Chinesische Firmen werden Europas Wirtschaftsmodell radikal umkrempeln

JD.com ist nur der Anfang: Die europäische Handelsbranche ist gut beraten, die Konkurrenz aus Fernost ernst zu nehmen. Denn sie hat das Potenzial, etablierte Branchen umzukrempeln.


Richard Liu ist einer der mächtigsten Männer in Chinas Technologiebranche. Bislang konzentrierte er sich auf sein Heimatland. Er machte Chinas Online-Zar Jack Ma rund ein Drittel des Geschäfts im E-Commerce streitig. Gleichzeitig krempelte er mit seinem Konzern JD.com in nur 15 Jahren die Logistikbranche in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt um. Doch das reicht ihm nicht mehr. Jetzt will er in Europa angreifen.

Er plant gleich im großen Maßstab. Seine Plattform soll zum Anbieter für alle werden. Er will nicht nur Produkte aus Europa nach China verkaufen oder andersrum. Nach seinen Vorstellungen soll JD.com eine Plattform werden, auf der sich die Kundschaft alles beschaffen kann. Dazu gehören auch Produkte von anderen Herstellern aus Europa.

Das klingt nach einem Frontalangriff auf Amazon. Deutsche Anbieter wie Otto oder Zalando spielen in den Überlegungen als Rivalen kaum eine Rolle. Dafür spielt Liu offen mit dem Gedanken, sich seine Marktmacht durch Übernahmen zu sichern. Und wer weiß, vielleicht denkt er dabei nicht nur an den Einkauf bei einer Onlineplattform, sondern sogar an den Einstieg bei einem Logistikgiganten wie DHL.

Noch sind das alles große Reden. Geliefert hat Liu bislang nicht. Doch es wäre genau der falsche Ansatz, seine großspurigen Ankündigungen als überzogen abzutun. Ganz im Gegenteil muss die europäische Handels- und Logistikbranche den Vorstoß genau verfolgen. Denn wenn es einem Anbieter gelingen könnte, Amazons Marktmacht in Europa zu brechen, dann haben Angreifer aus China die besten Chancen.


Hinter dem Angriff von JD.com steckt mehr. Es ist nicht allein die Strategie eines einzelnen chinesischen Unternehmers, sondern ein Trend. Über die vergangenen zwei Jahrzehnte ist Chinas Technologiebranche in rasantem Tempo gewachsen. Jetzt drängen die Unternehmen hinaus in die Welt. Und während der Handelskonflikt zwischen Peking und Washington die Firmenlenker abschreckt, wenden sich immer mehr von ihnen Europa zu.

Dafür steht zum Beispiel der geplante Bau der Gigafactory des Batterieherstellers CATL in Erfurt. Gründer Robin Zeng wählte Deutschland, um sich als Partner für die E-Autos der Zukunft bei den Herstellern in Europa in Stellung zu bringen. Und mit seiner Fabrik dürfte er eine Reihe von chinesischen Zulieferern dazu bewegen können, mit ihrer Produktion nachzuziehen.

Deutschland wird zum Schauplatz einer globalen Kräfteverschiebung

Die Zeiten sind vorbei, in denen sich chinesische Hersteller nicht auf den europäischen Markt getraut haben. Anbieter wie JD.com oder CATL sind nur die Vorhut. Viel mehr Firmen aus dem Reich der Mitte werden folgen. Und sie wollen nicht für billige Produktion, sondern für innovative Produkte stehen.

Keine chinesische Firma verfolgt diesen Ansatz so vehement wie Huawei. Der Netzwerkausrüster hat im vergangenen Jahr mehr Patente angemeldet als jedes andere Unternehmen in Europa. Die deutsche Industrie-Ikone Siemens liegt lediglich auf dem zweiten Platz. Damit setzt Huawei ein Zeichen. Mehr noch: Der Konzern legt die Basis, um bei Zukunftstechnologien eine dominante Position einnehmen zu können.

Wenn im kommenden Jahr die Lizenzen für den nächsten Mobilfunkstandard 5G in Deutschland versteigert werden, will sich Huawei schon jetzt als bester Anbieter für die Netzwerktechnik in Stellung bringen. Die Produkte des Herstellers aus dem chinesischen Shenzhen stecken bereits heute tief in der Infrastruktur der drei Netzbetreiber Telekom, Vodafone und Telefónica.


Deutschland und Europa werden zum Schauplatz für eine globale Kräfteverschiebung. Chinas Firmen fordern ihren Platz auf der Hitliste der innovativsten Unternehmen ein. Und sie haben gute Chancen, sich schon bald tief im europäischen Markt zu etablieren. Neben E-Commerce und Netzwerktechnik dehnen auch mobile Bezahldienste wie Alipay von Alibaba und WeChat Wallet von Tencent ihre Angebote nach Europa aus.

Vermutlich werden einige chinesische Angreifer scheitern. Der Leihradanbieter Ofo hat sich nach vollmundigen Ankündigungen wieder aus Berlin zurückgezogen. Die Entscheider in Peking hatten den Markt in Deutschland falsch eingeschätzt und zogen die Reißleine. Klar ist aber auch, dass viele Firmen erfolgreich sein werden. Huawei arbeitete sich vom namenlosen Anbieter zu einem der wichtigsten Hardwarelieferanten der Welt hoch.

In den deutschen Chefetagen muss ein Umdenken stattfinden. Der Drang chinesischer Firmen in den Westen steht erst am Anfang. Er wird zu einem radikalen Umbau des europäischen Wirtschaftsmodells führen. Besonders im Technologie- und Internetsektor sind chinesische Firmen stark. Sie haben das Potenzial, viele etablierte Branchen umzukrempeln: Handel, Mobilität oder Finanzen. Nur wer sich jetzt intensiv mit den Angreifern aus China beschäftigt, kann langfristig vom Umschwung profitieren.