Der chinesische Autobauer Nio will Europa erobern, doch es läuft schleppend — warum Nios auch in Deutschland Nischenprodukte werden könnten

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Nios Wechselstation Nummer 700 wurde im Dezember in Lianyungang City eröffnet.
Nios Wechselstation Nummer 700 wurde im Dezember in Lianyungang City eröffnet.

Während die europäischen Hersteller und Staaten die zukunftsträchtigen E-Autos mithilfe von Schnelladestationen langstreckentauglich machen wollen, setzt man in China zusätzlich auf eine weitere Strategie. Immer mehr Autokonzerne aus dem Reich der Mitte wie Geely oder Dongfeng entwickeln ihre Autos mittlerweile so, dass die Stromspeicher an speziellen Wechselstationen innerhalb kürzester Zeit ausgebaut und einfach ausgetauscht werden können. Mittlerweile haben sich in der Volksrepublik auch einige große Mineralölkonzerne und die Staatsführung diesem Konzept verschrieben.

Die Technologie wurde zwar bereits 2010 von dem Startup Better Place in Kooperation mit Renault eingeführt. Nur drei Jahre später verschwand sie nach der frühen Insolvenz des Unternehmens jedoch wieder in der Versenkung. In der Zwischenzeit experimentierte auch Tesla erfolglos mit dem Konzept. Aber erst das Startup Nio, gegründet 2014 in Shanghai, brachte die Idee vor knapp drei Jahren in Großserie.

Nio hat eine Kooperation mit Shell geschlossen

Im Reich der Mitte betriebt der Autobauer bereits über 770 der vollautomatisierten "Swapping Stations", in denen bereits 5,3 Millionen Batteriewechsel durchgeführt wurden. Ende 2025 sollen in der Volksrepublik bereits 3000 der Boxen stehen, die ungefähr die Fläche von zwei Parkplätzen einnehmen. Doch Nio möchte sich bei dem Ausbau der Infrastruktur nicht nur auf den Heimatmarkt beschränken. Zur Mitte des Jahrzehnts sollen außerhalb Chinas bereits 1000 dieser Stationen in Betrieb sein.

Zur Bewerkstelligung dieser Mammutaufgabe ist Nio eine Partnerschaft mit dem Ölriesen Shell eingegangen, die im vergangenen November verkündet wurde. Die beiden Unternehmen möchten in China bis 2025 gemeinsam insgesamt 100 der Batteriewechselstationen in Betrieb nehmen und ab diesem Jahr in Europa erste Pilotanlagen errichten. Zudem sollen die europäischen Nio-Fahrer Shells Ladeinfrastruktur nutzen können.

Bisher wurden in Norwegen nur 204 Autos verkauft

Nio – von William Li gegründet – gilt als eine der vielversprechenden chinesischen Automarken und befindet sich seit 2021 auf Expansionskurs. Ende September brachten die Chinesen ihren ES8 in Norwegen auf den Markt. Doch obwohl das technisch zeitgemäße Elektro-SUV mit einem Basispreis von umgerechnet circa 60.000 Euro vergleichsweise günstig sowie gut ausgestattet ist und Nio der Kundschaft auch auf seinem ersten Exportmarkt einen umfangreichen Service bietet, wurden in dem skandinavischen Land bis zum Jahresende nur 204 ES8 verkauft. Teslas Konkurrent Model X startet preislich übrigens erst jenseits der 100.000 Euro-Schwelle, ist also deutlich teurer.

In China laufen die Geschäfte mit insgesamt über 91.000 ausgelieferten Fahrzeugen 2021 immerhin besser. Im Vergleich zum Vorjahr machte dies ein Wachstum von satten 109 Prozent. Doch nicht nur der Absatz läuft in Norwegen vergleichsweise schleppend. Zeitgleich mit der Verkündung des dortigen Marktstarts hatte Nio kommuniziert, dass im Großraum Oslo bis Ende 2021 bereits vier der markentypischen Wechselstationen entstehen sollen. Deren Bau wurde teilweise bereits abgeschlossen, auf Anfrage von Business Insider stellte der Autobauer jedoch klar, dass noch keine von ihnen den regulären Betrieb aufgenommen habe.

Für die China-Version des ET7 soll ab Ende des Jahres eine Variante mit über 1.000 Kilometer Reichweite erhältlich sein.
Für die China-Version des ET7 soll ab Ende des Jahres eine Variante mit über 1.000 Kilometer Reichweite erhältlich sein.

Ende des Jahres kommt Nio nach Deutschland

Dabei wird die Möglichkeit des Batteriewechsels von der norwegischen Kundschaft positiv aufgenommen. Nio bietet das SUV ES8 auch auf den Exportmärkten mit der Option "BaaS" (Battery as a Service) an. Dabei werden die Autos ohne Batterie verkauft und die Stromspeicher stattdessen an die Nio-Fahrer vermietet. Das hat für die Fahrer den Vorteil, dass sie ihre Autos mithilfe der Wechselstationen immer auf dem neuesten Stand halten können und sie nicht mit dem Problem der abnehmenden Batteriekapazität konfrontiert werden.

Auch wenn sich der Erfolg in Norwegen noch in Grenzen hält, wird der chinesische Autobauer im vierten Quartal nach Deutschland expandieren. Und zwar nicht nur, weil es sich bei der Bundesrepublik um den größten Automarkt Europas handelt. Nio betreibt in München ein Designzentrum und hat in der bayerischen Landeshauptstadt seine Europa-Zentrale eingerichtet.

Los geht es mit zwei Limousinen

Als erstes Modell soll hierzulande der ET7 an den Start gehen, der in China schon ab März ausgeliefert wird. Die Elektro-Limousine hat ein technisches Highlight: Optional soll sie ab dem Jahresende mit einer Feststoffbatterie erhältlich sein, die eine Reichweite von beeindruckenden 1000 Kilometern ermöglichen soll. Die deutschen Kunden müssen sich aber vorerst mit den herkömmlichen Stromspeichern mit einer Kapazität von 75 oder 100 Kilowattstunden begnügen. Später soll auch der kompaktere und erst kürzlich präsentierte Tesla Model 3-Konkurrent ET5, sowie die bekannten SUV-Modelle ES8, ES6 und EC6 über deutsche Straßen rollen.

Nio möchte sein Batteriewechselkonzept auch hierzulande ausrollen. Noch halten sich die Chinesen aber mit näheren Informationen zurück. Auf Anfrage wurden Business Insider weder die Zahl der Stationen noch potenziell infrage kommende Standorte genannt. Zu den Absatzzielen in Deutschland schweigt sich der Hersteller ebenfalls. Laut dem Firmengründer William Li arbeitet sein Unternehmen noch an dem Geschäftsplan für den hiesigen Markt.

Mit der Mittelklasse-Limousine ET5 greift Nio zum Angriff auf das Tesla Model 3.
Mit der Mittelklasse-Limousine ET5 greift Nio zum Angriff auf das Tesla Model 3.

Auch hier sollen Wechselstationen entstehen

Die Wechselstationen werden aber definitiv ein fester Bestandteil des Business Plans sein. Nio hat diese nicht nur mehrfach angekündigt, sondern bereits im letzten Sommer vom TÜV Rheinland das nötige Zertifikat für den Betrieb ausgestellt bekommen. Dieses gilt EU-weit und schließt auch die "Power Charger" genannten Schnellladestationen sowie die markeneigene Wallbox ein.

Fraglich ist jedoch, ob dem chinesischen Premiumhersteller in Deutschland tatsächlich große Erfolge gelingen. Schließlich setzen mittlerweile auch die heimischen Konkurrenten Audi, BMW und Mercedes stark auf den E-Antrieb und bauen ihr elektrisches Angebot stark aus. Auch wenn Nio seine qualitativ durchaus konkurrenzfähigen Modelle hierzulande voraussichtlich deutlich günstiger anbieten wird, sind die Deutschen immer noch sehr markentreu. Für den Konkurrenten aus China wird sehr schwierig werden, gegen diesen Heimvorteil anzukommen.

Im Vergleich zum medial allgegenwärtigen Gegner Tesla, dem überdies die Rolle des Elektro-Pioniers zugeschrieben wird, ist die chinesische Marke in Europa eher unbekannt. Es wird wohl eine ganze Weile dauern, bis sich die Newcomer mit ihrer fortschrittlichen Technik und ihrem umfangreichen Service einen Namen machen können.

Die Erwartungen sind nicht besonders hoch

Der für die Deutsche Bank tätige und auf die chinesische Autoindustrie spezialisierte Analyst Edison Yu sagte in einer Schätzung für das „Handelsblatt“, dass Nios jährlicher Absatz in Deutschland zwischen 3000 und höchstens 20.000 Autos liegen werde. Der Marktanteil des Newcomers dürfte entsprechend irgendwo zwischen denen von Citroëns Nobeltochter DS Automobiles und Land Rover einpendeln. Dem Hersteller geht es aber bei seiner Expansion nicht unbedingt um riesige Verkaufszahlen, sondern um einen Prestige-Gewinn. Nio wird nach der Expansion im Westen in China laut Yu als internationales Unternehmen wahrgenommen.

Angesichts dessen dürften hierzulande nicht besonders viele Batteriewechselstationen entstehen. Nio ist mittelfristig der einzige Hersteller, der in Deutschland Autos vertreibt, die auf den kostenintensiven Batteriewechsel zugeschnitten sind. Auch wenn die Methode in China boomt, dürfte es noch einige Jahre dauern, bis sich die europäischen Autobauer dem Thema widmen.

Die Fahrzeuge müssen technisch nämlich von Grund auf so konzipiert sein. Die ersten Modellwechsel im E-Auto-Bereich stehen bei den deutschen Herstellern aber erst in einigen Jahren an. Von den Europäern hat bisher nur Renault Interesse an der Technologie bekundet. Die Franzosen hatten sich des Themas einst als erstes angenommen.

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