Co.don hat eine zugelassene Zelltherapie bei Knorpelschäden: Bleibt die Aktie weiter ein Highflyer?

Dr. Stefan Graupner, Motley Fool beitragender Investmentanalyst

Die co.don AG (WKN:A1K022) vermehrt körpereigene Zellen, um Gelenkknorpelschäden zu heilen. Seit Anfang des Jahres hat sich die Aktie schon mehr als verdreifacht, sodass sich die Frage stellt, wo die Reise noch hingehen kann. Dass der Markt allein für Kniegelenk-Knorpelschäden riesig ist und Patienten lieber eine Heilung statt ein künstliches Kniegelenk ersehnen, steht außer Frage. Doch setzt sich die Therapie in Deutschland und Europa durch?

Tissue Engineering

Die in Berlin ansässige co.don AG ist eines der wenigen Unternehmen, die das um die Jahrtausendwende stark geförderte und auch gehypte „Tissue Engineering“ in eine zugelassene Therapieform umgesetzt hat. Unter Tissue Engineering versteht man die künstliche Herstellung biologischer Gewebe durch die gerichtete Kultivierung von Zellen, um damit kranke Gewebe bei einem Patienten zu ersetzen oder zu regenerieren.

Genau das hat co.don für Knorpelschäden im Kniegelenk entwickelt und auch die Zulassung zunächst in Deutschland und im Juli 2017 für Europa erhalten. Damit hat sich ein riesiger Markt ohne direkte Mitbewerber eröffnet, der nun bedient werden kann.

Das als „Spherox“ bezeichnete körpereigene Humanarzneimittel zur Behandlung von degenerativen und traumatischen Knorpeldefekten im Knie ist Personalisierte Medizin pur, denn der eigene Knorpel dient als Vorlage.

Ein qualifizierter Arzt entnimmt ein kleines Stück Knorpel aus dem betroffenen Gelenk und schickt es zusammen mit einer Blutprobe an die co.don AG. Sogenannte „Chondrozyten“ sind Zellen in unserem Körper, die Knorpelgewebe aufbauen. Genau diese werden im Labor gewonnen und in Nährmedien vermehrt, sodass Knorpelkügelchen (Sphäroide) entstehen.

Der Arzt bringt dann diese Sphäroide in einem operativen Eingriff in den Defekt ein, wo sie selbständig haften und auf natürliche Weise neues Knorpelgewebe bilden, das sich mit dem vorhandenen gesunden Knorpel verbindet.

Nach der Knorpelzelltransplantation bleibt man noch ein paar Tage im Krankenhaus und beginnt danach ein Trainingsprogramm. Während der ersten sechs Wochen soll man schon wieder Alltagstätigkeiten ausüben können, und ab der siebten Woche wird das Training so lange gesteigert, bis man sein Gelenk wieder voll belasten kann.

Bis heute wurden bereits mehr als 9.000 Knorpelzelltransplantationen erfolgreich durchgeführt, und die Krankenkassen in Deutschland übernehmen die Kosten. Das klingt toll, oder?

Der steinige Weg zum Erfolg

Trotz der schönen Worte muss man klarstellen, dass es sich um einen chirurgischen Eingriff handelt, den auch nur dafür ausgebildete Ärzte durchführen können. Komplikationen wie Ablösung des Transplantats, unerwünschte Ereignisse im Zusammenhang mit der Operation wie Thrombose oder Gelenkverletzung etc. sind daher mögliche Nebenwirkungen.

Diese Risiken scheinen allerdings verglichen mit den Erfolgsaussichten, den Knorpeldefekt zu heilen und nicht ständig Schmerzmittel nehmen zu müssen oder ein künstliches Kniegelenk zu bekommen, durchaus einen Versuch wert. Allerdings darf der Defekt nicht größer als 10 cm2 groß sein.

Der Vertrieb von Spherox gestaltet sich für ein kleines Unternehmen wie co.don natürlich schwierig, weil Ärzte erst überzeugt und dann geschult werden müssen, um die Therapie auch anbieten zu können. Wichtig war daher die Gewinnung der Bauerfeind AG in 2016 nicht nur als Ankeraktionär, sondern auch als Vertriebsorganisation, denn Bauerfeind ist in der Orthopädie mit führend bei Bandagen und Orthesen.

Spherox wurde unter dem alten Namen „chondrosphere“ bereits seit 2004 vertrieben. Das zeigt, wie langwierig und aufwändig die Kommerzialisierung bisher war. In den Jahren 2015 und 2016 gab es ca. 1.400 Behandlungen, und in 2017 wird diese Zahl auf etwas über 1.500 geschätzt. Das heißt für mich, dass die Therapie an sich anscheinend recht zögerlich von Ärzten angenommen wird.

Zu den Zahlen

In 2016 wurden laut Warburg Research ca. 1.400 Behandlungen mit Umsätzen von 5,6 Mio. Euro durchgeführt. Das sind pro Behandlung ca. 4.000 Euro Umsatz.

Der Umsatz soll laut Unternehmensbericht von 5,6 Mio. Euro in 2016 auf 25 Mio. Euro in 2021 steigen und sich somit innerhalb von fünf Jahren mehr als vervierfachen. Dazu müssen Umsätze im europäischen Ausland generiert werden, und es wird spannend, wie die Resonanz von Ärzten im Ausland sein wird.

Warburg Research hat am 09.10.2017 seine Kaufempfehlung und das Kursziel von 12,50 Euro je Aktie bestätigt. Erhebliche langfristige Kursphantasie besteht aus meiner Sicht auch deshalb, weil die Technologie an sich auch bei Gelenkknorpeldefekten in Schulter, Fuß und Hüfte sowie bei speziellen Bandscheibenschäden anwendbar ist.

Das Marktpotenzial an sich sollte dieses Ziel leicht hergeben: Pro Jahr werden allein in Deutschland gemäß Veröffentlichung des „Instituts für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen mbH“ aus dem Jahr 2016 ungefähr 425.000 Kniearthroskopien durchgeführt, von denen ca. 20.000 für die Behandlung mit Spherox in Frage kommen. Damit erreicht co.don derzeit gerade einmal 7 % der möglichen Patienten in Deutschland.

Zusammenfassend lässt sich für co.don also festhalten:

+   kein direkter Wettbewerb vorhanden

+   EU-Zulassung wurde erteilt

+   starker Vertriebspartner und Ankeraktionär Bauerfeind

–   zögerliche Annahme der Therapieform durch Ärzte

Fazit

Die co.don AG hat schon sehr viel erreicht, und die Aktie ist deshalb zu Recht in diesem Jahr aus der Lethargie der letzten Jahre erwacht. Dennoch bleibt abzuwarten, ob es gelingen wird, die Spherox-Therapie in ihrem Bekanntheitsgrad deutlich zu steigern, sodass mehr Ärzte als bisher sie als Option annehmen.

Aus Vertriebssicht wäre eine sehr viel größere Präsenz in Funk und Fernsehen sowie Sozialen Medien wünschenswert, damit Patienten Ärzte direkt ansprechen und so der „Konsument“ selbst den Bekanntheitsgrad bei Ärzten steigert und damit den Druck erhöht.

Eine sichere Anlage in Biotech an sich ist schwer möglich, aber fundamental spricht derzeit alles für die Aktie.

Mehr Lesen

Stefan Graupner besitzt keine der erwähnten Aktien. The Motley Fool besitzt keine der erwähnten Aktien.

Motley Fool Deutschland 2017