deutschland bei mehreren Universiaden gespielt. Sie ist mehrfache Deutsche Hochschulmeisterin und war in diesem Jahr Dritte bei den Deutschen Meisterschaften. „Alessandro macht eigentlich gar nicht so viel Sport“, sagt sie, „er sieht sportlicher aus, als er ist.“ Katharina ist heute „nur zum Chillen“ da. Wird allerdings später ein bisschen Seilchenspringen, Handstände machen, auf Kästen springen, balancieren. „Es macht einfach Spaß, hier abzuhängen“, sagt sie.

Und nebenbei ihren Körper zu ertüchtigen, ähnlich wie im Gymnasion des antiken Griechenlands: Auch da gab es keine Hanteln aus Stahl, keine Beinpressen, keine Laufbänder mit Flatscreen und WLAN-Anschluss. Es braucht keine neue Technik, um Muskeln zu stählen. Es geht um Willen, Arbeit, Ausdauer. So war es, ist es, wird es bleiben. Amen.

Körperkult kann religiöse Züge haben. Christian ist ein Kumpel von Alessandro und sieht ähnlich statuenhaft aus, wenn auch ganz anders. Christian hat mehr Muskelmasse, Typ großer Turner, und tatsächlich sind Handstände seine Spezialität: Er kann sie in den verschiedensten Variationen, geht in den Unterarmstand (die Unterarme liegen dabei auf dem Boden) und drückt sich dann wieder hoch. Bevor er am späten Nachmittag zum Grüngürtel kommt – im Sommer fast jeden Tag – klettert Christian auf Bäume.

Er arbeitet als Baumkletterer, der Totholz und Triebe abschneidet. „Sport ist das auch ein bisschen.“ Die Kinder, sagt Christian, nervten ihn manchmal ein bisschen. „Wenn sie mit ihren Eltern den Parcours belegen. Steht ja dran, dass der eigentlich erst ab 14 ist.“

Wie Alessandro trainiert Christian mit freiem Oberkörper, wie alle hier, die aussehen wie griechische Götter. Vor Alessandro und Christian machen zwei leicht übergewichtige Jungs Sit-ups, neben ihnen sitzt ein Student mit Hemd, Mokassins, Pomade im Haar und mittlerem Speckgürtel, der neidisch (?) Richtung Alessandro und Christian linst.

Auf dem Basketballplatz wird gebrüllt. Einer ist bekannt dafür, dass er hin und wieder ausrastet. Appau, der in der City für ein Online-Marketing-Unternehmen Suchmaschinen optimiert, dreht sich amüsiert ab. „Tja, ein, zwei Leute nehmen das sehr, sehr ernst hier“, sagt er. Er will nur spielen. Elturan, der Dichtersohn, fragt den Erregten später, was los gewesen sei. „Ich verliere nicht gern, Du etwa?“, sagt der. „Nein“, sagt Elturan, „aber man muss nicht so brüllen, oder?“ „Doch, muss man manchmal, wenn alles scheiße läuft, und jetzt zieh’ ab.“

Elturan zieht ab. Appau, der wie ein Saunagänger über den Platz schlurft, fährt nach der Arbeit fast jeden Tag zum Basketballplatz. „Wir würden uns wünschen, dass endlich mal wieder die Linien nachgezogen werden, aber es kommt leider nichts von der Stadt“, sagt er. „Aber es ist trotzdem cool hier. Die meisten spielen schon lange zusammen, jeder arbeitet woanders, einige haben keine Arbeit, alles egal.“

Man muss sich nicht verstehen, um sich zu respektieren. Beim Basketball zählen Sprungkraft, Technik und Taktik. Im Fitnesspark Kraft und Kraftausdauer. Flüchtling, Banker, Jazzmusiker, Baumfäller, Dichter, Arbeitsloser, das ist an einem der coolsten Sommerorte Kölns völlig egal. Die Würde des Großstadtsportlers ist unantastbar. ...Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta