Chinesischer Investor erteilt Absage für Milliarden-Investment

Der chinesische Automobilzulieferer Beijing WKW will nach monatelangen Verhandlungen den Flughafen in Sachsen doch nicht kaufen. Das könnte dem Vertrauen in chinesische Investoren weiter schaden.

Eigentlich schien bereits alles klar. Qualifizierte Mitarbeiter, Osteuropa vor der Haustür und dann noch die A4 in nächster Nähe. 1,4 Milliarden Euro wollte der chinesische Automobilzulieferer Beijing WKW in Rothenburg in Sachsen investieren, um dort Autos „Made in Germany“ zu produzieren. Gegen drei Regionen hatte sich der 5000-Seelen-Ort im vergangenen Mai durchgesetzt. „Die Investition ist der Motor, welcher der Region so lange gefehlt hat“, sagte Bürgermeisterin Heike Böhm damals der WirtschaftsWoche.

Nun scheint der Deal vorerst geplatzt. Der Vorstandschef des Pekinger Unternehmens schrieb am Montag in einem Brief an das Landratsamt, man habe die Faktoren ausführlich gegeneinander abgewogen, sich dann aber gegen den Kauf entschieden. Die Fläche, die anfangs als „ideal“ bezeichnet wurde, soll nun plötzlich zu klein sein. Die Autobahn nach Dresden und der Logistikknoten in Leipzig? Spielen plötzlich keine Rolle mehr.

Die gescheiterten Pläne in Rothenburg drohen sich nun in eine ganze Serie unrühmlicher Vorfälle einzureihen, die im Zusammenhang mit chinesischen Investoren in Deutschland stehen. Der bekannteste ist wohl der Flughafen Hahn, der 2016 von einem Shanghaier Investor übernommen werden sollte. Bei einem Besuch der WirtschaftsWoche vor Ort stellte sich heraus, dass die angebliche Millionenfirma über einen alten Reifenhändler gemeldet war. Die Räume leer. Vor der Tür Sperrmüll und Dreck.




War man in Sachsen nicht vorsichtig genug? Die Verhandlungen zogen sich weit länger hin als geplant. Erst im November reiste eine Delegation mit dem früheren Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich nach Peking. Dort zeigte sich dieser noch optimistisch. Die Chinesen wollten zwar ein rechteckiges Gelände, der Flughafen war hingegen durch eine teilweise Bebauung schlauchartig geformt. Tillich gab sich aber damals noch gelassen. Der Investor wisse halt, was er wolle.

Der WirtschaftsWoche bestätigte ein Unterhändler aus einem anderen Bundesland nun hingegen, dass es ihm in den Unterhandlungen mit Beijing WKW von Anfang an komisch vorgekommen sei, wie die Chinesen verhandelt hätten. „Sie hatten keinen Businessplan“, berichtet er. Und das, obwohl sie rund 1,4 Milliarden Euro investieren wollten.



2015 steckten Chinesen in Deutschland Geld in 280 Investments auf der Grünen Wiese. Sie hatten ein Gesamtvolumen von rund einer Milliarde Euro. Das ist weniger als die Summe, die Beijing WKW nun allein für seine Fabrik ausgeben wollte. Das Bundesland habe sich deshalb nach eigenen Angaben aus den Verhandlungen zurückgezogen. Zu seltsam sei ihnen die Offerte vorgekommen.

Auch andere Stimmen meldeten damals Zweifel an. So warnte Ferdinand Dudenhöffer, Autoexperte und Professor an der Universität Duisburg-Essen, etwa im MDR vor einer Wiederholung des Hahn-Debakels.



Das belastete Image chinesischer Investoren


Ein Unterhändler auf chinesischer Seite, der geholfen hat, den Deal mit den Sachsen einzufädeln, fühlte sich damals aufgrund der Skepsis gegenüber dem Projekt im Mai missverstanden. Die Deutschen seien zu kritisch, man habe ehrliche Absichten, so der Unterhändler im Gespräch mit der WirtschaftsWoche. Es würde allzu häufig Vorbehalte gegenüber chinesischen Investoren in Deutschland existierten, kritisierte er.

Nun scheinen sich diese allerdings zu bestätigen. Sollte der Deal nicht zustande kommen und Beijing WKW nicht ernsthaft weiter nach einem anderen Standort suchen, könnte das ohnehin belastete Image chinesischer Investoren weiter Schaden nehmen. Auch wenn das nicht für alle chinesischen Unternehmen gilt, pflegen viele von ihnen immer noch ein anderes Auftreten in Deutschland, als es hierzulande üblich wäre.

Vor allem wenn es um Transparenz und die Kommunikation nach außen geht, haben einige Firmen ihre eigenwillige Art, die in China innerhalb der Wirtschaft immer noch häufig zum Alltag gehört. So kommunizieren viele Unternehmen nur ungern mit Journalisten oder äußern sich über geplante Investitionen oder Umstrukturierungen. Viele der Firmen haben stark verästelte Strukturen, deren Verflechtungen sie nur ungern für andere offenlegen. Bis heute ist beispielsweise nicht bekannt, wer genau hinter dem größten Aktionär der Deutschen Bank, dem Konglomerat HNA, steckt, der 9,9 Prozent der Anteile an dem Finanzhaus hält.



Auch Beijing WKW wollte sich auf Fragen der WirtschaftsWoche nicht dazu äußern, was nun aus der Investition von 1,4 Milliarden Euro und den 1000 versprochenen Jobs in Sachsen werden soll. In Rothenburg reagiert man irritiert bis verärgert auf die Absage, wie es aus Verhandlungskreisen heißt. Man sei „ehrlich überrascht“, formuliert es Peter Nothnagel, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Sachsen, etwas diplomatischer. Seit sieben Jahren leitet der 61-Jährige die Wirtschaftsförderung. Häufig ist er für seine Arbeit in China unterwegs. Rothenburg wäre sein bisher größter Coup geworden.

Nun müssen Nothnagel und seine Kollegen einsehen, dass der Flughafen-Deal geplatzt ist. Aus Verhandlungskreisen heißt es zwar, man habe den Chinesen bereits ein neues Grundstück angeboten. In zwei Monaten wisse man mehr.

Peter Nothnagel zeigt sich weiter optimistisch. Allerdings ein bisschen weniger, als noch im Mai vergangenen Jahres. Das muss er zugeben.